Menschen mit Maske in einer S-Bahn
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In Corona-Zeiten fast normal: eine kaum besetzte S-Bahn (hier im April 2020).

Interview

Expressbus-Ring um München kommt: Der MVV-Chef über Fahrgast-Corona-Ängste, Verluste und die Vision 2021

  • Dirk Walter
    vonDirk Walter
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Das Risiko fährt mit bei S-Bahn, U-Bahn, Bus und Tram. Die Fahrgastzahlen sind eingebrochen. Der Chef des MVV, Bernd Rosenbusch, hat trotzdem große Pläne für das Jahr 2021.

Herr Rosenbusch, wie fällt Ihre Corona-Bilanz aus?

Rosenbusch: Wir haben jetzt ungefähr 360.000 Abos inklusive Job-Tickets, das sind etwa fünf Prozent weniger als zu Beginn der Pandemie. Damit kommen wir noch ganz gut weg. Andere Verkehrsverbünde in Deutschland verzeichnen einen Rückgang von bis zu 20 Prozent oder mehr bei den Abos.

Aber die Fahrgastzahlen sind ja geradezu atemberaubend zurückgegangen.

Rosenbusch: Das stimmt. Wir hatten im März noch 20 Prozent der Fahrgäste, haben uns dann bis September ganz gut hochgearbeitet auf 70 bis 80 Prozent des gewohnten Niveaus. Jetzt im zweiten Lockdown sind es im Dezember noch 25 Prozent der ursprünglichen Fahrgastzahlen – und zwar durchweg bei allen Verkehrsmitteln, also Bahn, Bus, Tram und U-Bahn.

MVV macht 400 Millionen Euro Verlust im Corona-Jahr

Wie erklären Sie den Rückgang?

Rosenbusch: Es ist eine Mixtur an Gründen. Kurzarbeit, Homeoffice, Angst vor Ansteckung. Arg zu schaffen macht uns auch der Rückgang des Freizeit- und Veranstaltungsverkehrs. Zum Beispiel ausgefallene Messen, aber auch das Wegbleiben von Tagesgästen in München. Den Rückgang im Tourismus merken auch wir.

Wie viel Verlust macht der MVV?

Rosenbusch: Wir rechnen unterm Strich mit einem Umsatzverlust von 400 Millionen Euro bei einem Gesamtumsatz von einer knappen Milliarde. Vor allem der Verkauf von Einzelfahrkarten und Tageskarten ist eingebrochen. Unsere Branche hat de facto keine Gewinnrücklagen, wir arbeiten ja mit Steuergeldern. Aufgrund des Nahverkehr-Rettungsschirms sind diese Verluste in diesem Jahr so halbwegs ausgeglichen.

Halbwegs?

Rosenbusch: Ja, denn Bayern ersetzt nur 90 Prozent der Verluste, nicht wie andere Bundesländer 100 Prozent. Das schmerzt und sollte so nicht bleiben.

MVV in Corona-Zeiten: Furcht vor Ansteckung bleibt

Ist Bayern knausrig?

Rosenbusch: Wir brauchen hier etwas mehr finanzielle Unterstützung. Wir haben ja auch Mehrkosten etwa durch die vielen Hygienemaßnahmen. Dem MVV bleiben so etwa 40 Millionen Verlust, die auf die einzelnen Gesellschafter, das heißt Landkreise, Bayerische Eisenbahngesellschaft und Landeshauptstadt, verteilt werden müssen. München muss daher wohl mehr als 20 Millionen Euro schultern. Auch nächstes Jahr werden wir Unterstützung benötigen. Wir brauchen einen neuen Rettungsschirm, mindestens bis Mai/Juni müssen wir ja noch mit starken Auswirkungen der Pandemie rechnen.

Können Sie verlorenes Vertrauen wiederherstellen?

Rosenbusch: Die größte Herausforderung ist die Furcht vor der Ansteckung. Wir haben mehr als 20 Studien analysiert, teils aus der ganzen Welt. Wir können sagen, dass die Gefahr einer Ansteckung im öffentlichen Personennahverkehr relativ bis sehr gering ist, wenn sich alle an die Regeln halten.

Relativ gering reicht vielen nicht.

Rosenbusch: Es gibt auch viele Studien, die sagen, eine Ansteckung sei faktisch nicht vorhanden. Ich fahre seit Monaten Bus und S-Bahn und habe mich bis jetzt nicht infiziert. Ein Antikörper-Test war negativ. Da mag auch Glück dabei sein, aber der Luftaustausch ist extrem hoch durch Klimaanlagen und ständig offene Türen - bis zu 100 Prozent in drei Minuten. Alle Fahrgäste tragen Mund-Nasen-Bedeckungen und die Aufenthaltsdauer in den Fahrzeugen ist gering. Auch das Medienverhalten hilft uns – es wird ja in Bus oder Bahn kaum noch gesprochen, alle starren auf ihr Handy.

Das 365-Euro-Ticket läuft gut an

Bernd Rosenbusch

Positiv war 2020 immerhin die Einführung des 365-Euro-Ticket für Schüler und Azubis. Welche Bilanz ziehen Sie?

Rosenbusch: Das lief gut. Wir hatten mit 90 000 verkauften Tickets kalkuliert, haben bis Mitte November aber 118 000 verkauft. Unser Ziel ist es, Schüler und Azubis frühzeitig an Bus und Bahn zu binden.

Große Hoffnungen setzten Sie in den Entfernungs-Tarif, also die Luftlinien-Abrechnung des Fahrpreises vom Einstieg- bis zum Ausstiegsort. Wie läuft dieses Projekt?

Rosenbusch: Wir haben bis jetzt 4700 Anmeldungen, 3000 Fahrten in der Woche, das ist ein ganz guter Wert.

Aber Sie peilten 10 000 Versuchsfahrer an.

Rosenbusch: Das Pilotprojekt läuft über zwei Jahre, die Anmeldezahlen sind sehr gut. In der Tat könnten wir aber noch weitere Anmeldungen vor allem in den Landkreisen brauchen. Das wird zunehmen, wenn die Corona-Pandemie abebbt, weil jetzt viele Gelegenheitsfahrer eben nicht fahren.

MVV-Chef Bernd Rosenbusch

Erste Buslinien stellten Ende 2019 auf elektrischen Antrieb um. Ihr Fazit?

Rosenbusch: Es funktioniert seit einem Jahr einwandfrei, wir haben keine Klagen. Die MVG hat eine erste Linie umgestellt, der Landkreis München ebenfalls, hier wird überlegt, vier weitere Linien umzurüsten. Es läuft aber auch ein Forschungsprojekt der Landkreise Ebersberg und München namens HyBayern zur Umstellung auf Wasserstoffantrieb. Die Ausschreibung der Busse und Tankstellen ist für 2021 geplant.

Ringbus um München - in 7 Linien unterteilt

Auch eine Ringbuslinie ist angedacht.

Rosenbusch: Ja, in einem Jahr sind die Eröffnungsfahrten. Der Ringbus rund um München ist eines der größten Busprojekte seit langem. Dadurch soll die Innenstadt entlastet werden – wer von Starnberg nach Wolfratshausen fahren will, muss heute ja an der Donnersbergerbrücke umsteigen, künftig würde er direkt mit dem Expressbus von Stadt zu Stadt fahren. Wir planen die Beschaffung von 50 Bussen allein für dieses Projekt.

Dann kann man in einem Bus um München fahren?

Rosenbusch: Nein, so funktioniert das natürlich nicht. Die Ringlinien ist in sieben Express-Buslinien unterteilt, die die Kreisstädte verbinden sollen – unter anderem der X201 von Dachau bis Garching-Forschungszentrum oder der X320 von Oberhaching bis Wolfratshausen.

Vor einem Jahr war die Tarifreform mit der Einführung der M-Zone das große Thema. Müssen Sie bei der Reform nachschärfen?

Rosenbusch: Wir haben von unseren Gesellschaftern den Auftrag bekommen, nach zwei Jahren eine Revision zu machen und zu prüfen, wo nachjustiert werden kann. Wir schauen uns an, ob wir die Abos aufwerten können, zum Beispiel indem wir verschiedene Angebote integrieren, etwa Bikesharing oder Mitnahmeregelungen.

Könnten Zonengrenzen verändert werden, beispielsweise mehr Bahnhöfe in die M-Zone fallen?

Rosenbusch: Die M-Zone noch weiter zu vergrößern, kann schwierig – da sehr teuer – werden. Das hängt am Ende von der Finanzierung ab. Was aber kommen wird, ist eine MVV-Erweiterung. Ende 2023 sollen die ersten Landkreise dazukommen – wenn die wollen und das Geld vorhanden ist. Für die Bürger wäre es ein wichtiger Schritt, um die Flickschusterei mit den Tickets endlich zu beenden.

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