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Sammeln Spenden für Flüchtlinge: (v.li.) Shariff Osman, Valentin Wiedling, Przem Ratynski.  

"Das ist einfach Menschlichkeit, zu helfen"

Junge Münchner gründen Spendenseite für Flüchtlinge

München - Die Bilder helfender Menschen am Hauptbahnhof sind von den Bildschirmen verschwunden. Jetzt ist langfristige Hilfe nötig. Drei junge Münchner haben dafür eine Homepage ins Leben gerufen. Einer von ihnen ist selbst Flüchtling.

Im September kamen zehntausende Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof an, und immer standen dort hunderte Menschen, um sie zu begrüßen: mit Essen, mit Kuscheltieren, mit einem Lächeln. Menschen, die alles verloren hatten, trafen auf Menschen, die am Ende ihrer Helfer-Schicht in ihr gewohntes Zuhause gehen konnten – mit eigenem Bett, Fernseher, Dusche. Eine Begegnung zweier Welten, für die meisten die erste dieser Art.

Für Shariff Osman nicht. Der 22-Jährige war einer von denen, die zum Helfen gekommen waren. Er kennt das alles: die Blicke der Flüchtlinge, auf der Suche nach Essbarem und Antworten. Die helfenden Hände der Menschen, die Müsliriegel und Wasser reichen. Die den Ankommenden beteuern, dass sie in Sicherheit sind. Er weiß, dass sie das hören wollen.

Mit wenigen Klicks spenden

Vor bald vier Jahren war Shariff Osman in der gleichen Situation. Als er am Frankfurter Flughafen ausstieg, das erste Mal deutschen Boden betrat. Und plötzlich Flüchtling war. Heute sitzt er in einem Café in der Münchner Innenstadt nicht weit von seiner Wohnung. Er erzählt, wie das ist, in einer fremden Welt anzukommen, plötzlich ein Teil von ihr zu sein. Er erzählt, wieso er als Geflüchteter ein anderer Helfer ist als die anderen – und warum das gleichzeitig keine Rolle spielt. Und er sagt, dass er noch mehr helfen will, langfristiger.

Sein neuestes Projekt ist eine Internetseite, über die jeder mit wenigen Klicks für Flüchtlinge spenden kann – und sieht, was genau mit dem Geld passiert. Der Name: www.fluechtlingsspende.de. Er hat sie gemeinsam mit zwei Freunden aufgezogen. „Das ist einfach Menschlichkeit, zu helfen“, sagt Shariff Osman. Er spricht leise, aber grammatikalisch korrekt. Dass er vor ein paar Jahren noch kein Wort Deutsch sprach, hört man nicht, wenn er sagt: „Das ist einfach: Mensch zu sein.“

"Ich bin immer noch Flüchtling" - auch nach fast vier Jahren

Osman ist in Somalia aufgewachsen. Dort hat er ein gutes Leben gehabt, sein Abitur gemacht, weil er studieren wollte. Aber seit Anfang der 1990er Jahre tobt ein Bürgerkrieg. Gruppen wie die radikal-islamische Al-Shabaab-Miliz terrorisieren das Land. Für Shariff Osman gab es dort keine Zukunft, also ging er.

In München lebt Osman seit fast drei Jahren. Er arbeitet als freiberuflicher Dolmetscher, zum Beispiel für die Polizei und die Stadt. Er betreut minderjährige Flüchtlinge. Er macht das deutsche Abitur nach, per Fernschulung, und belegt an einer Online-Universität für Flüchtlinge Kurse in „Business-Administration“. Nach dem Abi will er Elektrotechnik studieren. Und trotzdem: „Die Leute auf der Straße denken ja, dass ich erst gestern oder vorgestern gekommen bin.“ Osman sagt es noch einmal, damit es klar wird: „Ich bin immer noch Flüchtling.“

Als er im Februar 2012 aus dem Flugzeug stieg, hatte er nur eine Umhängetasche dabei. Der Inhalt: Hose, Hemd, T-Shirt, Zahnbürste, Handtuch. Damit betrat er das Land, in dem er niemanden kannte. Er hatte Angst, natürlich. Weil alles fremd war, er die Sprache nicht kannte, er nicht wusste, wie die Menschen sind. Er sagt, nach zwei, drei Wochen war es gut.

"Die meiste, die kommen, kommen mit nichts"

Das sagt Osman auch den Flüchtlingen, die er jetzt betreut. Die ihn fragen, wie es ist in Deutschland, und was jetzt passieren wird mit ihnen. Er sagt, dass sie in Sicherheit seien, dass es gut ist. Und vor allem: dass sie hier eine Ausbildung machen sollen. „Das ist das Wichtigste. Die meisten, die kommen, kommen mit nichts.“ Auch Valentin Wiedling war am Hauptbahnhof. Auch er hatte die Bilder im Fernsehen gesehen, auch er wollte helfen. Der 23-Jährige kommt aus München, studiert per Fernstudium Business Management in Boston. Er lief umher und fragte, doch keiner wusste, wo Leute fehlen, wo Wasser fehlt, wo Bananen fehlen. Also ging er nach Hause, setzte sich an den Laptop, wollte Geld spenden für Flüchtlinge, wenigstens auf diese Art etwas tun. Aber er hatte keine Ahnung, wer der beste Empfänger ist. Und was mit seinem Geld letztendlich passiert. Es ärgerte ihn. So entstand die Idee für die Seite www.fluechtlingsspende.de. „Ich dachte: „Warum nicht einfach machen“, sagt Wiedling, der im Café neben Osman sitzt. Sie erinnern sich: Wie beide unabhängig voneinander das Gefühl hatten, etwas tun zu wollen, das langfristiger hilft.

Über ihren gemeinsamen Freund Przem Ratynski kam der Kontakt zustande, schon waren sie zu dritt. Ratynski ist 24 Jahre alt und Personalvermittler in einem IT-Unternehmen. Keine Woche später war die Seite online. Wiedling hat die Seite gebaut, Ratynski kümmert sich um die Verbreitung in den sozialen Medien. Und Osman sagt an, was mit dem Geld passieren soll. Es sind banale, aber wichtige Dinge, wie Unterwäsche.

Kooperation mit "Mensch zu Mensch" und "Refugio"

Gut 1000 Euro haben sie bisher eingenommen, das meiste über Freunde und Bekannte. Auf der Seite ist dokumentiert, wann wie viel Geld bei ihnen eingegangen ist. Und was damit gekauft wird. Weil die drei selbst keine Spenden annehmen dürfen, kooperieren sie mit den Vereinen „Mensch zu Mensch“ und „Refugio“, um bürokratische Hürden zu vermeiden: Das Geld überweisen sie zwar direkt weiter an die Vereine. Aber die drei jungen Männer beteuern, dass sie bestimmen, was mit dem Geld passieren soll.

Die Spenden werden per PayPal überwiesen, die Idee: zwei Klicks für eine Spende, wie beim Online-Shopping. Abgesehen von den PayPal-Gebühren geht die Spende zu einhundert Prozent an die Flüchtlinge: kein Verwaltungsaufwand, keine Werbekosten. „Das ist unsere Spende an die Flüchtlinge“, erklärt Wiedling.

Dass es schon andere Möglichkeiten gibt, für Flüchtlinge zu spenden, sieht der 23-Jährige. Nur könne beispielsweise die Diakonie nicht so detailliert aufzeigen, wo auch die kleinste Spende landet. So oder so, ihm gehe es um eines: Dass Menschen, die spenden wollen, auch wissen, wie und wo – ohne großen Mehraufwand. „Es muss etwas passieren“, sagt er. „Wir können dem Thema nicht mehr ausweichen.“

Wenn Osman Shariff da im Café sitzt, dolmetscht, etwas für die Seite macht oder am Bahnhof steht: Dann denkt er daran, dass er selbst einmal völlig neu hier war. Das könne er nicht vergessen, sagt er. Dass er helfen wolle, habe damit aber nichts zu tun: „ Ich mache nicht nur Hilfe für Flüchtlinge, sondern für jeden, der Hilfe braucht.“ Das sei doch nichts Besonderes.

Bilder: Tausende Flüchtlinge erreichen München

Valerie Schönian

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