Galerie und Wodka-Bar: Das Provisorium an der Lindwurmstraße vereint verschiedene Leidenschaften. Foto: Oliver Bodmer

Erdbeer-Wodka im Lesesaal

München - Einst gab es im „Bayerischen Herold“ an der Lindwurmstraße Schweinsbraten, jetzt ist für ein paar Monate eine Künstlerbar eingezogen.

Wände ohne Tapeten, Kneipen in ehemaligen Gemüseläden: Seit zwei Jahren ist im Münchner Nachtleben viel die Rede von Zwischennutzungen und ihrem Charme. Ob Abbruchhaus in der Maxvorstadt („Horses, Cars & Stars“, 2009) oder Abriss-Kaufhaus an der Tegernseer Landstraße („Puerto Giesing“, 2010): Die Münchner feiern offensichtlich gerne in Häusern, die bald abgerissen oder umgebaut werden. Was deren Reiz ausmacht? „Es ist einfach schön, eine begrenzte Sache zu machen“, sagt Wanja Belaga, „wir stellen was auf die Beine, man kann sich austoben - diesen Aufbruchcharakter hat man sonst nicht in einer Bar.“ Der Pianist und Maler hat dem Münchner Nachtleben einst die „Monofaktur“ an der Sonnenstraße und den „Prager Frühling“ in Schwabing geschenkt - und ist jetzt unter die Zwischennutzer gegangen.

„Provisorium“ heißt sein Laden an der Lindwurmstraße 37, „Kunstbar und Lesesaal“ hat Belaga hinzugefügt. Einst war hier der „Bayerische Herold“, ein klassisches Wirtshaus. „Ich habe gehört, da gab es den geilsten Schweinsbraten“, sagt Belaga. Schweinsbraten gibt es nicht mehr, und auch sonst erinnert kaum noch etwas an ein Wirtshaus. Nackte Glühbirnen baumeln von den hohen Decken, an Wänden ohne Tapete stellen befreundete Künstler aus, ein paar Sofas und Biergartenmöbel stehen herum. Das Helle kostet im „Provisorium“ 2,50 Euro - und überhaupt sind die Preise moderat. „Es soll ja auch eine Künstlerkneipe sein“, betont Belaga.

Allzu heftig feiern dürfen die Künstler aber nicht. „Drum’n Bass-Parties werden hier keine sein können“, sagt er. Stattdessen soll es etwa Lesungen geben. „Lesen macht Spaß - und verursacht keinen Lärm“, so die logische Erklärung. Mit dem Thema Lärm hat Belaga in seinen 20 Jahren im Münchner Nachtleben nämlich schlechte Erfahrungen gemacht - beziehungsweise mit Nachbarn und Behörden. Belaga betreibt den „Salon Irkutsk“ an der Isabellastraße. Da ist auch schon mal um 20 Uhr die Polizei gekommen, weil Klavier gespielt wurde, erzählt er kopfschüttelnd. „Das macht das Leben hier so hart.“ Trotzdem liebt Belaga, der sich als „Lokalpatriot“ bezeichnet, München. „Ich komme aus einer sehr großen Stadt, die sehr anonym ist“, sagt Belaga, der in Moskau aufgewachsen ist, „da mag ich das Heimelige hier.“

Man kennt sich in München, und so hat Belaga den neuen Laden auch mit der Hilfe vieler Bekannter gestemmt. „Ich habe so viel Geld von Freunden geliehen, die Banken würden doch für sowas hier nichts geben!“ Seine Leute halfen auch beim Umbauen, an der Theke, beim Flyerdrucken. Eigentlich könnte der Laden jetzt durchstarten - einzig fehlt bisher das Publikum. So richtet sich nun alle Hoffnung auf den Herbst. „Die Leute werden deinen Laden lieben!“, sagen die Gäste zu Belaga. Vielleicht wird dann ja der Wodka in Strömen fließen. Der ist die Spezialität im „Provisorium“. Aromatisierter Wodka, den ein Freund des Hauses macht. Mit Erdbeere, mit Marille, mit Zitronengras und Ingwer oder mit Trüffel gibt es das russische Getränk. Und auch das Programm soll im Herbst Fahrt aufnehmen. Dann soll montags Tango getanzt werden - und auch für Veteranen des Münchner Nachtlebens wird etwas dabei sein. Mittwochs ist dann „Egon Bar“-Revival-Abend in Erinnerung an die Bar, die einst an der Seitzstraße residierte. „Musik, die vom Aussterben bedroht ist“, verspricht Belaga.

Allzuviel Zeit sollte sich die Szene nicht nehmen, wenn sie den Laden noch in Beschlag nehmen will. Der Mietvertrag läuft bis Ende März, dann zieht das benachbarte Hotel in das Haus ein.

Felix Müller

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