Solidarität: Mitglieder der Band „Sportfreunde Stiller“ (stehend) beteiligten sich gestern am BISS-Protest gegen die Vergabe des alten Frauenknasts an einen anderen Investor. mw

„Ein herber Verlust für München“

München - Dass „BISS“ nicht den Zuschlag für das alte Frauengefängnis Neudeck erhalten soll, sorgt für heftige Kritik am Freistaat. Das Sozialprojekt hat prominente Unterstützer.

Der Stachel beim Sozialverein „BISS“ sitzt tief. Bei der nächsten Wahl werde die CSU ihre Ignoranz gegenüber der Bevölkerung zu spüren bekommen, sagte Johannes Denninger gestern vor der Münchner Presse. Denninger ist Initiator des „Hotel BISS“, ein Jugendprojekt, das im ehemaligen Frauengefängnis am Neudeck entstehen sollte. Wie berichtet, wird daraus nichts. Dass ein Investor mit einem zweistelligen Millionenangebot vom Freistaat nun den Zuschlag für das Gebäude in der Au erhalten soll, sei ein deutliches Beispiel für diese Ignoranz, schimpfte Denninger. „BISS“, was für „Bürger In Sozialen Schwierigkeiten“ steht, hatte sich auch beworben, unterstützt von 2000 Spendern und Darlehensgebern, um aus dem Knast ein Vier-Sterne-Hotel zur Ausbildung benachteiligter Jugendlicher zu machen.

Sobald der Investor bekannt ist, will BISS-Geschäftsführerin Hildegard Denninger auch auf diesen zugehen. „Wir bitten ihn, sein Angebot zurückzunehmen.“ Sie benenne auch eine Suite nach ihm und stelle im Hof einen Stein mit goldenen Lettern auf.

Fürsprache kam gestern von prominenten Freunden. Der Bassist der „Sportfreunde Stiller“, Rüdiger Linhof, appellierte an die Abgeordneten: „Zeigt Euer Wohlwollen und nehmt Euer Recht in Anspruch.“ Der Landtag ist - wie berichtet - nicht verpflichtet, an den Meistbietenden zu verkaufen. „Dass eine Partei, die das Wort ,sozial‘ im Namen trägt, dieses Wohlwollen nicht aufbringen möchte“, finde er traurig, sagte Linhof. „Ignoranz“ zeige diese Entscheidung auch gegen visionäre Ideen, betonte die evangelische Pfarrerin der Au und Haidhausens, Sandra Bach. „Wie wollen wir in Zukunft leben und arbeiten? Die Frage kann nicht danach entschieden werden, wer den größten Geldbeutel hat, sondern wer die beste Vision für die Menschen hat.“

Langfristig würde sich das Hotel für den Staat sogar rechnen, argumentiert die Leiterin des Projekts, Karin Lohr. „Ein Arbeitsloser kostet die Gesellschaft 18 500 Euro im Jahr.“ Wenn das Hotel ausbilde und die Jugendlichen dann Steuern und Sozialabgaben zahlten, kämen die 10 oder 20 Millionen Euro mehr bald wieder herein, die ein Investor jetzt mehr bieten könnte. Für 1,6 Millionen Euro wollte die Stiftung „BISS“ das Gebäude kaufen, was dessen Verkehrswert entsprechen soll. Mit Spenden, Förderzusagen und Darlehen sind bereits fast sechs Millionen Euro für das Hotel-Projekt beisammen.

Auch die Grünen kritisieren das Ergebnis der Ausschreibung. „Es wäre ein herber Verlust für München und ein spürbarer Rückschlag im Bemühen um soziale Gerechtigkeit“, sollte BISS nicht den Zuschlag bekommen, erklärte Siegfried Benker, Fraktionschef der Grünen im Stadtrat. GrünenLandtagsabgeordnete Claudia Stamm sagte, eine „sozialpolitische Chance zugunsten der Profitmaximierung“ aus der Hand zu geben, sei nicht nachvollziehbar. Die Grünen wollen versuchen, den Landtag noch umzustimmen.

kkr

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