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Feiert am Samstag seinen 85. Geburtstag: Der Bildhauer Martin Mayer in seiner Werkstatt in der Borstei.

Martin Mayer

Der Erschaffer des Bronze-Keiler wird 85

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München - Kenner schätzen seine Frauen-Skulpturen. Seine bekannteste Plastik aber ist der Bronze-Keiler vor dem Jagd- und Fischereimuseum: Der Bildhauer Martin Mayer wird am Samstag 85 Jahre alt.

Immer dieser Keiler! Als hätte er nichts anderes gemacht! Die Olympia Triumphans zum Beispiel, eine mächtige Athletin, die 1972 im Haus der Kunst dem internationalen Publikum gezeigt und dann im Olympiapark aufgestellt wurde. Oder der Franziskus auf dem Sankt-Anna-Platz im Lehel. Der Orpheus in der Borstei, die Bukolika an der Ludwigsbrücke, die Haarwaschende in der Sendlinger Höltystraße, der Jakobspilger in der rheinland-pfälzischen Stadt Speyer. Und, und, und.

Trotz der enormen öffentlichen Präsenz seiner Werke, ist Martin Mayer für viele ein Unbekannter. Dabei zählt die Sau vor dem Jagd- und Fischereimuseum vermutlich zu den meistfotografiertesten Skulpturen der Welt. Aber wer kennt schon den Schöpfer des Bronze-Bullen in der New Yorker Wall Street? Oder der Freiheitsstatue? Martin Mayer ist Künstler, und der tritt bekanntlich hinter seinem Werk zurück.

Sie ist eine der meistfotografiertesten Skulpturen der Welt: Die Sau vor dem Jagd- und Fischereimuseum.

Allerdings mag es Mayer nicht, als Künstler bezeichnet zu werden. „Ich bin Bildhauer“, betont er. „Künstler nennt sich heute jeder.“ Er sitzt in seinem Wohnzimmer in der Borstei. Bayerische Lederhosn trägt er und einen sogenannten Rieser Kittel. Das bestickte schwäbische Bauernhemd ist ein bei Bildhauern beliebtes Arbeitsgewand. An der Wand hängen seine Zeichnungen, auf dem Boden stehen seine Plastiken. Frauen mit üppigen Oberschenkeln und breiten Hüften. „Das entspricht meiner Vorstellung von Form“, sagt er.

Mayer, 1931 in Berlin geboren, wollte nie etwas anderes werden als Bildhauer. Seine Eltern, beide Grafiker, waren der Kunst sehr zugewandt. Trotzdem wäre es ihnen lieber gewesen, ihr Sohn hätte einen sicheren Beruf ergriffen. „Aber das war bei mir nicht der Fall“, sagt Mayer. Eigensinnig wirkt er. Und unbeirrbar. Hatte er nie Angst, als Künstler kein geneigtes Publikum zu finden? „Angst ist ein Zustand, den ich nicht kenne.“

Im Alter von 15 Jahren kam Mayer nach München. Als Schüler des Bildhauers Theodor Georgii. Der Abt von Kloster Ettal hatte ihn empfohlen. Dort wollten ihn seine Eltern aufs Internat schicken – in der Hoffnung, seine schulischen Leistungen zu verbessern. Allerdings merkte der Abt schnell, dass nicht Mathematik und Latein die Stärken des jungen Mayers waren. Sondern seine künstlerische Begabung. An der Seite von Georgii wurde aus Begabung Können. Später studierte Mayer an der Münchner Akademie der Bildenden Künste.

Handwerkliches Können ist ihm wichtig. „Heute besteht Kunst im Wesentlichen aus Zufälligkeiten, aber in der Kunst gibt es keine Zufälligkeiten“, sagt er. Mayers Werke sind genau durchdacht. Die Olympia Triumphans etwa ist eine präzise Antwort auf die Architektur im Olympiapark. Ihre gespreizten Beine greifen die Stützen des Olympiastadions auf, ihre runden Pobacken die Formen des inzwischen abgerissenen Radstadions. Mayer hatte den Standort zentimetergenau geplant.

Hat er einmal eine Vorstellung entwickelt, lässt er sich von niemandem dreinreden. Der Keiler vor dem Jagd- und Fischereimuseum zum Beispiel hätte ursprünglich anders aussehen sollen. Bernhard Borst, Erbauer der Münchner Borstei und Mayers erster Förderer, hatte die Wildsau in Auftrag gegeben. Passend zu seinem Namen wollte er ein Borstenvieh.

Nicht irgendeines. „Er wollte eine Kopie der Wildsau auf dem Mercato Nuovo in Florenz“, erzählt Mayer. „Er hat mich nach Florenz geschickt, um die Sau zu studieren. Ich habe die Sau studiert und gesagt, dass ich keine Kopie mache.“ Da ist er wieder, dieser Eigensinn. Mayer entwickelte eine eigene Sau. Eine, die sich in Ausdruck und Bewegung von der florentinischen Sau unterschied. „Sie hat Borst gefallen.“

Und nicht nur ihm: Nachdem der Bronze-Keiler in der Borstei aufgestellt war – wo er heute noch steht – wurde das Jagd- und Fischereimuseum darauf aufmerksam – und orderte einen zweiten Guss. Mayer ist durchaus zufrieden mit seinem Keiler. „Mich stört nur, dass die Leute immer denken, ich hätte nur die Sau geschaffen.“

Kunsthistoriker dagegen bezeichnen Mayer als bayerischen Rodin. Weil er einer der letzten Vertreter der klassisch-modernen Skulptur in der Tradition des französischen Bildhauers Auguste Rodin sei. Eine Tradition, die weitergeht: Mayer denkt auch mit 85 Jahren nicht ans Aufhören. Derzeit arbeitet er an seiner Plastik Denuda, einer Frau, die sich entkleidet. „Die Arbeit ist ein Teil von mir. Ein wesentlicher Teil.“

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