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Zwei, die sich jetzt schon verstehen: Jonathan und Leonie. Beide besuchen ab September die erste Klasse der neuen inklusiven Grundschule.

Erste inklusive Grundschule: Münchens mutigstes Schulprojekt

München - Behinderte Menschen sollen im vollen Umfang an der Gesellschaft teilhaben können, also auch Zugang zu normalen Schulen haben. Was eine UN-Konvention verbindlich fordert, will nun ein Münchner Institut verwirklichen.

Leonie ist ein aufgewecktes Mädchen, das im September auch irgendwo anders die erste Klasse besuchen könnte. Ihre Eltern haben sich für die inklusive Grundschule des Institut für Cerebralparesen (ICP) entschieden. Leonie wird dort in einer Klasse mit insgesamt 18 Kindern unterrichtet. Sechs davon sind Kinder mit Behinderung.

Doris Weichselgärtner glaubt, dass ihre eher stille Tochter profitiert.

„Wir glauben, dass sich Leonie in solch einem Klassenverband einfach wohler fühlt“, sagt Mutter Doris Weichselgärtner. Weniger Kinder, ein gutes pädagogisches Konzept, die Chance, schon früh soziale Kompetenzen zu erlernen – das befürwortet die Familie. „Leonie beobachtet gerne und hält sich zunächst eher zurück. Ich glaube, dass in dieser Schule auch auf die leiseren Kinder persönlicher eingegangen werden kann. Die Kinder lernen zu akzeptieren, dass jeder etwas hat, was er besser kann und was er nicht so gut kann, und dass das in Ordnung ist.“

Für Nora Krauß ist die neue Schule die ideale Form für ihren Sohn Jonathan. Der siebenjährige Blondschopf mit den hellblauen Augen ist sehr offen und fröhlich. Auf den ersten Blick erkennt man keine Behinderung, doch der Bub hat eine breitgefächerte Entwicklungsverzögerung.

Jonathan ist für eine Förderschule zu weit, aber in einer Grundschule würde er untergehen, weil er die Leistungsanforderungen nicht alle erfüllen könnte, sagt seine Mutter. Für Jonathan ist die inklusive Schule die Chance auf eine optimale Schulbildung und Förderung seiner Fähigkeiten.

Inklusion heißt mehr als Integration. Zwar gibt es in München bereits zum Beispiel Montessori-Schulen, die ein oder zwei Plätze pro Klasse für ein behindertes Kind bereit halten und damit gute Erfahrungen machen. Oder auch andere Schulen, die integrativ arbeiten wie etwa das städtische Adolf-Weber-Gymnasium, in dem auch blinde Schüler lernen. Aber letztlich sind die behinderten Schüler eine Gruppe inmitten der anderen. Bei der Inklusion geht es darum, alle Schüler einer Klasse als Gesamtheit zu sehen und dabei auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der einzelnen einzugehen.

Nora Krauß glaubt an ideale Förderung für ihren Sohn.

Das ICP-Konzept ist noch nicht in diesem strengen Sinne inklusiv. „Das würde bedeuten, dass wir vom Schwerstbehinderten bis zum Normalbegabten alle Schüler aufnehmen könnten. Das können wir heute noch nicht leisten“, sagt Schulleiter Armin Parzl. Doch Kritik, wonach die neue Schule eben keine richtige inklusive Schule sei, weist er zurück: „Wir müssen einfach mal anfangen. Wenn wir immer nur das Perfekte planen, kommen wir nie in die praktische Umsetzung“, findet er. Das ICP wolle mit dieser ersten Klasse die Voraussetzungen für ein echtes Miteinander schaffen. „Wir wollen Eltern und Kindern die Hemmschwelle im Umgang mit Behinderungen nehmen.“ Man wolle zeigen, dass nicht nur die behinderten Kinder vom Umgang mit den Schulkameraden ohne Behinderung profitierten, sondern auch umgekehrt. Verständnis, Toleranz, Rücksichtnahme und der unbefangene Umgang miteinander seien Kompetenzen, die in anderen Schulen oft zu kurz kämen.

Das ICP lässt sich das Konzept einiges kosten. 500 000 Euro gab das Integrationszentrum für die Anmietung der Räume an der Konrad-Celtis-Straße und deren Umbau für vier Klassen aus. Die laufenden Kosten beziffert Vorstand Hans Beyrle auf etwa 100 000 Euro pro Schuljahr.

Enttäuscht zeigt er sich vom Kultusministerium. Das habe zwar im Rahmen der Förderung für Grundschulen auch das inklusive Konzept bewilligt. Aber Beyrle hätte sich gewünscht, dass ein bisschen mehr als üblich gefördert würde. So zahle das Ministerium zwar 70 Prozent der Personalkosten für einen Grundschullehrer, aber der zusätzlich benötigte Sonderpädagoge müsse vom ICP allein bezahlt werden. „Wir sind der Überzeugung, dass wir einen hoheitlichen Auftrag erfüllen, weil wir versuchen, die UN-Konvention umzusetzen. Das sollte doch auch im Sinne des Ministeriums sein“, meint Beyrle.

Auch der Behindertenbeauftragte der Stadt München, Oswald Utz, begrüßt die Initiative. „Inklusion ist ein Prozess, der sich entwickeln muss. Wir müssen uns auf den Weg machen“, sagt er. Es gebe viele gute Projekte seitens der Stadt und auch des Freistaates. Utz bemängelt aber, dass oft nur „an der einen oder anderen Schraube“ gedreht würde, statt das Thema Inklusion systematisch anzugehen. Ohnehin glaubt er, dass viele der Ansätze von inklusiven Schulen generell eine Überlegung wert wären. „Man sollte sich doch fragen, ob etwa Arbeit in kleinen Gruppen und vieles mehr nicht auch grundsätzlich für alle Kinder wünschenswert wäre.“

Karin Neumeier

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