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Die letzte Stunde vor der Prüfung: Die Kursteilnehmer wiederholen noch einmal, was sie gelernt haben.

Verständnis statt Fakten

Zu Besuch im Integrationskurs: Deutschland in 310 Fragen

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München - Mehr als 120 000 Menschen haben dieses Jahr in Deutschland einen Integrationskurs besucht. Sie haben nicht nur Fakten gepaukt – sondern das Land, in dem sie leben wollen, verstehen gelernt. Für Asylbewerber waren diese Kurse bisher nicht zugänglich. Doch das wird sich 2016 ändern.

Yahia beantwortet jeden Tag 310 Fragen. Sie bedeuten Zukunft für ihn – deshalb hat er seit Wochen immer sein Schulbuch dabei. Er nutzt jede Gelegenheit, um die Fragen nochmal durchzugehen. So lange, bis er die Antworten im Schlaf kann. Yahia ist 23 Jahre alt und vor sechs Monaten aus Algerien nach Deutschland gekommen. Der Liebe wegen. Deutschland ist die Heimat der Frau, die er vor einem halben Jahr geheiratet hat. Und er möchte, dass es auch seine Heimat wird. Eine größere Motivation gibt es für ihn nicht, um die deutsche Sprache, Geschichte und Kultur so perfekt wie möglich zu lernen. Um den Einbürgerungstest in ein paar Tagen zu bestehen. Deshalb sitzt Yahia seit knapp 660 Unterrichtsstunden im Integrationskurs der inlingua Sprachschule in München.

Noch besuchen diese Kurse nur Migranten und bereits anerkannte Flüchtlinge. Erst seit Ende Oktober das Asylverfahrensbeschleunigungsgesetz in Kraft getreten ist, dürfen auch Asylbewerber und Geduldete mit guter Bleibeperspektive einen Antrag auf einen Integrationskurs stellen. „Viele haben das bereits getan“, sagt inlingua-Geschäftsleiterin Ute Erber. Allerdings dauert es rund zwei Monate, bis das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Anträge bearbeitet hat. Deshalb sitzt momentan noch kein Asylbewerber in einem der Integrationskurse. Allerdings bereitet sich die Münchner Sprachschule – genau wie viele andere Träger, die die Kurse anbieten – bereits darauf vor, dass die Anmeldungen im kommenden Jahr rasant steigen werden. Sieben neue Dozenten werden eingestellt, berichtet Erber. Der Bund hat die Mittel dafür mehr als verdoppelt, 559 Millionen Euro sind 2016 für die Kurse eingeplant.

Die 15 Schüler, die am Tag vor der Abschlussprüfung in Birgit Pfeilers Kurs sitzen, sprechen bereits perfekt Deutsch. Sie hatten 600 Stunden Sprachunterricht, bevor der 60-stündige Orientierungskurs begonnen hat. „Anders können sie die Prüfung kaum schaffen, das Vokabular ist sehr anspruchsvoll“, sagt Pfeiler. Sie erklärt Einwanderern seit vier Jahren, wie das politische System in Deutschland funktioniert, spricht über die deutsche Geschichte und erklärt Sitten, Verhaltensregeln und Gebräuche. Gerade geht es um das Osterfest. Ihre Schüler müssen zwischen vier Antwortmöglichkeiten entscheiden, welcher Brauch zu Ostern gehört. Und für viele von ihnen klingt es gleichermaßen seltsam, Tannen zu schmücken, Raketen in die Luft zu schießen oder Eier zu bemalen. „Eier sind ein Symbol für neues Leben und für Fruchtbarkeit“, erklärt Birgit Pfeiler. Einige ihrer Schüler machen sich eine kleine Notiz in ihr Buch.

Jede kleine Anekdote macht es leichter, sich die 310 richtigen Antworten zu merken. Deshalb haben sie im Kurs gemeinsam die Bayern-Hymne angehört, Filme gesehen, die Deutschlands Geschichte erklären, und viele Quizrunden gespielt. In Birgit Pfeilers Unterricht geht es um mehr als auswendig gelernte Jahreszahlen und Politikernamen. Es geht darum, Deutschland zu verstehen. Seinen Platz in diesem Land zu finden. In der Abschlussprüfung werden den Kursteilnehmern dann 33 der 310 Fragen aus ihrem Buch gestellt – mindestens 17 müssen sie richtig beantworten, um den Einbürgerungstest zu bestehen. „Das“, sagt Pfeiler, „schaffen so gut wie alle nach dem Kurs.“

Viele ihrer Teilnehmer haben schon jetzt ihr nächstes Ziel im Blick. Nessar zum Beispiel. Der 23-Jährige ist aus Afghanistan geflüchtet. Sein Asylverfahren ist bereits abgeschlossen, er hat eine Wohnung und spricht sehr gut Deutsch – neben fünf anderen Sprachen. In seiner Heimat war er Dolmetscher. „Vielleicht kann ich in Deutschland irgendwann wieder in meinem Beruf arbeiten“, sagt er. Deshalb will er nach dem Integrationskurs noch einen Sprach-Aufbaukurs machen.

Yahia hat sich etwas anderes vorgenommen. Der 23-Jährige hat einen Lieblingsort in Bayern gefunden: Altötting – den Wohnort seiner Schwiegermutter. Ihren bairischen Dialekt versteht er inzwischen gut – nun will er ihn selbst lernen. „Bairisch“, findet er, „ist die süßeste Sprache der Welt.“

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