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Die MVG gibt den Ton an: Seit elf Jahren klingt aus Lautsprechern in zehn U-Bahnhöfen dieselbe klassische Musik.

Musik im U-Bahnhof: "Es ist Zeit für einen Wechsel"

München - Während Live-Musik im Untergrund anderswo Alltag ist, bewegt sich der Münchner in der U-Bahn weitgehend beschallungsfrei. Nicht ganz jedoch: Seit Jahren laufen in zehn Bahnhöfen dieselben klassischen Werke in Endlos-Schleife. Bevor die Kunden abstumpfen, ändert die MVG nun das Repertoire.

In Städten wie London, Paris und New York gehören sie zum gewohnten Bild im Untergrund: Musiker, die in den unterirdischen Gängen aufspielen - und im besten Fall die Fahrt zur Arbeit mit einem kulturellen Erlebnis veredeln. In München dagegen herrscht in dieser Hinsicht Ruhe im Untergrund. Dabei ist es keineswegs so, dass die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) etwas gegen Live-Musik in den U-Bahnhöfen hat. „Wir haben dafür definierte Flächen“, sagt MVG-Chef Herbert König. „Dort, wo Platz ist, der Brandschutz eingehalten wird und die Fluchtwege frei bleiben, haben wir nichts dagegen.“

Scheinbar ist die Lust der Musiker, in den Gängen der U-Bahn zu spielen, schlicht flöten gegangen. Bis vor einigen Jahren, berichtet König, habe es immer wieder Interessenten gegeben. Irgendwann seien sie dann einfach ausgeblieben.

Anders ist die Einstellung der MVG zum Musizieren im Wagon. „In den Fahrzeugen war das immer verboten“, sagt König. Und blickt der MVG-Chef etwa nach Berlin, fühlt er sich bestätigt. In der Hauptstadt können sich Fahrgäste den Musikanten, die - mehr oder weniger begabt - Evergreens und Gassenhauer zu Gehör bringen und um Kleingeld bitten, kaum mehr entziehen. Vor ein paar Jahren hat König die Münchner U-Bahn-Fahrgäste dazu befragen lassen. Ergebnis: „Viele fühlen sich davon belästigt.“

Lästig könnten manchem Fahrgast allerdings inzwischen auch Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ geworden sein. Seit dem Jahr 2000 lässt die MVG die Wartenden an zehn U-Bahn-Stationen, etwa an Goethe- und Odeonsplatz, vor und nach der Rush-Hour mit Klassikern der Klassik berieseln. Das, hat das Unternehmen ermittelt, steigere auch das subjektive Sicherheitsgefühl.

Mit Sicherheit hat sich nun - nach elf Jahren Endlosschleife - aber ein Abnutzungseffekt eingestellt. Denn: Es sind nur zwölf verschiedene Werke, von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ über Mozarts „Posthorn Serenade“ und Johann Strauss’ II. „Kaiserwalzer“ bis hin zu Tschaikowskys „Serenade in C-Dur“, die in einer 300-Minuten-Schleife immer von Neuem digital abgespielt werden. Das Repertoire dürften viele inzwischen im Schlaf kennen. Und: Wer jeden Tag zur selben Zeit am selben Bahnsteig steht, bekommt gar immer dasselbe Stück zu hören.

Die Musikbeauftragten der MVG reagieren nun: Es sei „in der Tat Zeit für einen Wechsel“, sagt König. Seine Mitarbeiter seien gerade auf der Suche nach frischem klassischem Klangmaterial. Allerdings gebe es keine große Auswahl. Denn: Die Musikstücke müssten eben „einem ganz breiten Publikum entsprechen“.

Musikliebhaber unter den Fahrgästen bemängeln zwar, dass die Lautsprecher ohnehin nicht für eine angemessene Wiedergabe der virtuosen Töne ausgelegt sind. Doch die große Mehrheit der Fahrgäste habe das Projekt „Klassik in der U-Bahn“ begrüßt, sagt König. Es ausweiten, gar auf alle 100 U-Bahnhöfe, will der MVG-Chef nicht. „So können wir demjenigen, den es nervt, sagen: Es gibt doch eine große Zahl von Bahnhöfen, an denen du nicht belästigt wirst.“

Caroline Wörmann

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