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In Christophs Zimmer: Thomas und Andrea Schmidl verloren ihren Sohn 2014 durch einen Verkehrsunfall.

Wir haben das Paar besucht

Leben ohne den Sonnenschein: Sie haben ihren Sohn bei Unfall verloren

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Das eigene Kind zu Grabe zu tragen, zählt zum Schlimmsten, was einem Menschen passieren kann. Andrea und Thomas Schmidl leben seit 2014 mit dieser Last. Wir haben das Paar besucht.

München - Wer in Christoph Schmidls Zimmer steht, glaubt, der Bub kommt gleich von der Schule heim. Seine Kapuzenjacke hängt über der Lehne seines Schreibtischstuhls, im Bücherregal stehen seine Harry-Potter-Legos. Als hätte er gerade eben noch damit gespielt.

Christoph wurde am 13. November 2014 von einem Laster erfasst. Er starb noch an der Unfallstelle. Wie jeden Tag radelte der 13-Jährige auf der Wasserburger Landstraße von der Schule heim. Er besuchte die 8. Klasse des Ernst-Mach-Gymnasiums in Haar. Christoph war ein beliebter Schüler, den Lehrer als fröhlichen Wirbelwind beschreiben. Zu seinen Lieblingsfächern zählte Biologie.

Mutter „hatte ein komisches Gefühl“

„Normalerweise war Christoph immer schon zu Hause, wenn ich mittags von der Arbeit kam“, erzählt Andrea Schmidl, die als Personalsachbearbeiterin tätig ist. An diesem Tag nicht. „Ich hatte ein komisches Gefühl und bin noch einmal los, um zu schauen, ob er vielleicht Probleme mit dem Radl hat. Da kam ich an einem Unfall vorbei und musste nachfragen.“ Andrea Schmidl, eine zierliche, 46 Jahre alte Frau mit Sommersprossen, gerät ins Stocken. „Leider war es tatsächlich so, dass es Christoph war.“

Sie sitzt neben ihrem Mann Thomas (47), einem sportlichen Typ, in ihrer Wohnung in Waldtrudering. Überall hängen Fotos von ihrem Sohn. Christoph mit Zahnspange, Christoph mit T-Shirt in seiner Lieblingsfarbe Orange, Christoph in Portugal - dem letzten gemeinsamen Urlaub. Als ob seine Eltern so die Leere füllen könnten, die sein Tod hinterlassen hat. „Christoph gehört ja immer noch zu uns“, sagt Thomas Schmidl. „Wir lachen auch noch über lustige Situationen, die wir mit ihm erlebt haben, erinnern uns gerne.“

1200 Münchner Familien werden vom Verein „Verwaiste Eltern“ betreut

Die Schmidls sind eine von 1200 Münchner Familien, die vom Verein „Verwaiste Eltern“ betreut werden. Sie teilen ein seltenes Schicksal: 2015 - neuere Zahlen liegen noch nicht vor - starben nach Angaben des Statistischen Amts 13 Münchner Kinder zwischen einem und 15 Jahren. Die häufigste Todesursache in dieser Altersgruppe sind Unfälle, gefolgt von bösartigen Tumoren. In der Altersgruppe der 15- bis 30-Jährigen gab es 75 Todesfälle, meist durch Selbstmord.

Wenn Eltern ihr Kind verlieren, hinterlässt das eine Wunde, die die Zeit - wenn überhaupt - nur langsam heilt. „Ich habe immer noch das Gefühl, es ist nicht real“, sagt Andrea Schmidl. Sie hatte ihrem Mann an jenem Tag sagen müssen, dass Christoph nicht mehr lebt. „Als mich meine Frau auf der Arbeit angerufen hat, um mir zu sagen, dass Christoph einen Unfall hatte, habe ich erwidert: Na super, jetzt hat er sich den Fuß gebrochen und liegt im Krankenhaus, oder?“, sagt Thomas Schmidl. Ein Kollege fährt ihn schließlich nach Hause - Thomas Schmidl, der als Mechatroniker arbeitet, ist dazu selbst nicht in der Lage.

Eltern besuchen Unfallort

Seit Christophs Tod steht die Tür zu seinem Zimmer immer offen. „Gleich nach dem Unfall haben wir seine Zimmertüre zugemacht. Aber diese Hoffnung, die Tür geht gleich auf und Christoph kommt raus - das war kaum zu ertragen“, sagt Andrea Schmidl. Zu Hause halten es die Schmidls nicht aus an jenem Tag. Sie gehen spazieren - und beschließen, den Unfallort zu besuchen. Dort haben Mitschüler, Freunde und Fremde Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet. Mit Schlafmitteln, die ihnen eine befreundete Ärztin gibt, finden sie nachts ein wenig Schlaf.

Christophs Todestag jährt sich bald zum dritten Mal. Die Schmidls wissen noch nicht, wie sie diesen Tag verbringen. An seinem ersten Todestag wurden sie von seiner Klasse eingeladen, gemeinsam ans Grab zu gehen. Sie zündeten Kerzen an, ließen Luftballons steigen und aßen Kuchen. „Auch heute noch besuchen uns seine Mitschüler“, sagt Thomas Schmidl. Am 1. April waren sie gemeinsam bowlen - Christoph wäre an diesem Tag 16 Jahre alt geworden.

Stilles Gedenken: Dieser Stein am Unfallort erinnert an die Tragödie.

„Schlimmer kann es eh nicht werden“

Nicht jeder geht mit Christophs Tod so unbefangen um. „Viele haben Angst, uns darauf anzusprechen, weil sie meinen, sie würden damit etwas verschlimmern. Aber schlimmer kann es eh nicht werden“, sagt Andrea Schmidl. Bis heute sind sie und ihr Mann nicht in der Lage, die Unfallakten einzusehen. Zu groß ist die Angst vor den Bildern im Kopf, die das auslösen könnte. Nicht zuletzt aus diesem Grund haben sie den Lkw-Fahrer, der den Buben erfasst hatte, auch nicht verklagt. „Dann würde vor Gericht alles rekonstruiert werden, dafür haben wir keine Kraft“, sagt Thomas Schmidl. Ohnehin, sagt seine Frau, würde das Christoph nicht lebendig machen.

Die Schmidls werden das Grab ihres Sohnes an Allerheiligen nicht besuchen. „Wenn, dann spätabends mit Taschenlampe, wenn alle anderen weg sind“, sagt Thomas Schmidl. Das ritualisierte Totengedenken ist nicht seine Sache. „Wir versuchen, Christophs Grab immer schön zu gestalten und besuchen es, wenn wir es möchten.“ Viel wichtiger findet er, als Paar zusammenzuhalten. „Das heißt nicht, dass ich mich dazusetze und mitweine, wenn Andrea in Christophs Zimmer sitzt und weint. Man muss akzeptieren, dass jeder anders trauert“, sagt er. „Jeder darf seinen Weg gehen.“

Eine große Stütze ist ihnen vor allem der Austausch mit anderen Betroffenen, die sie über „Verwaiste Eltern“ kennengelernt haben. „Es tut gut, zu erleben, dass man nicht allein ist. Und zu sehen: Man kann das überleben und es geht weiter.“

Bettina Stuhlweissenburg


Susanne Lorenz hilft als Sozialpädagogin Eltern, die ihre Kinder auf tragische Weise verloren haben. Im Interview spricht sie über ihre Arbeit.

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