Eurofighter jagen Urlaubsflieger

München - Was für ein Knall: Eurofighter, die am Samstag die Schallmauer durchbrochen haben, haben tausende Bürger verunsichert. Doch was steckte hinter dem Einsatz?

Auf einem Urlaubsflug kann’s einem schon mal langweilig werden. Immer nur dieser grün-braune Fleckerlteppich, höchstens mal ein See oder eine Großstadt, die einen Blick aus dem Fenster lohnt. Die rund 180 Passagiere einer türkischen Maschine aber trauten ihren Augen kaum, als sie am Samstag Oberbayern überflogen und raus schauten: Zwei Abfangjäger der Bundeswehr kreisten wie die Hummeln um ihr Flugzeug, Typ Airbus A 321, Linie Onur Air. Was war passiert?

Samstagmittag, kurz nach 16 Uhr, am Fliegerhorst in Neuburg. Beim Jagdgeschwader 74 geht ein Alarm ein. Eine Maschine, heißt es, ist über Süddeutschland unterwegs – doch die Flugsicherung am Flughafen München kann auf keiner Frequenz Kontakt mit dem Piloten aufnehmen. Das kann eine (nicht erlaubte) Nachlässigkeit sein, ein technischer Defekt – oder eine Gefahr für das Land. Ein Fall für die Abfangjäger.

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In Neuburg ist die sogenannte Alarmrotte stationiert. Die 17 Eurofighter am Fliegerhorst decken den kompletten süddeutschen Raum ab, innerhalb weniger Minuten können sie in jeder Ecke Bayerns, Baden-Württembergs aber auch Hessens sein. Der Flugzeugentführer von Frankfurt zum Beispiel, ein verwirrter Mann, der vor einigen Jahren seine Maschine in ein Hochhaus steuern wollte, rief die Neuburger Flieger auf den Plan. Jetzt also ein dubioses Flugzeug ohne Funkkontakt über Oberbayern.

Um 16.13 Uhr heben zwei Eurofighter ab. Allein um starten zu können, müssen sie 250 km/h erreichen, in der Luft sind sie im Durchschnitt mit 900 Sachen unterwegs, erklärt Ralf Schmitt, Sprecher des Jagdgeschwaders 74. Es geht aber noch schneller – nämlich in Überschallgeschwindigkeit. Das dürfen die Piloten nur mit einer Genehmigung und unter bestimmten Voraussetzungen: Der Luftraum wird extra gesichert und die Eurofighter müssen mindestens in zwölf Kilometern Höhe fliegen – aus Lärmschutz- und Sicherheitsgründen. Durchbrechen die Düsenjets die Schallmauer, gibt das einen lauten Knall. Das liegt daran, so erklärt Schmitt vom Jagdgeschwader 74, dass die Eurofighter während ihres Fluges ungeheure Luftmassen vor sich her schieben. Diese Luft baut sich zu einer Wand auf – und löst sich bei Erreichen der Schallmauer plötzlich nach hinten ab. Dann kracht’s.

Diese zwei donnerähnlichen Schläge am Samstag erschrecken, wie berichtet, tausende Bürger: in München und Umgebung, in den Kreisen Erding, Freising, Ebersberg, am Chiemsee. Gläser klirren im Schrank, Fensterscheiben beben, von Kirchtürmen bröckelt der Putz. Besorgte Menschen rufen bei der Polizei an, dort werden sie beruhigt: Schutzflüge, heißt es, werden absolviert. Gestern präzisierte die Bundeswehr die Angaben.

Die zwei Piloten in den Eurofightern fliegen schon fünf Minuten nach ihrem Start in Neuburg neben dem Airbus im Münchner Südosten her. Sie versuchen, Sichtkontakt zu dem Piloten aufzunehmen, geben ihm Handzeichen, wackeln mit den Flügeln. So soll er merken, dass etwas nicht stimmt, dass er auf Notfrequenz schalten soll.

Die drei Maschinen fliegen immer weiter in Richtung Südosten, jetzt werden die Abfangjäger des österreichischen Bundesheers alarmiert. Und tatsächlich müssen die Piloten vom Jagdgeschwader 74 den Airbus, der von Manchester in die Türkei unterwegs ist, kurz vor der Grenze an die Österreicher übergeben. Jetzt scheint der Pilot langsam zu verstehen, was die Abfangjäger von ihm wollen. Die Bundeswehr geht davon aus, dass der türkische Onur Air-Pilot schlicht vergessen hat, sich mit der korrekten Frequenz im Luftraum anzumelden. Bei Graz stellt er den Funkkontakt wieder her. Immerhin. Die ungarischen Abfangjäger eine Grenze weiter standen schon zum Abflug bereit.

Einen Abschuss durch die Eurofighter hatten die Insassen übrigens nicht zu befürchten – selbst wenn ihre Maschine entführt worden wäre. Dieses letzte Mittel sieht das deutsche Luftsicherheitsgesetz nicht vor.

Carina Lechner

Rubriklistenbild: © dpa

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