Tragödie am Karlsfelder See: 24-Jähriger stirbt

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„Ich habe gesagt, du spielst mit deinem Leben“: Der Syrer Allaithy Raed hält ein Bild seines Neffen Moder, der sich aus Verzweiflung illegal auf den Weg nach Europa gemacht hat.

Münchner Informatik-Dozent bangt um seine Familie

Exil-Syrer in Deutschland: Machtlos in Sicherheit

München - Viele Syrer in Deutschland versuchen verzweifelt, ihre notleidenden Verwandten auf legalem Weg zu sich zu holen. Allaithy Raed kämpft seit vielen Monaten darum, seine Verwandten aus Damaskus nach München bringen zu dürfen. Vergeblich. Sein Neffe ist nun illegal geflohen.

Allaithy Raed, 39, lehrt Informatik an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Vor fast zwei Jahrzehnten ist der Syrer nach Deutschland gezogen, hat in Dortmund Informatik studiert und lebt heute mit Frau und Tochter in München. Raed spricht fließend Deutsch und ist mittlerweile deutscher Staatsbürger. Sogar sein erstes Lehrbuch hat er schon veröffentlicht. „Ich bin zwischen Büchern aufgewachsen“, erzählt er. „Meine Mutter, mein Vater, meine Großmutter – alle waren Lehrer.“ Seine Verwandten leben noch in Syrien. Seit dort Bürgerkrieg herrscht, sind Bücher nebensächlich geworden.

Seit über einem Jahr versucht er seine Verwandten nach München zu holen

Raeds Neffe Moder und sein Schwager Hazem, beide 21 Jahre alt, wären vergangenes Jahr bei Anschlägen beinah ums Leben gekommen: Moder hatte Glück, er wurde bei einem Attentat auf die Universität, die sie beide in Damaskus besuchen, verschont. Hazem saß in einem Bus nach Damaskus, als der Bus vor ihnen ins Kreuzfeuer geriet und vier Menschen starben. Die Angst ist zum Alltag geworden. „Meine Frau hat geweint und mich gebeten, unsere Verwandten zu retten“, erzählt Raed.

Bereits seit über einem Jahr versucht Raed, seinen Bruder Diaa sowie Moder und Hazem aus Syrien nach München zu holen. Er hatte sich dafür an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sowie an die Ausländerbehörde gewandt, wurde aber immer weiter und weiter verwiesen. „Der Beamte meinte, es lägen schon viel zu viele Anträge vor. Wir sollen warten, vielleicht werden ja doch noch mehr aufgenommen.“

Doch sein Neffe Moder wollte nicht mehr warten. Die Anschläge waren ein erneutes Zeichen für ihn, dass langes Warten verheerend sein kann. Read versuchte noch, ihn von einer illegalen Flucht nach Deutschland abzuhalten. „Ich habe ihm gesagt, du spielst mit deinem Leben, das ist viel zu gefährlich.“ Aber Moder hörte nicht auf ihn. „Er hat gesagt: Es tut mir leid, Onkel, selbst wenn ich ums Leben komme – ich habe keine andere Wahl mehr.“

Wochenlang war sein Neffe auf der Flucht. Von Damaskus mit dem Auto in den Libanon, dann weiter mit dem Schiff in die Türkei. „Sein Vater hat sein Grundstück verkauft“, weiß Raed. „Von dem Geld konnte mein Neffe fliehen, aber mehr Geld für die anderen haben wir nicht.“ Moder hatte durch den Verkauf insgesamt 2000 Euro für die Flucht, viele Flüchtlinge berichten von weitaus höheren Preisen der Schlepperbanden.

Tagelang ist er bei seiner Tante in Athen untergeschlupft, nachdem er es mit einem Schlepper nahe Izmir über das Meer geschafft hatte. „Er meinte, es sei ein Rettungsboot für 37 Personen gewesen, sie waren aber doppelt so viele. Sie mussten auf einem Bein stehen und sich aneinander festhalten“, erzählt Raed. Moder hat es nach Berlin geschafft, dort steht er seit einigen Tagen vor dem Amt Schlange, um seinen Asylantrag stellen zu können. Raeds Schwager ist noch in Damaskus, Raed konnte ihn überzeugen, sein Maschinenbaustudium zuerst abzuschließen. „Ich habe ihm gesagt, damit hast du vielleicht mehr Chancen.“

Warum will man gut ausgebildete Menschen nicht haben?

Dass er seine Familie nicht legal zu sich holen kann, kann Raed nicht nachvollziehen: „Ich verstehe nicht, warum man gut ausgebildete Menschen nicht haben will.“ Raed hätte seinen Schwager, Neffen und Bruder nur legal nach Deutschland holen können, wenn er für alle drei bürgen könnte. Dafür braucht es die deutsche Staatsbürgerschaft, ausreichend Wohnraum und den Nachweis, dass er für alle drei sorgen kann.

An letzterem scheiterte Raed jedoch: Er ist an der LMU nur befristet angestellt, das reicht den Ämtern nicht. Sich in Syrien an die Behörden zu wenden, ist schon lange keine Option mehr – die deutsche Botschaft in Damaskus ist geschlossen, die Aufnahmeprogramme des Bundes beendet und laut Hilfsorganisationen wie Pro Asyl bleibt letztendlich nur die illegale Flucht.

Raed hat den Versuch, seine Familie zu retten, momentan aufgegeben. Sein Bruder und seine Eltern wollen nicht illegal fliehen – und das kann Raed gut verstehen: „Es gibt Leute, die fliehen vor dem Tod und finden ihren Tod auf dem Meer“, sagt er. „Mein Vater meinte: Ich gehe keinen Meter, auch wenn Bomben auf meinen Kopf fallen.“ Eine große Rolle spielt dabei neben der Angst vor dem Meer – Raeds Verwandte können, wie viele Syrer, nicht schwimmen – auch verzweifelte Heimatverbundenheit. Raed erinnert sich an ein altes syrisches Sprichwort: „Man sagt in Syrien: Alte Bäume verpflanzt man nicht.“

Das Syrien, das seine Eltern Heimat nennen, gibt es nicht mehr. Es zu verlassen, kommt für sie dennoch nicht in Frage. Raed hat sich den Umständen ergeben. Er versteht, dass die Behörden in Deutschland überlastet und Aufnahmeeinrichtungen überlaufen sind. Er verfolgt machtlos die Horrornachrichten vom IS-Terror. Und er weiß, dass eine illegale Flucht schlimm enden kann. „Nun schicke ich Geld nach Syrien“, sagt er. „Ich hoffe, dass ich meinen Verwandten zumindest so helfen kann.“

Laura Zwerger

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