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Perspektivwechsel: Räumlich versetzte Module auf dem Tempelhof-Gelände in Berlin.

Wohnungsbau in München

Architektur-Initiative für Flüchtlinge: "Integration beginnt beim Wohnen"

München - „Wir machen das.“ In Anlehnung an den Spruch von Kanzlerin Merkel will eine Initiative von Architekten, Verbänden und Stiftungen Ideen aufzeigen, um Unterkünfte für Flüchtlinge zu schaffen. Die Architekturgalerie zeigt vom 10. März bis 9. April Modellentwürfe.

„Integration beginnt beim Wohnen“, sagt Reiner Nagel. Er ist Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. Am Montag bei einem Pressegespräch räumt er zwar ein, dass die Kommunen aufgrund des großen Flüchtlingszustroms gezwungen sind, rasch zu reagieren. Meist geschieht das dann in Form von Containerbauten oder anderen notdürftigen Lösungen. Nicht das Gelbe vom Ei, aber oft aus der Not geboren. „Doch parallel dazu muss dauerhafter Wohnungsbau entstehen, der unabhänig von einer Nutzergruppe vielerorts benötigt wird“, macht Nagel deutlich. Denn, so der Architekt: „Am Schlimmsten ist ein dauerhaftes Provisorium.“ Oder, wie es der Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Architekten (BDA), Karlheinz Beer, ausdrückt: „Container-Landschaften sind kurzfristig sinnvoll, aber langfristig keine Lösung.“

Holzbauweise mit Glasfassade: Studenten der Jade Hochschule Oldenburg haben sich ihre Gedanken gemacht.

Die Baukultur, so Beer weiter, stehe daher auf dem Prüfstand. Unter den Mottos „Wohnraum für alle“ und „Flucht nach vorne“ finden von 9. bis 12. März in München Projekttage statt. Die Schirmherrschaft für „Flucht nach vorne“ hat der Bayerische Innenminister Joachim Herrmann übernommen. An dem Diskurs beteiligen sollen sich alle gesellschaftlich relevanten Gruppen: Von den Planern und Grundstücksbesitzern über die Behörden bis hin zu den „normalen“ Bürgern.

Wichtig sei der städtebaulich integrative Ansatz bei den Konzepten, betont Beer. In dem Prozess dürfe nicht der Eindruck erweckt werden, dass es nur um Flüchtlingsbauten gehe, warnt der BDA-Landeschef. Das könne einen Effekt der Stigmatisierung verursachen. Beer: „Bayern hat mit seiner Willkommenskultur Herz und Tatkraft bewiesen. Nun gilt es, diese positive Energie zu erhalten und ein angemessenes Wohnungsangebot in integrierbaren Lagen zu schaffen.“ Denn planerische Fehler von heute würden zu Brennpunkten von morgen. Julia Hinderink, Kuratorin der Projektwerkstatt „Flucht nach vorne“, erklärt: „Es gibt viele Experimente, die aber von der gesamten Bevölkerung akzeptiert werden müssen.“

Murnau: Ehemaliges Krankenhaus in Wohnanlage für Asylsuchende umgewandelt

Integrative Projekte wie jenes der Münchner Sozialgenossenschaft „Bellevue di Monaco“ in drei bestehenden Häusern an der Müllerstraße gibt es. Projekte in kleinem Maßstab, die Stück für Stück weiterhelfen. Bei größeren Neubauten kommt die Stadt München aber um ein Kernproblem nicht herum: Es gibt wenig verfügbare Grundstücke – und die sind in der Regel auch noch sündteuer. In der Fläche, auf dem Land wäre es einfacher zu bauen. Aber dort fehlt meist im Gegensatz zur Großstadt München die Infrastruktur, um die Flüchtlinge zu integrieren. Ein Dilemma, auf das Beer hinweist. Mit Julia Hinderink und Reiner Nagel ist er sich einig, dass integrative Wohnbaumodelle nur im Konsens mit der Gesellschaft geschaffen werden können. „Wir werden die Gemeinden ansprechen, die das als Chance für alle begreifen“, sagt Beer.

Der Markt Murnau etwa hat ein ehemaliges Krankenhaus, das seit fünf Jahren leersteht, in eine Wohnanlage für Asylsuchende sowie einen Standort für Gewerbetreibende und Kreative umgewandelt. „Ein wunderbares Beispiel integrativen Vorgehens“, wie Nicola Borgmann, Leiterin der Architekturgalerie München, am Montag würdigt. Die ersten Flüchtlinge ziehen dort im April ein. 

Borgmann erklärt: „Wir benötigen hohe Flexibilität, was Baurecht und Brandschutz betrifft, um kurzfristiges Bauen zu ermöglichen.“ In München gebe es ja Überlegungen, auf Parkgaragen und Baumärkten Wohnkomplexe zu errichten. Dieter Koppe, Mitglied des Vorstands des Deutschen Werkbunds Bayern, deutet an, wer als Grundstückseigentümer noch in der Pflicht sein könnte: „Der Freistaat selbst hat viele leerstehende Gebäude.“

Insgesamt hat der Bund für den sozialen Wohnungsbau im Jahr 2016 zusätzlich 500 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Bestimmt nicht wenig, aber angesichts von 500 000 weiteren Flüchtlingen vermutlich ein Tropfen auf den heißen Stein.

„Wohnraum für alle“

Von 9. bis 12. März finden in München zum Thema Wohnraum und Integration von Geflüchteten Vorträge, Führungen, Workshops und Ausstellungen statt. Etwa 100 Architekturentwürfe sind zu besichtigen. Bei der Ausstellung „Wir machen das“ in der Architekturgalerie (10.3. - 9.4., Türkenstr. 30) werden ausgewählte Projekte der Initiative „Wohnraum für alle“ des Deutschen Werkbundes Bayern gezeigt. Am Donnerstag, 10., und Freitag, 11. März, halten der BDA Bayern und die Bundesstiftung Baukultur eine Tagung zur Projektwerkstatt „Flucht nach vorn“ ab. 

Wohnen der Zukunft: Ein Architekturentwurf der Leibniz Universität Hannover.

Die Veranstaltung findet im Museum Fünf Kontinente (Maximilianstraße 42) statt. Am Samstag, 12. März, geht es in der Aula der Hochschule München (Karlstr. 6) darum, Worte in Taten umzusetzen. Bei der Veranstaltung „Projektimpuls“ sollen Lösungsansätze mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft diskutiert und auf den Weg gebracht werden.

Klaus Vick

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