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Clint Eastwood auf Krücken im US-Bürgerkrieg: Szene aus "The Beguiled".

Eastwood-Retrospektive: „Fast perverse Geschichten“

München - Clint Eastwood an der Isar: Das Filmmuseum zeigt die größte Retrospektive, die es in Deutschland je zu sehen gab. Ein Gespräch mit Filmmuseums-Leiter Stefan Drößler über die "Clintessenz" - und seine Erfahrung mit Eastwood.

Herr Drößler, können Sie sich erinnern, wann Sie zum ersten Mal einen Film mit Clint Eastwood gesehen haben?

Das muss Mitte der 70er-Jahre gewesen sein, da habe ich als 15-Jähriger „The Beguiled“ und „Play Misty For Me“ im Fernsehen gesehen. Beides sind sehr ungewöhnliche Filme, die fast perverse Geschichten erzählen. In „Play Misty For Me“ spielt er einen Disk Jockey, der von einer Frau belästigt und schließlich bedroht wird. In „The Beguiled“ wird er als verwundeter Bürgerkriegs-Soldat in einem Mädchen-Internat untergebracht. Die Mädchen bemühen sich um ihn, es kommt zu Eifersüchteleien . . .

. . . und am Ende wird Eastwood mit einer Pilzsuppe vergiftet.

Genau. Da finden sich Kastrations-Motive, und die Rotkäppchen-Geschichte wird ins Gegenteil verkehrt: Rotkäppchen bringt den bösen Wolf um. Das hat mich damals schon sehr verdutzt. Ich hatte Eastwood vorher eigentlich nur als Italo-Westernheld wahrgenommen. Mittlerweile hat er sich kontinuierlich zu einem der besten Regisseure der Welt entwickelt – mit ungebrochener Schaffenskraft.

1988 hat das Filmmuseum schon einmal eine kleinere Werkschau über Eastwood veranstaltet. War er damals in München?

Eastwood-Fan: Museumsleiter Stefan Drößler.

Ja, war er. Genau zu dem Zeitpunkt, als er sich als Regisseur noch nicht völlig etabliert hatte. Dass wir ihn da unterstützt haben, das hat er sich offensichtlich gemerkt – deshalb hat er später einen Film wie „Mystic River”, über dessen kommerzielle Chancen er sich unsicher war, als exklusive Preview vor dem eigentlichen Filmstart dem Filmmuseum gegeben. Sein Studio „Warner Bros.“ war schon recht verwundert, dass sie die Filmkopie an uns schicken mussten. Wir fanden das natürlich toll. 1988 hat er einige brandneue untertitelte Kopien seiner Filme unserem Archiv vermacht.

Jetzt veranstalten Sie bis Anfang Juni die größte Clint-Retrospektive, die es in Deutschland je gab. Was werden wir sehen?

Wir zeigen alle Filme, die er gedreht hat, und eine Auswahl derer, in denen er als Schauspieler mitwirkte. Aus dem Frühwerk sicher nicht alle kleinen TV-Produktionen, in denen er eine Nebenrolle hatte – aber es sind Raritäten dabei, etwa seine allererste Regie-Arbeit. Das war ein Promo-Film von zehn Minuten für „The Beguiled“. Den dürften selbst eingefleischte Fans noch nie gesehen haben.

Die "Clintessenz" in Bildern

Filme von "Dirty Harry" Clint Eastwood

Ist es schwer, für ein solches Projekt alle Filme zu bekommen?

In Eastwoods Fall eigentlich nicht. Denn er hat ja immer mit großen Studios zusammengearbeitet. Eine Retrospektive von Spike Lee ist beispielsweise viel schwerer zu organisieren, weil es sich in diesem Fall meist um freie Produktionen handelt.

Was bewundern Sie an Clint Eastwood?

Er ist ein klassischer Geschichtenerzähler. Und er geht seine Erzählungen mit einer bewundernswerten Konsequenz an. Er kümmert sich nicht um den Zeitgeist und dreht sehr unterschiedliche Filme. In seinem aktuellen etwa, „Gran Torino", spielt er wieder so eine gealterte Dirty-Harry-Figur – einen Typus für den er ja schon viele Vorwürfe hat einstecken müssen wegen Gewaltverherrlichung. Aber er zeichnet seine Figuren nie eindimensional. Bestes Beispiel sind auch die Filme „Flags Of Our Fathers" und „Letters From Iwo Jima", die den Krieg der USA gegen Japan aus dem Blickwinkel von jeweils einer der Konfliktparteien zeigen.

Haben Sie ihn einmal getroffen?

Leider nein, 1988 war ich ja noch nicht Leiter des Filmmuseums. Aber ein Freund von mir, ein Kameramann, der vor kurzem gestorben ist, hat ihn einmal für eine Dokumentation besucht. Er erzählte, dass Eastwood es sich nicht nehmen ließ, mit zu seinem Auto zu kommen und die Kamera-Ausrüstung mit ihm zu schleppen. Es gibt andere, die sich als Genies verstehen und sich ausgesprochen abgehoben aufführen. Diese Attitüde hat Eastwood nicht drauf.

Das Gespräch führte Johannes Löhr.

Das Programm zur Reihe "Clintessenz" (vom 25. Februar bis zum 4. Juni im Filmmuseum) finden sie hier.

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