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Der „Aufstand der Leisen“ im Herzen der Stadt: Am Marienplatz versammelten sich am Sonntag Flüchtlingshelfer aus ganz Oberbayern.

Demonstration am Marienplatz

Aufstand der Leisen: Warum jetzt die Flüchtlingshelfer auf die Straße gehen

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Am Sonntag hat der Marienplatz den ersten „Aufstand der Leisen“ erlebt: Knapp 1500 Flüchtlingshelfer aus ganz Oberbayern demonstrierten für eine humanere Asylpolitik.

München - Das Aprilwetter ist so durchwachsen wie die Stimmung der Flüchtlingshelfer auf dem Marienplatz. Wenn sie von ihren Begegnungen mit Geflüchteten berichten, strahlen sie wie der Sonnenschein. Kommt die Rede indes auf die aktuelle Asylpolitik, durchfährt ein kalter Windstoß ihre Mienen. Knapp 1500 Flüchtlingshelfer aus ganz Oberbayern sind am Sonntagnachmittag ins Herz der Landeshauptstadt gekommen, um den „Aufstand der Leisen“ zu proben – just einen Tag, bevor am heutigen Montag vom Münchner Flughafen wieder eine Abschiebe-Maschine nach Afghanistan startet.

Es soll eine neue Bewegung werden

Noch nie zuvor haben sich Asylhelfer in einer solchen Stärke in München versammelt. „Und das ist erst der Anfang“, verkündete Veranstalter Thomas Lechner. Rund 70 Helferkreise von Weilheim bis ins Westend unterstützten die Versammlung, Redner traten auf. Antonia Veramendi, Leiterin der Schlau-Schule, berichtete, wie sich ihre Einrichtung bemühe, dass die Jugendlichen eine exzellente Bildung erhielten. Und dann verwehre ihnen die Politik die Ausbildungserlaubnis und schicke Abschiebe-Bescheide. „Herr Seehofer, schauen Sie, was Sie mit Ihrer Politik zunichte machen“, rief sie.

Warum die Helfer jetzt auf die Straße gehen

Ähnliche Töne waren überall zu hören: dass die letzten Monate in Bayerns Asylpolitik „einfach zuviel“ waren, sagte Yvonne Meininger aus Ismaning. Zu viele Restriktionen, die ihre Arbeit verunmöglichen. Professor Werner Schiffauer von der Europa-Universität Viadrina erklärte, warum die Helfer erst jetzt auf die Straße gingen: „Sie haben keine Zeit neben ihrer Arbeit.“ Zu lange sei dadurch das Bild der öffentlichen Meinungsbildung von Pegida bestimmt gewesen, obwohl sich Hunderttausende für Geflüchtete engagierten. „Ich will denen entgegentreten, die gegen Geflüchtete hetzen“, sagte Irmgard Hofmann aus Hadern. Schiffauer glaubt an das Potenzial des Protests: „Ich sehe eine politische Bewegung vor mir.“

Es wird diskutiert - auch kritisch

Und die beginnt mit Diskussion. In acht Gesprächskreisen tauschten sich die Helfer aus: etwa über miserabel durchgeführte Anhörungen im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Konkrete Forderungen an die Politik wurden formuliert. Passanten blieben stehen, hörten zu. Auch kritische Stimmen wurden laut. Eine Rentnerin sagte: „Wenn die Leute aus Kriegsländern wie Syrien kommen, sollen sie bleiben dürfen. Ich arbeite ehrenamtlich auf einer Krebsstation. Dort brauchen auch viele Menschen Hilfe. Und viele arme Rentner müssen zur Tafel. Um die sollte man sich auch kümmern.“ Gleich daneben brachen ein paar Nigerianer aus Wolfratshausen fast in Tränen aus, als sie erzählten, dass sie seit Monaten nicht arbeiten dürften. „Die Zukunft ist vorbei“, sagte einer der Männer verzweifelt. „Ich werde verrückt. Wohin soll ich denn jetzt gehen?“

Bedauern, dass nur wenige Politiker kamen

Schade fanden viele Helfer, dass sich fast keine Politiker blicken ließen – mit Ausnahme der Grünen-Landtagsfraktionschefin Katharina Schulze, der Ex-Grünen Claudia Stamm und wenigen anderen. Prominente Künstler traten auf, darunter Ecco Meineke mit seiner „Pastinaken-Polka“ über reflexartige Fremdenfeindlichkeit. Mit Sonne im Herzen und viel Energie, „weil man sieht, dass man nicht alleine ist“, so eine Helferin – so ging der Abend zu Ende.

Lesen Sie auch: Soziologie erklärt im Interview - darum engagieren wir uns politisch 

Warum wir hier sind - das sagen die Demonstrierenden:

Bernhard Rieger (52), Unterkunftsleiter, Germering: „Für viele Helfer stand lange das Helfen im Vordergrund, auch für mich als Portalbetreiber von www.asylhelfer.bayern. Aber mit dem Arbeitsverbot und den Abschiebungen ist bei vielen ein Punkt erreicht, wo sie sagen: Jetzt müssen wir politisch werden und uns vernetzen, um ernst genommen zu werden.“

Bernhard Rieger. 

Brigitte Wolfmaier (64), selbstständig, Grünwald: „Ich verstehe nicht, dass Menschen nicht arbeiten dürfen. Sie bekommen Depressionen! Und dass die Politik behauptet, Afghanistan sei sicher. Erklären Sie das einem Jungen, dessen Eltern von den Taliban ermordet wurden! Uns geht es hier so gut, wir wollen etwas davon weitergeben.“

Brigitte Wolfmaier

Yvonne Meininger (43), freie Redakteurin, Ismaning: „Wir Helfer können auch laut! Viele Flüchtlinge leben jetzt in Angst. Und wir Helfer baden das aus. Wir kümmern uns um Stellen, und dann wird die Arbeitserlaubnis entzogen. Und die größte Lüge ist, dass der Einzelfall geprüft wird. Es geht nur nach Herkunftsland.“

Yvonne Meininger.

Antonie Grauer (65), früher Krankenschwester, Unterföhring: „Die Arbeit mit den Geflüchteten macht riesig Spaß. Aber was die CSU macht, finde ich peinlich für eine christliche Partei. Sie brüstet sich so gern mit Werten – und dann nimmtsie Restriktionen vor und holt Leute bei Abschiebungen nachts um 3 Uhr aus dem Bett.“

Antonie Grauer.

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