Die fantastischen Vier

München - Sie wünschten sich nichts sehnlicher als ein Kind. Jetzt sind Miriam und Bernd R. Eltern von Vierlingen. Dass die Kinder leben, ist eine medizinische Sensation. Eine OP im Mutterleib rettete sie.

Anna, Marlene, Aaron und Jakob dürfen heim. Nach zehn Wochen auf der Frühchenstation haben sich die Vierlinge in der Frauenklinik an der Maistraße so gut entwickelt, dass sie am Donnerstag nach Hause konnten. Die glücklichen Eltern Bernd und Miriam R. verabschiedeten sich von Klinikdirektor Prof. Klaus Friese (60) und seinem Ärzte- und Pflege-Team. Die hatten die Vierlinge am 14. Juni in der 31. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt zur Welt gebracht.

Auf dem Weg nach Hause durften die munteren Kleinen das neue Familienauto einweihen. Vater Bernd R. hat seinen BMW gegen einen geräumigen VW-Bus getauscht. Dass der einmal nötig werden würde, hätte sich das sympathische Ehepaar vor einem Jahr nicht in seinen kühnsten Träumen vorstellen können.

Damals wünschten sich der junge Betriebswirtschafts-Professor und die Juristin nichts sehnlicher als ein Baby. Dass es dann vier wurden, verdanken die beiden nicht nur einer Kinderwunschbehandlung mit künstlicher Befruchtung, sondern auch einer Laune der Natur: Denn in beiden Eizellen, die sich Miriam R. einsetzen ließ, entwickelte sich neues Leben. Und das gleich im Doppelpack, weil sich beide Zellen teilten und daraus Vierlinge entstanden.

Doch während der Schwangerschaft kam es zu schweren Problemen. Zwischen den beiden Mädchen hatten sich Blutgefäße gebildet, durch die es zu einem ungleichen Blutaustausch kam. Anna erhielt zu viel Blut, Marlene zu wenig. Ohne Behandlung des sogenannten Zwilling-Syndroms wären beide gestorben. Eine OP im Mutterleib, die nur drei Spezialisten in Deutschland beherrschen, rettete das Leben der ungeborenen Kinder. Prof. Kurt Hecher vom Uniklinikum Hamburg unterbrach die Blutgefäße zwischen den Mädchen mit einer Lasersonde.

Ein „spektakulärer Eingriff“, bestätigt sein Münchner Kollege Prof. Friese. „Wir sind sehr froh, dass die OP und die anschließenden Schwangerschaftswochen gut verlaufen sind. Die Geburt war die dramatischste, die ich bisher erlebt habe.“

Auch die folgenden Wochen zwischen Brutkästen, Beatmungsmaschinen und Überwachungsmonitoren waren schwierig. „Doch wir haben immer gespürt, dass unsere Kleinen es schaffen“, sagt Miriam R.

Den größten Schock hatten Bernd und Miriam R. schon weit vorher verkraften müssen, als ihnen ein Arzt aus einer Nymphenburger Praxis wegen der hohen Risiken zu einer Teil-Abtreibung riet. Die Eltern sollten sich von zwei der Föten trennen: „Das kam für uns überhaupt nicht in Frage.“

Nun sind die Aufregungen der letzten Monate vergessen. Anna, Marlene, Aaron und Jakob geht es prima. Und auf die Eltern warten neue Herausforderungen: „Ab sofort passiert bei uns alles mal vier“, sagt Miriam R. „Viermal füttern, viermal Windeln wechseln, viermal kuscheln. Dazu haben wir einen Vierer-Kinderwagen und vier Maxi-Cosys angeschafft. Außerdem 20 Fläschchen und 40 Strampelanzüge.“ Jede Großpackung mit 50 Windeln hält bei Großfamilie R. gerade mal zwei Tage: „Alle vier Babys müssen sechsmal pro Tag gewickelt werden.“

Die kommenden Monate werden Anna, Marlene, Aaron und Jakob nebeneinander in einem Kinderbett mit Gitter schlafen. „Erst wenn sie etwas größer sind, bekommt jeder ein eigenes Bettchen“, sagt Mutter Miriam. Für die späteren Jahre sind zwei Stockbetten geplant: „Dafür haben wir sogar schon unser Dach ausgebaut.“

Auch in Zukunft müssen die Eltern nicht auf fachkundige Hilfe verzichten. Sozialpädagogin Petra Rüde und Kinderschwester Barbara vom Frühchenprojekt der Frauen- und Kinderklinik (www.hana-muenchen.de) besuchen die Familie regelmäßig und stehen mit Rat und Tat zur Seite.

Michael Timm

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