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Flüchtlinge am Münchner Bahnhof: Die Situation hat sich beruhigt – bislang fehlen jedoch weitere Ankunfts-Drehkreuze in Deutschland.

Lage am Hauptbahnhof entspannt sich

München und die Flüchtlinge: "Lassen Sie uns nicht alleine"

München - Am Hauptbahnhof geht es entspannter zu, doch der Ausnahmezustand dauert an. Gestern kritisierten Verantwortliche, dass München weiterhin bundesweit die einzige Drehscheibe für Flüchtlinge ist.

Update vom 11. September 2015: Lesen Sie in unserem Faktencheck zum Thema Flüchtlinge in München nach, wieviele in den vergangenen Wochen hier angekommen sind und wohin sie verteilt wurden.

Update vom 9. September 2015: "Wir schaffen das", sagte Angela Merkel zur Flüchtlingskrise. Florian Knape vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erklärt in einem Gastbeitrag, warum wir "das" tatsächlich schaffen werden.

Und die Stadt sorgt sich, wie die Integration so vieler Menschen funktionieren soll.

Es wird schon fast ein normaler Anblick: Züge aus Budapest-Keleti am Hauptbahnhof. Menschengruppen, die von Bundespolizisten eskortiert werden. Helfer, die sich am Starnberger Flügelbahnhof drängeln. Und Christoph Hillenbrand, Präsident der Regierung von Oberbayern in grüner Trachtenjoppe, dem bei einer Pressekonferenz zwei Dutzend Journalisten aus aller Welt gegenübersitzen.

Doch normal ist noch lange nichts in München. Immerhin: „Die Lage hat sich deutlich beruhigt“, sagte Hillenbrand gestern. Am Wochenende waren 20 000 Flüchtlinge gekommen, am Montag „nur“ noch 4500, am Dienstag wurden bis Mitternacht 4300 erwartet. Die von der Deutschen Bahn (DB) eingesetzten Sonderzüge sorgten für eine deutliche Entlastung, sagte er. Von 2 Uhr bis abends brachten vier Sonderzüge rund 2000 Menschen nach Berlin, Celle und Düsseldorf. Zusammenarbeit, Verteilung, Unterbringung, freiwillige Hilfe: Alles funktioniere großartig, sagte auch Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD). Man werde wieder zunehmend Herr der Lage und könne etwas durchschnaufen.

Aber sie wiederholte OB Dieter Reiters (SPD) Worte: „München braucht Unterstützung! Lassen Sie uns nicht alleine“, appellierte sie an Restdeutschland. Und dann kritisierten sie und Hillenbrand, dass München immer noch bundesweit das einzige Drehkreuz für den Flüchtlingstreck aus Ungarn ist. Zwar wird weiter über den Flughafen Leipzig/Halle als weiteren Standort verhandelt und auch über andere deutsche Städte. Doch beschlossen haben Bund und Länder auch gestern nichts.

Meier geht das zu zäh: „Andere nationale Ebenen müssen in einen anderen Entscheidungsmodus kommen“, forderte sie. „Was wir seit Monaten machen, Improvisation, Flexibilität“, da müssten die anderen endlich nachziehen. Hillenbrand sagte: „Das muss in Gang kommen. Andere Städte müssen dichter an Salzburg heranrücken.“ Simone Kohn vom bayerischen Sozialministerium, lapidar: „Hilfe vom Bund wäre schon recht.“

Bayern liegt weit über dem Soll

Auch, weil Bayern seit dem Wochenende weit über dem Soll liegt: Von den 20 000 Menschen, die am Wochenende hier ankamen, beherberge Bayern aktuell noch 8000, so Kohn. Laut Königsteiner Schlüssel – der die Verteilung auf die Bundesländer regelt – müsste es nur 3000 aufnehmen. Die Verteilung werde natürlich weitergehen, so Kohn.

In München übernachteten zum Dienstag 2750 Menschen in den Auffanglagern. Inzwischen gibt es 4700 Not-Plätze: an der Richelstraße, der Denisstraße, in den Messehallen, der Turnhalle des Luisengymnasiums und in Aschheim/Dornach. Es sei „noch Potenzial drin“, so Hillenbrand. Das Luisengymnasium soll bald freigemacht werden. Rund die Hälfte der Ankommenden konnte bisher täglich verteilt werden: nach Bayern und bundesweit. Vor allem Nordrhein-Westfalen helfe München enorm aus.

Abends wurde ein Detail der Strategie bekannt, die während des Oktoberfests greifen soll, um die Ströme von Wiesn-Besuchern und Asylsuchenden zu entzerren: Laut DB-Vertreter Klaus-Dieter Josel sollen künftig Sonderzüge direkt von Wien in andere Bundesländer umgeleitet werden.

Hillenbrand sagte zudem, ihn hätten Anfragen aus Wien erreicht: Ob München zehn Busse mit Flüchtlingen übernehmen könne, weil die Versorgung am Wiener Bahnhof nicht mehr gesichert sei. „Denkwürdig“ nannte er es, das solche Gesuche München erreichten. Er habe es ans Bundesinnenministerium weitergeleitet: „Wir können nicht die Probleme im weiten Umkreis lösen.“ Würde seine Regierung offiziell beauftragt, „werden wir uns der Aufgabe stellen“.

Derweil sieht Meier keine großen Probleme in der Unterbringung derer, die in München bleiben. Heute entscheidet der Stadtrat über weitere Standorte für Unterkünfte. Dabei sind die Zahlen schon wieder veraltet: Bekam die Stadt jüngst noch 352 Asylsuchende wöchentlich zugewiesen, sind es jetzt 488. Bis Jahresende muss sie also weit mehr als 15 000 Flüchtlinge unterbringen. Meier ist zuversichtlich: „Wir sind bei der Planung ohnehin von höheren Prognosen ausgegangen.“ Es tauchten immer neue Standorte auf: Neu ist, dass das Osram-Gelände an der Hellabrunner Straße für 500 bis 1000 Flüchtlinge genutzt werden soll. Zudem beantragt die SPD-Fraktion, alle Liegenschaften des Bundes in München zu prüfen – der Bund habe ja zugesagt, diese „sofort und mietzinsfrei“ verfügbar zu machen.

Viel schwieriger sei es, Decken und Betten, Sicherheitsdienste und Sozialpädagogen zu bekommen, so Meier. Und Hillenbrand erzählte Kurioses: In der Unterkunft Denisstraße stünden Betten aus Frankreich. Auch aus China habe man welche bestellt. Die aus dem Kosovo seien zu teuer gewesen, und ein bekanntes schwedisches Möbelhaus habe bereits Lieferschwierigkeiten.

Mehr als um die Betten sorgt sich Hillenbrand um die schieren Zahlen: Viele Syrer würden ihre Familie nachholen – pro Syrer kämen „drei bis vier weitere“. Meier sagte, das Problem gehe erst richtig los, wenn die Menschen einen Aufenthaltsstatus hätten. Dann müssen sie die Unterkünfte verlassen – und eine Wohnung beziehen, Sprachkurse machen, Arbeit finden. „Sonst rutschen sie ins Wohnungslosen-System.“

Wer helfen will . . .

. . . kann sich ab morgen an den neuen Info-Bus der Stadt wenden: am Elisenhof vor den Stadtrundfahrt-Bussen. Hier soll ehrenamtliche Hilfe koordiniert werden.

Christine Ulrich

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