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Facebook-Party für feine Herrschaften

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München - Auf dem Odeonsplatz versammelten sich rund 600 Leute zu einem festlichen Abendessen unter freiem Himmel.

Damen mit Blumen im Haar und Fächern, Herren in Hemden und mit Hüten auf dem Haupt. Schon kurz vor acht fragten sich am Donnerstagabend viele Passanten, was in der Stadt wohl los sei. Aus den verschiedenen U-Bahn-Ausgängen am Odeonsplatz strömten immer mehr ganz in weiß gekleidete Menschen, ausgerüstet mit Klappstühlen, -tischen und Picknickkörben. Kurz nach acht Uhr versammelten sie sich am Odeonsplatz und verwandelten ihn in einen magischen Ort. In kürzester Zeit waren lange Tafeln aufgebaut - mit frischen Blumen, Kerzenleuchtern und Gedecken. Ein edles Dinner unter freiem Himmel, mitten in der Stadt.

Doch das Ganze war keine Filmkulisse, wie viele zunächst vermuteten, und auch keine Hochzeitsgesellschaft. Die fein gekleideten Damen und Herren trafen sich zu einem geheimen „Dîner en blanc“, einem Abendessen in Weiß, das ähnlich wie ein Flashmob funktioniert.

Als Ursprung der Veranstaltung wird der Sommer 1988 genannt, als ein französischer Privatmann seine überfüllte Gartenparty spontan in einen Stadtpark im Westen von Paris verlegt haben soll. In den Jahren darauf verabredete man sich im Sommer zu einem gemeinsamen Picknick an einem öffentlichen, aber bis zuletzt geheim gehaltenen Ort in Paris. Einladungen erfolgen mittlerweile über private Gruppen im Internetportal Facebook oder per Mundpropaganda.

Seit drei Jahren gibt es das „Dîner en blanc“ auch in München, 2010 im Hofgarten, vergangenes Jahr am Wittelsbacherplatz. Und heuer eben auf dem Odeonsplatz. Dort fanden sich sogar ein paar Franzosen ein. Thomas, Valérie, Olivier und Isabelle hatten stilecht ein Drei-Gänge-Menü mitgebracht. Als Entrée eine Verrine mit Lachs und Avocados, als Hauptgang eine Terrine mit Geflügel und Zucchini, dazu einen edlen Weißwein aus Arbois und zum Dessert eine Joghurtmousse mit Himbeeren. Très délicieux! Andere hatten Käseplatten auf ihren Tischen angerichtet, es gab Weintrauben, Quiches, Krabbensalat, Couscous - und dazu jede Menge Champagner.

Eine gewisse Lena aus München wird sich noch lange an den Abend erinnern. Ein Freund stellte sich kurzerhand auf einen Stuhl und bat die Versammelten, ihr ein Ständchen zum Geburtstag zu singen. Und so schmetterten um die sechshundert Menschen Lena zu ihrem Dreißigsten „Happy Birthday to you...“ entgegen.

Dass die unangemeldete Veranstaltung keine kommerziellen oder politischen Hintergründe hat, war wohl ein Grund, warum die Polizei die Feiernden auch dieses Jahr gewähren ließ. Im Laufe des Abends tauchte eine einzelne Streife mit Blaulicht auf dem Platz vor der Feldherrnhalle auf. Die Leute winkten den Beamten mit Stoffservietten. Da alles friedlich ablief, waren die Polizisten schnell wieder verschwunden.

Als es dunkel wurde, entzündeten die Gäste traditionell noch Wunderkerzen. Um Mitternacht war der Zauber dann vorbei. So schnell wie die vielen Stühle und Tische aufgebaut worden waren, trugen die Gäste sie wieder fort. Und manch einer fragte sich: War das gerade vielleicht nur ein schöner Traum?

Janina ventker

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