Clemens L. vor Gericht. ebu

"Ausgepresst wie eine Zitrone"

Ex-Ministerialrat gesteht Betrug

München - Es war einmal ein reicher Anwalt, der sich in eine junge Prinzessin verliebte. So könnte die Geschichte beginnen, die 2007 in München ihren Anfang nahm – und die eher einem Märchen denn der Realität entsprungen scheint.

Doch glücklich bis ans Ende seiner Tage sollte hier niemand werden. Stattdessen muss sich das Landgericht seit Wochen mit der vermeintlichen Prinzessin beschäftigen. Gemeinsam mit ihrem Adoptivvater soll sie ihren Mann um fast drei Millionen Euro betrogen haben. Mit erfundenen Geschichten über ihre adelige Herkunft und Verbindungen zur Mafia setzten sie ihn unter Druck. Der Adoptivvater, einst Ministerialrat in der Staatskanzlei unter Edmund Stoiber, steht nun kurz vor seiner Verurteilung. Die Staatsanwaltschaft beantragte gestern eine Haftstrafe von vier Jahren und einem Monat.

„Sie haben die Lügen ihrer Adoptivtochter gestützt und ihnen so einen seriösen Anstrich gegeben“, sagte der Staatsanwalt. Und diese Lügen waren so abenteuerlich, dass auch der Ankläger die Geschichte des Betrugs nicht glaubte, als er sie zum ersten Mal las – und das Verfahren einstellte. „Ich bin eines Besseren belehrt worden.“

Alles begann im Oktober 2007, als die damals 27-Jährige Christina L. in Absprache mit ihrem Adoptivvater Clemens L. eine Flirtanzeige im Internet schaltete. Jens K. (Name geändert), erfolgreicher Wirtschaftsanwalt, kontaktierte die junge Frau. Sie erzählte ihm, sie gehöre einem italienischen Adelsgeschlecht an, dessen Oberhaupt ihr Großonkel sei. Die beiden trafen sich im Hilton Hotel, der Adoptivvater bestätigte die adelige Herkunft. Im Lauf der Zeit überzeugten sie den Anwalt, dass die Familie Kontakte zur Mafia habe, und Jens K. seine neue Freundin schnellstmöglich heiraten müsse, um die Gunst des Großonkels nicht zu gefährden. Der Anwalt, laut Staatsanwaltschaft ein „hochintelligenter Mann, aber leicht zu beeindrucken“, glaubte das und heiratete Christina L. in Las Vegas. In den Folgejahren kaufte er eine Wohnung für 2,18 Millionen Euro in Schwabing, die er später auf seine Frau überschreiben ließ – der Onkel, so hörte er, bestehe auf eine standesgemäße Unterkunft. Darüber hinaus gab Jens K. seiner Frau mehr als 700 000 Euro in bar. Adoptivvater Clemens L. gab vor, das Geld an Boten des Onkels zu übergeben. In Wahrheit investierte die Tochter das Geld in Kunst. Sobald Jens K. Verdacht schöpfte, erklärte sie ihm, er würde im Falle einer Scheidung „am Strand von Rimini einbetoniert“. Der einstige Spitzenverdiener mit einem Mindesteinkommen von 23 000 Euro pro Monat verschuldete sich völlig und gab seinen Beruf auf. Erst im November 2010 trennte er sich von Christina L. – und musste Hartz IV beantragen. „Er wurde ausgepresst wie eine Zitrone“, sagte der Staatsanwalt.

Es entbehre nicht einer gewissen Tragik, dass Clemens L. selbst seiner Adoptivtochter hörig gewesen sei: „Auch der Angeklagte ist in dieser Hinsicht zum Opfer geworden.“ Beide hätten jedoch eine „erhebliche kriminelle Energie“ gezeigt und Jens K. enorm in Verruf gebracht. So schrieb Clemens L., der gute Kontakte in der Politik hatte, Briefe an die Ministerpräsidenten einiger Bundesländer, in denen er Jens K. diskreditierte. Das ging soweit, dass Horst Seehofer gefragt wurde, warum K. „nicht im Knast“ sei.

Clemens L. hat im Prozess letztlich alles gestanden. Im Gegenzug einigten sich alle Beteiligten auf ein Strafmaß zwischen drei Jahren, elf Monaten und vier Jahren, drei Monaten. Verteidiger Michael Pösl plädierte auf das untere Ende und argumentierte, auch sein Mandant sei „großem Psychoterror“ ausgesetzt gewesen. Die Adoptivtochter habe ihn körperlich attackiert: „Er hatte Angst vor ihr.“ Das Urteil soll am 2. August fallen. Christina L. muss sich erst noch vor Gericht verantworten – sie ist derzeit angeblich nicht verhandlungsfähig.

Ann-Kathrin Gerke

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