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Eine Villa in Zagreb: Hier schlugen die Beamten der Ermittlungsgruppe „Cucina“ zu. Zehntausende Einbrüche sollen auf das Konto des Clans gehen

500 Mitglieder in ganz Europa

So nahm die Münchner Polizei den Einbrecher-Clan hoch

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Per Zufall kam die Polizei in München einer europaweit agierenden Einbrecher-Familie auf die Schliche. Nun wurden die Köpfe der Organisation dingfest gemacht.

München - Drei junge Mädchen auf Einbruchstour in München, beobachtet und geschnappt von zwei Zivilbeamten – dieser Zufallstreffer hat die Münchner Polizei auf die Spur einer europaweit agierenden Diebesbande gebracht. Der Klau-Clan, bestehend aus rund 500 Familienmitgliedern! „Wir gehen davon aus, dass diese Grupierung in Deutschland während der Dauer der Ermittlungen, von Sommer 2016 bis jetzt, für nahezu jeden fünften Einbruch infrage kommen kann“, sagte Reinhold Bergmann, Leiter des Kommissariats für Organisierte Einbruchskriminalität, am Montag. 20 Einbrecherinnen schnappten die Beamten jetzt überwiegend in Deutschland, zwei Drahtzieher nahmen sie in Kroatien fest. Zudem wurden zwei Gangster in Nordrhein-Westfalen verhaftet. Gegen zwei weitere Mitglieder des Clans liegen Haftbefehle vor.

Was den Fall ins Rollen gebracht hatte: Zwei Zivilbeamte beobachteten am 24. Januar 2016 drei Mädchen, die in der Obermaierstraße im Lehel die Eingangstüre eines Mehrfamilienhauses aufbrachen. Schnell, geschickt, mit dem passenden Werkzeug. Die Beamten nahmen die Mädchen fest. In dem Moment ahnten sie noch nicht, dass sie damit internationale Ermittlungen anstoßen würden. Obwohl die Mädchen gefälschte Ausweise bei sich hatten, klärte die Polizei die Personalien rasch. So stellte sie fest, dass die Einbrecherinnen einer Großfamilie angehören, deren Mitglieder europaweit in Häuser und Wohnungen einbrechen. Die Ermittlungsgruppe „Cucina“ wurde gegründet. Im Zuge der Ermittlungen zeigte sich, dass das erbeutete Geld offenbar nach Kroatien in der Nähe von Zagreb fließt. Da die Polizei auch die Hintermänner abgreifen wollte, reisten Mitarbeiter des Einbruchskommissariats und der Staatsanwaltschaft Anfang Mai nach Kroatien.

Reinhold Bergmann, Leiter des Kommissariats für Organisierte Einbruchskriminalität.

Alles über den Clan, wie die Bande operierte und welche Beute sie machte, lesen Sie hier.

„Wie ein Kraken“ - So ist die Familie aufgebaut

Die rund 20 Einbrecherinnen des Clans und die beiden Oberhäupter, die jetzt festgenommen wurden, sind – so vermutet die Polizei – nur die Spitze des Eisbergs. „Wir haben jetzt einem Arm des Kraken das Handwerk gelegt“, sagt Reinhold Bergmann. Etwa 480 weitere Mitglieder gehören zu den restlichen Krakenarmen. „Diese Arme sind noch in Takt“, sagt Bergmann. Man werde nun natürlich weiterermitteln. „Das ist sehr aufwändig“. Die Polizei vermutet, dass die Kriminellen zu europaweit verzweigten Familienclans gehören, die durch Verwandtschaft und Heirat miteinander verbunden sind. Die Polizei bezeichnet sie als „Europäer“. Die drei jungen Mädchen, die im Lehel festgenommen wurden, gehören der ersten Generation, der untersten Ebene, an. Die Clans schicken die „Arbeitsbienen“ auf Einbruchstour, da viele Bürger junge Mädchen in normaler Kleidung unverdächtig finden. 

Im Clan herrschen klare Hierarchien, stellte die Ermittlungsgruppe fest. Die zweite Generation sind die Eltern der jungen Einbrecherinnen, beziehungsweise Menschen um die 30 Jahre: das mittlere Management. Sie besorgen die Mädchen Wohnungen in Deutschland und helfen bei der Logistik wie beispielsweise Autos und Transport des Diebesguts. Die dritte Generation sind die Hintermänner im Ausland, in diesem Fall Kroatien. Sie sind um die 50 Jahre alt, verwalten das Vermögen im Ausland. „Der Clan arbeitet auf diese Weise hocheffizient“, so Bergmann. „Das geht sogar so weit, dass jugendliche Einbrecherinnen zwischen den Familien ausgeliehen werden.“ Dafür sollen die Familien sechsstellige Summen zahlen.

Die Beute des Einbruchs-Clans

Im Zuge der Ermittlungen des Kommissariats 51 stellte sich heraus, dass das erbeutete Geld und das Diebesgut nach Kroatien fließen. Dort sitzen die Drahtzieher, die das Vermögen verwalten.

Sie residieren nicht in armseligen Hütten, sondern in schicken Villen. „Wir gehen davon aus, dass erbeutete Gelder auch in Immobilien geflossen sind“, so Kommissariatsleiter Bergmann. In den imposanten Anwesen der Banden­oberhäupter fanden die Beamten Schmuck und zahlreiche weitere Gegenstände im Wert von rund 100 000 Euro. Dort wurden zudem zwei der Hintermänner verhaftet. Sie sitzen in Kroatien in Haft.

Wie drei Mädchen die Polizei auf die Spur einer Mega-Einbrecherbande führten

Die Polizei glaubt, dass der Schaden aller Einbrüche und Einbruchsversuche in die Millionen geht. „Die gute Nachricht für alle Opfer: Manche Uhr und mancher Ring wird seinen Weg zurück zum Besitzer finden“, sagt Bergmann.

Uhren und Schmuck, die bislang keinem Eigentümer zugeordnet werden konnten, werden jetzt auf eine Seite im Internet eingestellt. Untersecurius.eu/de/datenbank können alle Einbruchsopfer sehen, ob ein Wertgegenstand von ihnen dabei ist.

Die Tatorte: Hier schlug der Clan zu

Die Mitglieder der kriminellen Großfamilie brachen nach den Erkenntnissen der Ermittler europaweit in Häuser und Wohnungen ein. Allein in München werden den drei blutjungen Einbrecherinnen, die im Januar 2016 in der Obermaierstraße im Lehel gefasst wurden, 13 Einbrüche zugerechnet!

Die Ermittlungsgruppe, die sich nach der Festnahme der Mädchen im Januar gründete, nannte sich Cucina – weil in der Obermaierstraße, wo die Jugendlichen einbrechen wollten, auch ein Sternekoch eine Wohnung hat (cucina = Küche).

Allerdings kamen die Mädchen gar nicht erst bis zu dessen Wohnung, da die Zivilpolizisten sie direkt vor der Eingangstür festnehmen konnten. Vom Lehel aus gingen die Ermittlungen dann los.

Die Täterinnen (14, 15 und 19), die im Januar 2016 festgenommen wurden, wurden am 19. Oktober 2016 bereits zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. Zu den 13 Einbrüchen in München gesellen sich etliche weitere in der Region und ganz Deutschland.

Weitere Mitglieder des weitverzweigten Familienclans konnten in Gelsenkirchen, Münster, Villingen-Schwennigen, Hannover und Frankfurt gefasst werden. Nachdem der Clan seinen Aktionsradius im Sommer 2016 ins spanische Bilbao verlegt hatte, arbeiteten die Ermittler mit den dortigen Kollegen sowie mit Europol und Eurojust zusammen. So konnten auch dort Mitglieder der Gruppierung festgenommen werden.

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