„Ich denke, dass das Flaschensammeln bei den Leuten in München das Bedürfnis befriedigt, an der Gesellschaft teilzunehmen, die sie eigentlich schon rausgeschmissen hat.“

So viel verdient man durchschnittlich damit

Soziologe erklärt das Flaschensammeln-Phänomen

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München - Soziologe Philipp Catterfeld hat das Großstadt-Phänomen Flaschensammeln untersucht. Es geht um Armut, Scham und Akzeptanz.

Eigentlich ist Philipp Catterfeld, 47, Sozialwissenschaftler und Dozent an der Hochschule München. Im Sommer aber arbeitet er als Rikschafahrer. Dabei hat er oft Menschen beobachtet, die Pfandflaschen aus Mülleimern fischen. Sogar eine alte Dame in einem Chanel-Kostüm war darunter. Dieses stammte aus den 60er-Jahren, war ziemlich abgetragen, verströmte aber immer noch Würde. Catterfeld wollte wissen, was es ist, das Menschen zum Flaschensammeln bringt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Alban Knecht, der Armutsforschung betreibt, schickte er eine Gruppe Studenten los, die etwa 40 Flaschensammler in München befragte. Die Studie gibt überraschende Einblicke in das Leben der Menschen.

Der Ausgang für Ihre Studie war das Thema Armut. Ist Armut das einzige, was hinterm Flaschensammeln steckt?

Philipp Catterfeld: Letztendlich glaube ich schon, dass Armut der größte Beweggrund ist. Aber wir haben auch herausgefunden: Je mehr sich die Flaschensammler akzeptiert fühlen, desto glücklicher sind sie. Und sie werden akzeptiert. Weil sie nicht betteln, sondern viel arbeiten und fleißig sind. Sie versuchen, sich mit Pfennigbeträgen ein zusätzliches Einkommen zu schaffen.

Schämen sich die Leute für diese Arbeit?

Catterfeld: Das wollten wir durch Selbstversuche rausfinden: Manche Studenten haben für einen Tag Flaschen gesammelt – und sich wahnsinnig geschämt. Und weil es ihnen so ging, haben sie gedacht, müssten sich die Flaschensammler ja auch schämen. Das hat sich aber nicht bewahrheitet. Die Studenten haben beobachtet, ob sich die Leute schamhaft bewegen, ob ihre Körpersprache schamhaft ist, andere haben die Flaschensammler direkt nach der Scham gefragt. Letztlich ist es für die Leute nicht so schlimm, wie man meint. Die Scham liegt nicht im Moment des In-den-Müllkorb-Greifens, sondern darin, wenn man den Pfandbon an der Kasse abgibt.

Wieso das?

Catterfeld: Weil sie so wenig Geld bekommen, obwohl sie so viel arbeiten.

Wie viel verdient denn ein Flaschensammler?

Catterfeld: Bei den meisten sind es drei, vier Euro am Tag. Mal auch zehn oder zwanzig Euro, wenn größere Events sind wie der Stadtlauf. Aber normalerweise verdienen sie nicht viel. Da haben wir dann das Gefühl gehabt, da ist auf einmal ein bisschen Scham. Und diese Scham haben sie dann gefüllt mit allen möglichen Argumenten, wie: Sie tun etwas für die Umwelt, sie brauchen das Geld eigentlich nicht wirklich, einen Teil von dem Geld spenden sie auch und so weiter. Es geht aber nicht nur ums Geld.

Sondern?

Catterfeld: Das Flaschensammeln strukturiert den Alltag der Menschen. Es sind sehr viele ältere Leute dabei, die nicht genau wissen, was sie den ganzen Tag machen sollen. Die sich eigentlich fit fühlen, die noch an der Gesellschaft teilnehmen wollen. Durch das Flaschensammeln werden sie auch in nette Gespräche verwickelt. Es gibt auch welche, die sind süchtig, das heißt, sie sammeln definitiv mehr, als gut für sie ist. Sie gehen jeden Tag acht Stunden raus, auch bei Regen. Sie sagen: „Am Sonntag? Nee, am Sonntag sammle ich nicht. – Na gut, wenn ich welche sehe, dann nehm’ ich sie schon mit.“

Was sind das für Leute, die Flaschen sammeln?

Catterfeld: Es gibt Flaschensammler, die auf das Geld angewiesen sind, oft Menschen mit Migrationshintergrund oder Wanderarbeiter aus Südosteuropa. Von dem wenigen Geld, das sie mit dem Flaschensammeln verdienen, schicken sie dann noch etwas in die Heimat. Das sind oft Leute, die hierhergekommen sind, um auf dem Bau zu arbeiten, weil sie irgend ’nen Kontakt hatten. Den Kontakt gab’s nicht mehr, sie haben hier also nicht arbeiten können. Auf einmal sind sie hier, haben kein Geld und müssen irgendwas machen – und dann sammeln sie Flaschen.

Und die anderen?

Catterfeld: Die andere Gruppe, das sind deutsche Flaschensammler oder Menschen, die schon mindestens 20 Jahre hier wohnen. Die meisten sind älter als 55, beziehen Frührente oder Hartz IV, und sammeln zusätzlich Flaschen. Die verdienen im Schnitt 50 Euro im Monat. Darunter sind kaum Alkoholiker, weil Flaschensammeln wahnsinnig anstrengend ist. Das sind relativ fitte Leute, die sonst keine Möglichkeit haben zu arbeiten und ihr Leben selbst organisieren wollen. Über die zwei, drei Euro, die sie da am Tag verdienen, sind sie glücklich.

Zwei, drei Euro am Tag sind nicht viel...

Catterfeld: Für die Leute reicht es aber, um mal einen Kaffee trinken gehen zu können. Um nicht die ganze Zeit daheim sitzen zu müssen. Diese Menschen haben oft Schicksalsschläge erlitten: Sie sind arbeitslos geworden oder krank – sei es physisch oder psychisch –, haben sich scheiden lassen oder einfach keinen Sinn mehr im Leben gesehen.

Man sagt auch, dass sogar viele Rentner Flaschen sammeln gehen.

Catterfeld : Ja, es sind auch Rentner dabei, aber eher Frührentner und Leute, die nicht mehr arbeiten können.

Haben Sie in Erfahrung bringen können, wie viele Menschen in München Flaschen sammeln?

Catterfeld: Nein, da gibt es keine Zahlen.

Gibt es in der Stadt besonders begehrte Sammelgebiete?

Catterfeld : Ja, die gibt es: Marienplatz, Fußgängerzone, Gärtnerplatz, Reichenbachbrücke, Flaucher, Englischer Garten... Es gibt auch Leute, die sich spezialisieren. Die einen sammeln nur Plastikflaschen, die anderen Bierflaschen, wieder andere sind mit dem Fahrrad unterwegs.

Gibt es unter den Flaschensammlern so etwas wie Revierkämpfe?

Catterfeld: Kämpfe würde ich das nicht nennen. Wer zuerst kommt, der kriegt die Flaschen. Die Leute haben uns schon von Konflikten erzählt, aber die sind dann eher verbal. Für richtige Auseinandersetzungen sind die Werte, um die es da geht, zu gering.

Wie reagieren Supermärkte auf Flaschensammler?

Catterfeld: Es gibt oft Schilder an den Automaten, dass Flaschen nur in „haushaltsüblichen Mengen“ angenommen werden. Das ist für die Flaschensammler natürlich unpraktisch. Aber irgendwie arrangieren sich alle. Die Sammler müssen dann eben öfter in den Supermarkt gehen oder in verschiedene. Manche haben auch Getränkemärkte, in denen sie Flaschen in großer Zahl abgeben dürfen.

In manchen Supermärkten werden die Sammler auch schon mal des Hauses verwiesen...

Catterfeld: Ja, das kommt vor. An Brennpunkten wie am Gärtnerplatz zum Beispiel. Da kommen sehr viele Flaschen zurück, die Supermärkte müssen dann extra Leute einstellen, um das Leergut zu sortieren. Das ist natürlich ein Kostenpunkt, und deshalb wollen sie die Flaschensammler draußen halten. Obwohl es diskriminierend ist, wenn da unterschieden wird zwischen „normalen“ Leuten und Flaschensammlern. Ein Supermarktmitarbeiter hat aber bei unserer Recherche auch gesagt: „Na ja, wenigstens arbeiten sie was.“ Eine gewisse Akzeptanz ist immer da.

Das heißt, die Flaschensammler sind nicht so schlecht angesehen?

Catterfeld: Sie werden akzeptiert. Viele haben uns erzählt, dass die Leute ihnen auch Geld zustecken. Mal zwei Euro, mal 50 Euro, zum Beispiel an Weihnachten.

München ist eine reiche Stadt. Ist es da ein besonderes Armutszeugnis, wenn es hier viele Flaschensammler gibt?

Catterfeld : Nein, das finde ich nicht. Ich glaube schon, dass es anders ist als in anderen Städten. In Berlin gibt es zum Beispiel viele jüngere und ärmere Flaschensammler. Ich denke vielmehr, dass das Flaschensammeln bei den Leuten in München das Bedürfnis befriedigt, an der Gesellschaft teilzunehmen, die sie eigentlich schon rausgeschmissen hat. Sich unter die Leute zu mischen, einen Grund zu haben, draußen zu sein.

Wie hat sich nach der Studie Ihr Blick auf die Thematik verändert?

Catterfeld: Ich würde dafür plädieren, dass man das Pfand für Glasflaschen erhöht. Plastikflaschen werden sehr viel lieber gesammelt, weil sie leichter sind. Für die schweren Glasflaschen gibt es nur acht Cent. Das könnte man ruhig verdoppeln.

Das Interview führte Janina Ventker.

Das Buch

„Flaschensammeln – Überleben in der Stadt“ von Philipp Catterfeld und Alban Knecht (Hg.) ist im UVK Verlag erschienen. 184 Seiten, 24,99 Euro. ISBN 978-3-867646346.

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