Wenn das Spiegelbild krank macht: Lena war immer schlank – trotzdem aß sie immer weniger. Bis sie nur noch 34 Kilo wog. Ihre Familie musste hilflos zusehen. Noch hat die 18-Jährige den Kampf gegen die Krankheit nicht gewonnen. Foto: dpa

Hungern gegen die Einsamkeit

Essstörungen: Caritas bietet Therapiegruppe für Angehörige

München - Lena (18) leidet seit vier Jahren unter Essstörungen. Nicht nur sie – auch ihre Familie. Nun gibt es eine Therapiegruppe der Caritas für Eltern von Betroffenen.

Zuerst sind die Süßigkeiten aus Lenas Leben verschwunden. Dann die Fette, die Kohlehydrate, der Zucker. Und immer mehr ist dabei auch Lena verschwunden. Sie wurde immer dünner. Und immer trauriger. Und an dem großen Esstisch in der Küche wurde alles immer komplizierter. „Ihre Essenspläne sind von Woche zu Woche bizarrer geworden“, erzählt ihre Mutter Helen Berger (Name geändert). Sie hat versucht, so zu kochen, dass ihre Tochter mitisst. Kalorienarm, mit viel Gemüse. Und während ihre beiden Brüder und ihre Eltern dabei zusehen mussten, wie Lena lustlos in den winzig kleinen Portionen auf ihrem Teller stocherte, verging auch ihnen immer mehr die Lust am Essen. „Man verbietet sich irgendwann selbst den Genuss“, sagt Helen Berger.

Schon seit vier Jahren geht es für die Bergers beim Essen nicht mehr um Appetit oder Genuss, sondern nur noch um Zahlen. Um Kalorien und Kilos. „Richtig aufgefallen ist uns das zum ersten Mal bei einem Urlaub“, erzählt Berger. Stundenlang suchte die Familie nach einem Restaurant mit einer Speisekarte, von der sich Lena etwas bestellen würde. Als dann endlich die gebratene Aubergine gebracht wurde, brach sie in Tränen aus. „Nur weil die Aubergine in Mehl gebraten war.“ Es war der Moment, in dem Helen Berger erst richtig bewusst wurde, wie krank ihre Tochter inzwischen ist. Dass sie dringend professionelle Hilfe braucht. Aber es war damals erst der Anfang eines sehr langen Weges.

Essstörungen, seit Lena 14 ist

Lena leidet an Essstörungen, seit sie 14 ist. Niemand weiß, was bei ihr der Auslöser für die Krankheit war. Sie macht Ballett, war immer schlank. Und sie war einsam. Vielleicht hatte sie das Gefühl, wenigstens einen Bereich in ihrem Leben kontrollieren zu müssen. Sobald ihre Eltern sie auf das Thema Essen ansprachen, gab es Streit. Lena ließ niemanden mehr an sich heran. Auch keine Therapeuten. Bei einer Therapiesitzung bekam sie den Rat, mehr Zeit mit ihren Freunden zu verbringen. Lena kam weinend nach Hause und weigerte sich, noch einmal hinzugehen. Die Therapeutin hatte, ohne es zu wissen, den wunden Punkt getroffen. Lena hat keine Freunde.

Es kam der Tag, an dem sie nur noch 34 Kilo wog. Helen Berger erinnert sich noch, wie damals die ganze Familie beim Baden war. An die Blicke, die von überall kamen. In jedem Blick spürte sie einen stummen Vorwurf. Wie kann man als Mutter so etwas zulassen? Helen Berger stellt sich seit Jahren eine andere Frage: Was kann man als Mutter tun, um zu verhindern, dass das eigene Kind von der Krankheit zerstört wird? „Auch Eltern brauchen Hilfe“, sagt sie. „Die Krankheit zerstört unsere ganze Familie. Das Leben findet schon lange nicht mehr bei uns statt.“

Keine Therapie, die Lena bisher begonnen hat, war erfolgreich. Sie war auch in stationärer Behandlung, sollte lernen, wieder normal zu essen. „Aber auch dabei ging es wieder nur um Zahlen – bloß dass sie diesmal möglichst viele Kalorien zu sich nehmen sollte“, erzählt Berger. Inzwischen ist Lena 18, noch immer viel zu dünn. Noch immer würde sie niemals so etwas wie einen Rahmjoghurt essen.

Caritas in München: Gruppe für Angehörige von Menschen mit Essstörungen

Inzwischen hat sie aber eine Therapeutin gefunden, der sie sich anvertraut. Bei der Caritas in München. Dort gibt es auch eine Gruppe für Angehörige von Menschen mit Essstörungen. Helen Berger besucht die Treffen regelmäßig. Es hilft ihr, mit anderen Eltern zu sprechen. „Sie verstehen, was es heißt, eine Tochter mit Essstörungen zu haben“, sagt sie. Sie wissen, wie anklagend Blicke sein können. Und wie unerträglich die Selbstvorwürfe.

„Für die Angehörigen ist es enorm wichtig, sich gegenseitig zu stärken“, sagt Christa Brachatzek, die die Angehörigen-Gruppe der Caritas leitet. Von Essstörungen sind meist Mädchen in der Pubertät betroffen, sagt sie. „Auf zehn Mädchen kommt etwa ein Junge.“ Generell könne die Krankheit jedoch in allen Altersgruppen auftreten. „Es gibt Lebenssituationen, in denen alles ins Wanken gerät. Dann kann die Essenskontrolle zu etwas werden, an dem man sich festhalten kann.“ Nicht jeder Betroffene schafft es zu einem ganz alltäglichen Essverhalten zurück. „In Krisensituationen sind Rückfälle zum Beispiel nicht selten“, sagt Brachatzek. In der Therapie sollen Betroffene lernen, mit Krisen und Rückfällen umzugehen. „Und das ist umso leichter, wenn die Angehörigen wissen, wie sie unterstützen können“, sagt sie.

Helen Berger macht sich nichts vor. Sie weiß, dass es noch ein langer Weg ist, bis ein gemeinsames Abendessen in ihrer Familie wieder ohne Zwänge möglich sein wird. Erst vor ein paar Tagen hat ihr ihre Tochter gesagt, dass sie die Therapie nicht weitermachen will. Dass sie Angst vor dem Sommer hat, den sie jedes Jahr ohne Freunde verbringen muss. Und Angst vor der Zukunft. Seitdem hat Helen Berger auch Angst – davor, dass am Ende doch die Krankheit siegen wird.

Von Katrin Woitsch

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