„Ewig Dein. Ewig mein. Ewig uns.“

München – Sie sind geschriebene Gefühle – und haben kein Verfallsdatum: Liebesbriefe sind ein besonderer Ausdruck von Zuneigung. Die Menschen, sie dürsten wieder mehr nach ihnen – nicht nur, weil Frühling ist. Die Briefe stehen für etwas, was sich jeder wünscht: ewige Liebe.

Liebe Leser, liebe User!

Haben auch Sie einen Liebesbrief aufbewahrt? Oder besitzt Ihre Familie Liebesbriefe aus alten Zeiten? Dann schicken Sie uns eine Kopie und schreiben ein paar Zeilen dazu. Wir würden gerne Ihre persönliche Liebesbrief-Geschichte erfahren – und die eine oder andere veröffentlichen.

Adresse: Münchner Merkur,

Redaktion, Stichwort: „Liebesbrief“, Paul-Heyse-Straße 2-4, 80336 München. Per Mail: paten@merkur-online.de, Betreff: „Liebesbrief“.

Am Morgen des 6. Juli 1810 nahm Ludwig van Beethoven einen Bleistift in die Hand und schrieb einen Liebesbrief – und zwar einen für die Ewigkeit. Er schrieb an seine „Unsterbliche Geliebte“, nannte sie „mein Engel, mein Alles, mein Ich“. Es war eine seitenlange Hommage, nur an wen? Bis heute ist unklar, wer die Empfängerin jener Worte war: Antonie Brentano, die wenig später einen anderen heiratete? Oder Josephine Brunsvik, die Beethoven liebte und die damals krank und verzweifelt war? Das Geheimnis bleibt, die Worte auch: „Ewig Dein. Ewig mein. Ewig uns“, ließ Beethoven, der Junggeselle, die Dame wissen. Ein Treueschwur, der zwei Jahrhunderte überdauert hat. Der noch immer zitiert wird. Der unter die Haut geht.

Ein Liebesbrief ist beständig. „Etwas zum Festhalten, im buchstäblichen Sinn“, sagt Psychologin Felicitas Heyne. Er ist inniger als eine elektronische Botschaft. „Herzchen auf Facebook oder eine SMS mit der Abkürzung ILD bekommen heute alle. Das ist billig.“ ILD steht für „Ich liebe Dich“. Ein Brief jedoch kostet Zeit. Und Gedanken. Denn ein handgeschriebenes Wort lässt sich nicht so einfach löschen wie eine E-Mail oder SMS. Und vielen Menschen reicht auch eine E-Mail oder SMS nicht mehr – Liebesbriefe kommen wieder in Mode. Die Renaissance realer Botschaften, davon ist Heyne überzeugt, steht bevor. Die Menschen seien der digitalen Welt überdrüssig: zu schnell, zu flüchtig, zu oberflächlich. „Reale Kontakte, reale Freizeitvergnügen – und reale Liebesbriefe werden mit der Zeit an Wert gewinnen.“

Also, zurück zu den Wurzeln? Zu Ovids „Briefen der Heroinen“ aus dem ersten Jahrhundert vor Christus, geschrieben von verlassenen mythischen Heldinnen? Oder zu Walther von der Vogelweide, der im Mittelalter das Liebesglück und den Herzschmerz in Minneliedern besang? Vielleicht hören wir einfach auf den Philosophen Jean-Jacques Rousseau, der im 18. Jahrhundert sagte: „Um einen Liebesbrief zu schreiben, musst Du anfangen, ohne zu wissen, was Du willst, und endigen, ohne zu wissen, was Du gesagt hast.“

Im Klartext: Vergiss den perfekten Liebesbrief. Der perfekte Liebesbrief muss unperfekt sein. „Der muss so geschrieben werden, wie er kommt“, sagt Laura Nunziante – Hauptsache von Herzen und ganz ehrlich. Laura, 25, hat schon hunderte Liebesbriefe geschrieben – es ist ihr Job. Einer, bei dem sie emotional auf Hochtouren läuft.

Laura hat in London „Kreatives Schreiben“ studiert, jetzt arbeitet sie für die Textagentur „Feine Reime“. Laura ist so etwas wie einst Cyrano de Bergerac, der berühmteste Ghostwriter der Literatur. Eine DIN-A4-Seite voller Gefühle kostet bei ihrer Agentur 50 Euro aufwärts. Ein fairer Preis, vor allem wenn man bedenkt, dass der ein oder andere Brief schon mal eine Partnerschaft gerettet hat.

Hier finden Sie Leseproben von Laura

Liebesbriefe sind, besonders in jüngster Zeit, sehr gefragt. Ja, die Menschen sehnen sich nach etwas Einzigartigem, einem handschriftlichen Zeugnis ihrer Gefühle. Wer selbst keine Zeit hat oder Angst davor, etwas falsch zu machen, ruft bei Laura an. Am häufigsten telefoniert sie mit Männern zwischen 35 und 65, die „das Schreiben ein bisschen verlernt haben“, wie sie sagt – Liebesbriefe können viele nicht. Immerhin: Reden können sie noch. Und sie erzählen viel. Wie ihre Angebetete aussieht, was man gemeinsam erlebt hat, wieso die Angebetete einen Liebesbrief bekommen muss.

„Im Wesentlichen gibt es zwei Gründe“, sagt Laura. „Absolute Verzweiflung oder absolutes Glücksgefühl.“ Herzschmerz einerseits, Wolke sieben andererseits. Manchmal auch einfach nur Begehren. Laura bedient alle Genres – und sie saugt jede Geschichte auf.

Und welche Zeilen von ihr kamen am besten an? Laura überlegt, fährt kurz den Computer hoch – und, ach ja, hier ist schon was. Da war dieser 40-jährige Mann, der vor Sehnsucht nach seiner Freundin fast verrückt wurde. Die beiden führten eine Fernbeziehung, Deutschland-Kanada, zwei Kontinente, zwei zeitversetzte Leben. Laura schrieb ihm für seine Geliebte: „Immer muss ich warten. Warten, bis Du wieder da bist. Warten, bis Du aufgestanden bist. Ich rauche meine Nachmittags-Zigarette, wenn Du aufwachst, und schlafe, wenn Du von der Arbeit kommst. Vielleicht bekomme ich ja auch erst Stunden später mit, dass die Liebe zwischen uns erloschen ist – und ich kann nichts mehr dagegen tun. Deine, meine, unsere Zeit. Einfach abgelaufen.“

Laura erfuhr nicht, wie die Geschichte weiterging. Nur, dass der Auftraggeber glücklich war. Das genießt sie. Das Schreiben ist kein Geschäft für sie, nicht nur. Es gehört zu ihr. Früher Tagebuch, heute Liebesbriefe, irgendwann einmal Romane. Eine Autorin für aufgeschriebene Gefühle. So stellt sie sich das vor. Schreiben für die Seele. „Ich glaube nicht, dass das ausstirbt“, sagt sie.

Sie hat Recht, zweifelsohne. Wie sonst könnte man sich den Riesen-Erfolg eines Buches erklären, das den schlichten Titel „Liebesbriefe großer Männer“ trägt? Streng genommen eine reine Zweitverwertung. Doch kaum war es auf dem deutschen Markt, verkaufte es sich in den ersten zwei Monaten rund 40 000 Mal. Zugegeben, das Buch war schon berühmt, lange bevor es gedruckt war. Im Kinofilm „Sex and the City“ hatte sich nämlich die New Yorker Kolumnistin Carrie Bradshaw (Sarah Jessica Parker) mit einem solchen Wälzer an ihren Mr. Big gekuschelt – in der Hoffnung, er würde es schaffen, seine Emotionen in Worte zu verpacken. Wenigstens einmal. Es gelang ihm, einigermaßen. In einer E-Mail schrieb er: „Ich weiß, ich hab’s versaut, aber ich werde Dich immer lieben!“ Und Carrie, ach, die verzieh ihm natürlich.

Wobei – romantischer wäre ein handschriftlicher Brief gewesen, wie einst der von Napoleon. Schmachtend schrieb der französische Kaiser seiner Frau: „Meine süße Joséphine, gerade erwache ich ganz erfüllt von Dir.“ Unvergessen sind auch die Liebesbriefe zwischen Ludwig I. von Bayern und seiner Geliebten Lola Montez – eine Affäre, die den König letztlich den Thron kostete. „Gestern habe ich Dein Bild geküsst und jetzt noch einmal, geliebte, so geliebte Lolitta“, ließ er seine Angebetete wissen. Und selbst Großbritanniens legendärer Premier Winston Churchill, der nicht gerade für seine sentimentale Art bekannt war, schrieb seiner Clementine: „Meine treue und geliebte Clemmie, mein innigster Wunsch ist es, noch vollständiger in Dein liebes Herz und Wesen vorzudringen.“

Bereits vor einigen Jahren sinnierte die FAZ darüber, dass der Liebesbrief ein heikles Genre sei: „Er wird entworfen, überarbeitet, verworfen, neu begonnen, eine Weile liegen gelassen, verbessert. Viel Füllertinte ist auf diese Weise schon vergebens geflossen, viel gutes Briefpapier direkt vom Block in den Mülleimer gewandert, ohne je in einem Postkasten gelandet zu sein.“ Sei’s drum.

Psychologin Heyne sagt: „So etwas steht für Bedacht und Wertschätzung einem anderen Menschen gegenüber.“ Sie selbst sei keine Nostalgikerin, aber die zwei Liebesbriefe von ihrem Mann, die hätten einen „besonderen Stellenwert“.

Liebesbriefe machen Liebe unvergänglich. Selbst dann, wenn einer stirbt. „Ich sehe Dich schlafen. Ich bin wieder allein. Ich sage mir, Du hast mich geliebt. Ich habe Dich geliebt.“ Das schrieb der Schauspieler Alain Delon nach dem Tod von Romy Schneider 1982. Vier Jahre waren sie zusammen, hatten sich geküsst, geschlagen, getrennt. Als Delon „die Liebe meines Lebens“ verlor, presste er seinen Schmerz in Worte: „Mein Püppchen, ich schau Dich immer wieder an, immer wieder. Ich will Dich mit meinen Blicken verschlingen und Dir immer wieder sagen, dass Du nie so schön und ruhig warst. Ruhe Dich aus. Ich bin da.“

Barbara Nazarewska

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