+
Was bei der Operation gemacht wurde, zeigt Prof. Bernhard Heimkes Johanna Härdle (13) am Modell eines Beckens.

Wie eine OP Johannas Hüftgelenk rettete

München - Etwa drei von 100 Kindern kommen mit einer Fehlstellung der Hüfte zur Welt. So auch die 13-jährige Johanna Härdle. Mit ihrer Leidensgeschichte will sie anderen Menschen Mut machen.

Johanna Härdle ist ein fröhliches Mädchen. Nur eins stört sie ein wenig. „Ich kann nicht im Schneidersitz sitzen“, sagt die 13-Jährige. Dann zuckt sie mit den Schultern und lacht. Sie weiß selbst: Das Problem ist klein – im Vergleich zu dem, was sie und ihre Mutter hinter sich haben. Die vielen Tage im Krankenhaus, mehrere Operationen.

Johanna kam mit einer Hüftdysplasie, einer angeborenen Fehlstellung der Hüfte zur Welt (siehe Stichwort). Die Ärzte stellten bereits drei Tage nach der Geburt in einer Routineuntersuchung fest, dass der Hüftkopf aus der Gelenkpfanne gesprungen war. „Die Diagnose war ein Schock für mich“, erinnert sich Johannas Mutter, Carmen Härdle (43). Dabei ahnte damals noch nicht einmal der Arzt, was auf Mutter und Kind zukommen würde.

Zunächst schien alles recht einfach. Das Neugeborene sollte eine Spreizhose tragen. Diese trägt dazu bei, dass sich das Gelenk richtig formt. Erst nach zehn Tagen war klar, dass das bei Johanna nicht reichen würde. „Johanna hatte die schwerste Form der Hüftdysplasie“, sagt Prof. Bernhard Heimkes, Kinderorthopäde am Münchner Klinikum Großhadern. Die Gelenkkugel befand sich komplett außerhalb der Pfanne.

Johanna musste mit einer Overhead-Extension behandelt werden. Dabei liegt das Baby auf dem Rücken im Bettchen. Seine Beinchen werden V-förmig nach oben gestreckt und an einer Stange über dem Bett fixiert. Das soll die Muskeln lockern, um die Hüfte später in die richtige Position bringen zu können. „Dem Kind tut das nicht weh“, sagt Heimkes über die Extension. Viel schlimmer war der Anblick für die Mutter. Auch konnte sie ihr Neugeborenes nicht hochnehmen, stillen war schwierig. „Eine schwere Zeit“, erinnert sich Carmen Härdle.

Zwei Wochen lang musste Johanna so im Bettchen liegen. Dann waren die Muskeln locker genug. Die Ärzte konnten den Hüftkopf behutsam zurück in die Hüftpfanne schieben. Johanna wurde dazu in Narkose gelegt. Damit das Gelenk hinterher in der richtigen Position blieb, bekam sie einen Gips.

Sechs Wochen lang wurden ihre Beinchen damit in gespreizter Stellung gehalten. „Die guckten dann links und rechts raus“, erzählt die Mutter. Johanna machte das wenig aus. „Sie kannte es nicht anders“, sagt sie. Schwieriger war die Situation für die Mutter selbst. Das Kind mit den abgespreizten Beinen im Gips auf den Arm zu nehmen war nicht einfach. Carmen Härdle trug ihre Tochter darum mit einem Tuch. „Man arrangiert sich“, sagt sie. Hilfreich waren auch die extrabreiten Kinderwägen und Kindersitze fürs Auto, die es im Handel gibt. Unbezahlbar: die Unterstützung der Großeltern.

Auch als der Gips ab war, war die Behandlung nicht vorbei. Drei Monate musste Johanna eine Brown-Forrester-Schiene tragen, auch Spreizschiene genannt. Dann bei der nächsten Kontroll-Untersuchung der Schock: Der Hüftkopf war erneut aus der Gelenkpfanne gesprungen. Johanna, gerade sechs Monate alt, musste operiert werden. Ein Band an der Hüfte hatte sich verdickt. Es war beim ersten Versuch, das Gelenk in die richtige Position zu bringen, zwischen Gelenkkopf und -pfanne geraten. „Die Operation war nicht schwer“, sagt Heimkes. Die Ärzte entfernten Gewebe von dem verdickten Band und schoben den Hüftkopf wieder in die Pfanne. Kein Muskel musste durchtrennt werden. Doch blieben Narben.

Nach dem Eingriff folgte wie beim ersten Mal die aufwendige Nachbehandlung: Erst sechs Wochen Gips, dann wieder drei Monate Brown-Forrester-Schiene. Es war kurz nach ihrem ersten Geburtstag, als Johanna endlich ihre Beine frei bewegen konnte. Bis dahin musste sich das Mädchen anders behelfen. „Ich bin einfach gerobbt“, sagt sie. Nachdem die Schiene ab war, machte sie bald auch ihre ersten Schritte. „Da gibt es kaum Verzögerungen“, sagt Heimkes.

Zunächst schien alles überstanden – bis Johanna sechs Jahre alt war. Die Ärzte stellten fest, dass ihre Hüfte immer noch zu steil stand. Sie rieten der Mutter erneut zu einer Operation. Sonst müsste sie damit rechnen, dass das Gelenk bereits mit etwa 30 Jahren so stark abgenutzt ist, dass Johanna einen künstlichen Ersatz bräuchte.

Der Eingriff verlief gut. Um die Fehlstellung zu korrigieren, durchtrennten die Chirurgen den Beckenknochen oberhalb des Gelenks, verschoben ihn etwas nach unten und füllten die entstandene Lücke mit einem Knochenkeil. Den hatten sie zuvor aus dem Beckenkamm entnommen. Nach dem Eingriff musste Johanna fast die ganzen Sommerferien im Rollstuhl sitzen, durfte das Bein nicht belasten. „Aber alle meine Freunde haben mich besucht“, erzählt sie. „Du warst eine richtige Attraktion“, sagt die Mutter.

Die OP lag lange zurück, da begann Johanna vor zwei Jahren zu humpeln. „Mir tat nichts weh, aber es hat etwas geziept“, erzählt das Mädchen. Mutter und Tochter machten sich Sorgen, fuhren erneut in die Klinik. Die Diagnose: Johannas linkes Bein war zwei Zentimeter kürzer als das rechte. Zwar ist ein Längenunterschied normal. Mehr als einen Zentimeter sollte er aber nicht betragen.

Es folgte die nächste OP. Diesmal wurden acht kleine Plättchen in die Wachstumsfugen im rechten Knie eingesetzt. Das sollte das Wachstum des gesunden Oberschenkels bremsen. „Das war nicht so toll“, sagt Johanna. „Aber man muss halt damit leben.“ Die Plättchen bremsen das Wachstum nicht völlig, erklärt Heimkes. Bei Johanna wäre das aber ohnehin kein Problem. Sie ist schon jetzt größer als ihre Mutter. „Ich war immer die Größte in der Klasse“, sagt sie. „Obwohl ich die Jüngste bin.“

Ob sich der Eingriff gelohnt hat? „Schauen wir uns das doch mal an“, sagt Heimkes. Er vergleicht die Beinlänge. „Das sieht doch gut aus“, sagt er. Bald können die Plättchen entfernt werden. Wieder eine Operation für Johanna. Sie zuckt mit den Schultern. Besser jetzt, als später viel schlimmere Beschwerden. „Einmal noch, dann will ich dich hier nie wieder sehen“, sagt Heimkes und lacht. Alle hoffen, dass dies Johannas letzte Operation sein wird.

von Bettina Dobe

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Aus einer respektlosen Angewohnheit, die viele nervt: Schlägerei in der S-Bahn
Ein 20-Jähriger wollten in der S-Bahn in Taufkirchen die Schuhe nicht vom Sitz nehmen. Als ihn ein Fahrgast darauf ansprach, rastete er aus.
Aus einer respektlosen Angewohnheit, die viele nervt: Schlägerei in der S-Bahn
Israel-Kritiker bleibt ausgesperrt: Gericht stützt Antisemitismus-Beschluss der Stadt
Weil die Stadt München für eine Israel-kritische Kampagne keine Veranstaltungsräume vergeben möchte, muss sie sich gegen einen Kläger vor Gericht verantworten.
Israel-Kritiker bleibt ausgesperrt: Gericht stützt Antisemitismus-Beschluss der Stadt
Reiter speckt ordentlich ab - mit diesem Trick
Über Prozente spricht man bei der SPD dieser Tage ungern. Auch die Werte von Oberbürgermeister Dieter Reiter (60, SPD) gehen stetig zurück – allerdings fernab des …
Reiter speckt ordentlich ab - mit diesem Trick
Schlechte Nachricht für Münchner Trambahn-Linien: Zu wenig Fahrzeuge und Personal
Mehr Fahrten, neue Strecken - mit dem Fahrplanwechsel hatte sich die MVG viel vorgenommen. Doch nun müssen Fahrgäste doch wieder tapfer sein.  
Schlechte Nachricht für Münchner Trambahn-Linien: Zu wenig Fahrzeuge und Personal

Kommentare