Feinstaub in der Stadt

Dicke Luft in München - Umweltverbände schlagen Alarm

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  • Peter T. Schmidt
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München - Dunstglocke über München! Umweltverbände schlagen Alarm: Die Belastung in süddeutschen Städten ist schon fast so hoch wie in chinesischen Metropolen!

Zehn Mal hat der Tagesmittelwert heuer bereits den gesetzlichen Grenzwert von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft überschritten. In der Spitze kamen die Stundenmittelwerte bis an die 200-

Mikrogramm-Grenze heran. Ab 100 Mikrogramm gilt die Luft amtlich als „sehr schlecht“.

„Besorgniserregende Feinstaubwerte in Süddeutschland“ beobachtet die Deutsche Umwelthilfe und fordert die Behörden zu Sofortmaßnahmen auf. Die Luft in manchen Städten sei „so stark belastet, dass sie sich dem Smogniveau chinesischer Städte nähern“. Nötig seien jetzt kurzfristige Fahrverbote für Dieselfahrzeuge und Nutzungsverbote für Kaminöfen.

Shanghai im Smognebel.

Dass die Werte derart durch die Decke gehen, liegt nicht daran, dass mehr Feinstaub produziert wird, sondern am Wetter (s. rechts). 35-mal pro Kalenderjahr darf der Tagesmittelwert über 50 Mikrogramm liegen. Ab dem 36. Tag verletzt München geltendes Recht. Seit 2012 ist das nicht mehr passiert. Steuert die Stadt, mit zehn Überschreitungen allein im Januar, nun darauf zu, die Messlatte zu reißen? Das könne man jetzt noch nicht absehen, sagt Alois Maderspacher vom Gesundheitsreferat. Im Sommer werde es voraussichtlich nicht so weitergehen.

Bemerkenswert ist die Verteilung des Feinstaubs: Hatte bisher stets die Messstation an der Landshuter Allee die höchsten Werte geliefert, so hat ihr in diesem Jahr der Stachus den Rang abgelaufen. Eine Erklärung dafür haben die Experten bisher nicht. 

Das Wetterphänomen

Dieses Wetter macht uns krank! „Die seit zwei Wochen andauernde Hochdruckwetterlage – besonders im Süden Deutschlands – begünstigt die Feinstaubansammlung“, erklärt der Meteorologe Dominik Jung vom Portal wetter.net. Denn in etwa 1000 Metern Höhe liegt das Hochdruckgebiet schon ungewöhnlich lange wie ein Teppich über München, die Schwebeteilchen in der Luft können nicht nach oben verschwinden. Verstärkt wird dieser Effekt noch bei sogenannten Inversionswetterlagen, bei denen über der kalten Luft am Boden warme Luft liegt. „Auch das hatten wir in letzter Zeit öfter. Beide Male findet fast kein Luftaustausch statt. Noch dazu ist es derzeit nahezu windstill und sehr trocken. Regen könnte die Partikel in der Luft auswaschen, so dass sie dann am Boden wegfließen …“

Erneuter Smog-Alarm vor chinesischem Neujahrsfest

Solch eine wetterbedingte Feinstaubansammlung kann theoretisch auch im Sommer vorkommen. „Aber da hatten wir schon lange nicht mehr so intensive Hochdruckwetterlagen“, erklärt Jung. Und im Winter kommen die Kaminöfen dazu, die zusätzlich Feinstaubartikel in die Luft blasen. Leider kann Wetterexperte Jung noch keine Feinstaub-Entwarnung geben: „In München wird es zwar ab Freitag milder, aber Wind und Niederschlag sind erst einmal noch nicht in Sicht.“ nba

Der unsichtbare Feind des Körpers

Studien, die beweisen, dass Feinstaub gesundheitsschädlich ist, gibt es zuhauf. Einer EU-Studie zufolge verringert sich die Lebenserwartung in Europa durch Feinstaub um durchschnittlich etwa neun Monate. US-Wissenschaftler haben außerdem festgestellt: Achtjährige Kinder, die in 100 Metern Entfernung von einer großen Straße leben, haben im Schnitt eine um sechs Prozent geringere Lungenfunktion als Kinder, die weiter von einer großen Straße entfernt wohnen. Feinstaub ist der unsichtbare Feind des Körpers!

Aber warum ist das so? Generell gesagt sind die Schwebeteilchen Fremdkörper, die den Körper reizen und entzündliche Reaktionen verursachen. „Diese Entzündung stört das Lungengewebe“, erklärt der Allgemein- und Tropenmediziner Dr. Markus Frühwein. Das kann für Lungenpatienten wie Asthmatiker gefährlich werden. Aber auch gesunden Menschen kann der Feinstaub schaden. „Bei längerer Entzündungsbelastung der Lunge wird das Lungenkrebsrisio erhöht.“ Und nicht nur dieses Krebsrisiko steigt: Weil sich an den Feinstaub Kohlenwasserstoffe und Schwermetalle haften, sei die Gefahr für Krebs insgesamt erhöht.

„Auch das Herz-Kreislaufsystem ist betroffen“, sagt Experte Frühwein. Wenn nämlich die ganz kleinen Lungenpartikel durch die Lungenbläschen in die Blutbahn gelangen, dann führt das auch hier zu Entzündungen. „Und die dauerhafte Belastung kann Schlaganfälle oder Herzinfarkte verursachen.“

Menschen, die im Münchner Umland leben, seien natürlich weniger gefährdet, sagt der Mediziner. Und wer oft auf den Berg geht, tut auch schon etwas für seine Gesundheit!

Stichwort Feinstaub

Jeder redet drüber – aber was ist Feinstaub eigentlich? Das sind verschiedenste chemische Substanzen in der Luft, etwa Schwermetalle, Ruß, Kohlenwasserstoffe, aber auch Pollen oder Pilze. Einen Großteil des Feinstaubs verursachen Autos und Züge (etwa 60 Prozent). Weitere Verursacher sind Industrieanlagen, Kraftwerke, Tankstellen, Lackiereien. Aber auch Hausbrände oder das Silvester-Feuwerk belasten die Luft – sogar Streusalz. Nachdem in München die Grenzwerte mehrmals hintereinander überschritten worden waren, wurde 2004 ein Luftreinhalteplan aufgestellt. Darin ist das Lkw-Transitverbot geregelt, aber auch die Einführung der Umweltzone mit Wapperlpflicht. Demnach dürfen nur noch Fahrzeuge mit grüner Plakette innerhalb des Mittleren Rings fahren. Der Plan wird laufend fortgeschrieben.

Feinstaub ist von den Stickoxiden zu trennen, die etwa auch durch Dieselabgase in die Luft geschleudert werden. Inversionswetterlagen fördern vor allem die Konzentration des Feinstaubs.

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