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Der Einzelkämpfer

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Von: Johannes Löhr

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Der renommierte Wissenschaftler Klaus Buchner. © Haag

München - Mit 73 Jahren macht sich Klaus Buchner (ÖDP) noch einmal auf in den politischen Kampf. Der zurückhaltende Kernphysiker wird als einziger Münchner im EU-Parlament sitzen.

Eines hat Klaus Buchner, 73, mit seinem Einzug ins EU-Parlament schon jetzt erreicht: Nach 40 Ehejahren hat er seine Frau nochmal so richtig überrascht. „Ich hätte nicht gedacht, dass er sich so reinhängt“, sagt Rosemarie Buchner, nachdem ihr Mann der Münchner Presse im Ratskeller erklärt hat, was er im Parlament alles erreichen will.

Vor vier Jahren noch hätte er selbst wohl nicht daran gedacht. „Aus Altersgründen“ hatte Klaus Buchner 2010 den Bundesvorsitz der ÖDP an den jungen Wilden Sebastian Frankenberger abgegeben. Heute ist der sechsfache Großvater als Universitätsprofessor längst in Rente und könnte sein Leben in der Eigentumswohnung im Olympiadorf genießen. Doch Buchner wird in den kommenden fünf Jahren als einziger Münchner von 751 Abgeordneten im Europaparlament sitzen.

Ein junger Wilder ist der Mann mit der Nickelbrille also beileibe nicht mehr. Trotzdem war er und nicht Frankenberger Spitzenkandidat bei der EU-Wahl, was wohl etwas über seine Durchsetzungsfähigeit aussagt. Auch im Parlament will er klare Kante zeigen. Das sagt er natürlich nicht so, dafür ist der Naturwissenschaftler („Ich bin gelernter Kernphysiker“) viel zu zurückhaltend. „Sie werden verstehen, dass das eines der Hauptziele ist, gegen die ich kämpfen will“, sagt er mit sanfter bairischer Einfärbung, als er auf das Freihandelsabkommen und den Einfluss der Wirtschaft zu sprechen kommt. Der geplante „Rat für Kooperation“, den manche in Brüssel gerne zwischen die Kommission und das Parlament schieben würden, will er unbedingt verhindern. Kein Gesetzentwurf der Kommission dürfte sonst dem Parlament vorgelegt werden, wenn er nicht von diesem Rat genehmigt wäre, in dem Vertreter von Wirtschaftsverbänden sitzen. „Das heißt“, sagt Buchner, „es kann über kein Gesetz mehr abgestimmt werden, das nicht den Wünschen der Wirtschaft entspricht. Wenn das kommt, dann ist das das Ende der Demokratie.“

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Klaus Buchner mit seiner Frau Rosemarie © rk

Überhaupt fordert Buchner: „Wer Europa will, muss die EU demokratisieren.“ Aus diesem Grund klagte er mit der ÖDP bereits 2008 gegen den EU-Reformvertrag von Lissabon. Und dann ist da noch die „Flut von manchmal sogar schädlichen Verordnungen“, wie Buchner sagt. In Straßburg werde „im Zehn-Sekunden-Takt über eine neue Verordnung entschieden - das kann’s doch wirklich nicht sein. Ich werde versuchen, Koalitionen zu finden, um diese Flut einzudämmen.“

Für seine Vorhaben braucht er Verbündete. Welcher der bislang sieben Fraktionen im EU-Parlament er sich anschließt, muss bis 2. Juli geklärt sein - noch will er nicht konkret werden. „Logischerweise haben wir Kontakte aufgenommen“, betont er. Viele Fraktionen in Brüssel müssen sich neu gliedern, da will Buchner mitreden. Mitstreiter gegen das Freihandelsabkommen könnte er unter anderem bei den Grünen finden. „Die Volksparteien, die Sozialisten und die Liberalen sind dafür“, sagt er. „Das sind aber schon die Einzigen. Deswegen werde ich wohl schon nächste Woche nach Brüssel fahren und schauen, wie ich Partner finden kann.“

Dass er das überhaupt kann, liegt daran, dass es bei dieser Wahl keine Begrenzung mehr gab, an der die ÖDP mit ihren bundesweit 0,7 Prozent hätte scheitern können. Buchner selbst war maßgeblich an der Klage gegen die Prozent-Hürde beteiligt, die im Februar vor dem Bundesverfassungsgericht Erfolg hatte. An eine Zersplitterung des Parlaments glaubt er nicht. Auch das Erstarken der Nationalisten bereitet ihm - zumindest auf EU-Ebene - wenig Sorge. „Der Rechtsruck ist ein großes nationales Problem. Aber wir hatten schon jetzt eine Fraktion im EU-Parlament, die sehr weit rechts war. Ob die nun ein paar Abgeordnete mehr hat, spielt dort eine geringere Rolle.“

Vielleicht liegt es an der Abgeklärtheit des Alters, aber Klaus Buchner wirkt nicht so, als müsste er noch irgendwem irgendwas beweisen. Er arbeitete unter Werner Heisenberg am Max-Planck-Institut sowie am europäischen Forschungszentrum CERN, seine Forschungsschwerpunkte lagen in der Allgemeinen Relativitätstheorie und der Differentialgeometrie. Buchner ist rumgekommen, er lebte in Japan, in Indien, und man möchte wetten, er untertreibt, wenn er sagt, er spreche „Deutsch und Englisch gut, Französisch mäßig, Italienisch noch schlechter, und mit Spanisch habe ich lebhafte Probleme“.

Politiker wurde Buchner gewissermaßen auf dem zweiten Bildungsweg. 1983 trat er der ÖDP bei. Zu dem Zeitpunkt war er noch begeisterter Befürworter der Kernenergie und hoffte, „die Partei würde ihn aushalten“. Heute stellt er sich Bürgerinitiativen gegen die Kernenergie in juristischen Verfahren gratis als Berater zur Verfügung. „Ich war an etlichen Genehmigungsverfahren von Kernkraftwerken beteiligt. Wenn Sie sehen, wie da mit der Sicherheit umgegangen wird, können Sie nicht mehr für die Kernkraft sein.“

Als „alleiniges Sprachrohr der Münchner Themen“ sieht sich Buchner nicht. Doch viele Verordnungen wirkten sich direkt auf die Stadt aus. Er bemüht sich um einen neuen Politikstil: „In Brüssel läuft sehr viel im Geheimen - und ich sehe es als meine Aufgabe an, Dinge, die die Bevölkerung angehen, öffentlich zu machen.“ Außerdem will er regelmäßige Bürgersprechstunden einführen - allerdings nicht etwa, weil seine Frau Rosemarie ihn nach München zurücklocke: „Sie wird mich in Brüssel besuchen“, kündigt er an. Dass er seine vier Kinder und sechs Enkel nicht mehr regelmäßig sieht, wird ihm allerdings schwerfallen. Auch das Bier wird er vermissen - schließlich ist er ein Münchner Urgwachs: „Mein Urgroßvater war königlich-bayerischer Leibgarde-Hartschier. Er hat den Vorzimmer-Verkehr für Prinzregent Luitpold und König Ludwig III. geregelt.“

Nahe an der Macht ist nun auch Klaus Buchner. Warum er sich dafür auf seine alten Tage noch so reinhängt, das kann dann doch die Gattin am besten erklären: „Mit Enkelkindern denkt man ein Stück weiter. Wenn die ihn mal fragen, was hast für uns gemacht, will er ihnen nicht sagen müssen: Tut mir leid, ich war die Generation Kreuzfahrt.“

Johannes Löhr

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