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„Jetzt gilt es, die Helfer zu langfristigem Engagement zu bringen“: Marina Lessig, 26 Jahre alt, koordiniert die Ehrenamtlichen.

Landeshauptstadt kein Drehkreuz mehr

Münchner Helfer: „Bringt Flüchtlinge wieder nach München“

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München - Im September halfen sie 70.000 Flüchtlingen: die ehrenamtlichen Helfer vom Hauptbahnhof. Nun kommen kaum noch Asylsuchende an. Doch die voll ausgestatteten Notunterkünfte stehen weiter bereit – und die Helfer auch. Marina Lessig, Koordinatorin der Helfer, im Interview.

Die Stadt könnte sofort wieder tausende Flüchtlinge aufnehmen – die aber ausbleiben, während an der Grenze die Lage eskaliert. Marina Lessing erklärt, warum sie nicht versteht dass die Stadt kein Drehkreuz mehr ist.

Frau Lessig, wie funktioniert die Hilfe gerade?

Es ist fast schwieriger als vorher. Auf unserer Liste sind etwa 5000 Helfer registriert. Aber es ist nichts los, letzte Woche kamen nur 900 Flüchtlinge. Dann denken die Leute, sie werden nicht gebraucht. Man muss viel telefonieren, dass sich welche finden, die die wenigen Flüchtlinge versorgen.

Wie ist die Lage in den Notunterkünften?

In der Unterkunft Denis-/Karlstraße leben Flüchtlinge seit drei Wochen, weil zwischenzeitlich beschlossen wurde, die Unterkunft zur Erstaufnahme-Zweigstelle umzuwandeln. Darauf waren wir nicht vorbereitet, das ist ein völlig anderes Arbeiten. Das heißt, dass dort fast 400 Flüchtlinge noch nicht registriert sind. Die Regierung hatte ihre Registrierung übersehen. Erst auf unsere Initiative wird das nun durch die Bayernkaserne nachgeholt.

Wie finden Sie es, dass München offenbar kein Drehkreuz mehr wird?

Ich verstehe, dass es sinnvoll ist, Menschen direkt von der Grenze weiterzuleiten – aber nur, wenn die Unterbringung an der Grenze gut funktioniert! Ich verstehe nicht, dass die Grenze zu bleibt. Das war doch nur das Argument während des Oktoberfests. Und beim Thema Grenzzäune müssten bei jedem guten Europäer die Alarmglocken schrillen. Die Kontrollen führen doch erst dazu, dass die Österreicher die Flüchtlinge zur Grenze karren.

Wären die Münchner Helfer auch bereit, an die Grenze zu fahren?

Natürlich. Aber das würde nichts helfen. Warum sollen wir dort Decken auf der Straße verteilen? Dort herrscht kein Mangel an Helfern, sondern an Unterkünften. Würde die Grenze wieder geöffnet, könnten die Österreicher die Menschen einfach in Züge setzen.

Meinen Sie, die Staatsregierung lässt München außen vor, weil der Oberbürgermeister laut klagte: Wir schaffen es nicht?

Aber dieser Appell war ja nicht generell gemeint, sondern an die anderen Bundesländer gerichtet! Es ging nicht um Aufnahme, sondern um Verteilung. Ich kann verstehen, dass Seehofer sauer ist, wenn die anderen Bundesländer und die EU Bayern so hängenlassen. Aber ich verstehe nicht, dass man in der Grenzregion diesen Druck aufbaut, statt die Verteilung nach dem Königsteiner Schlüssel zu forcieren – so dass alle Länder die Flüchtlinge aufnehmen, die ihnen zustehen.

Wenn Sie keinen guten Grund dafür sehen, dass München kein Drehkreuz mehr ist: Was vermuten Sie?

Ich glaube, das ist politisch gewollt, um über die Medien den Eindruck zu erwecken: Wir schaffen es nicht. Das ist ein Machtkampf zwischen Seehofer und Merkel. Die Flüchtlinge wären doch leichter über München zu verteilen: Hier fahren genug Regelzüge, es gibt Schlafplätze. Ich glaube, es ist ein gefährliches Pokerspiel, die Situation an der Grenze kollabieren zu lassen.

Stehen Sie in Verbindung mit Grenzstädten?

Wir haben engen Kontakt zu den Helferkreisen, etwa in Passau und Freilassing. Sie berichten uns, dass die Menschen dort im Bahnhof schlafen – das gab es in München nicht. Wir haben nun ein Handbuch zur Flüchtlingshilfe erstellt, das haben Helfer in Dachau und Freilassing schon angefragt.

Fühlen sich die Helfer in München demotiviert?

Unsere Aufgabe ist jetzt, die Leute zu langfristigem Engagement zu bringen. Wir stellen uns gerade neu auf. Wo können wir Leute einsetzen, die nur punktuell Zeit haben? Sie können keine individuelle Betreuung in Gemeinschaftsunterkünften leisten – aber etwa für die Diakonia Sachspenden sortieren oder Fahrdienste machen. Längerfristig sind bei der Integrationsarbeit alle gefordert. Diese Woche treffen wir uns mit Sozialreferat und Wohlfahrtsverbänden, um diese Fragen zu besprechen.

Andere Gruppen starten radikalere Aktionen...

Für die spreche ich nicht, aber es gibt sie. Etwa die ZOB-Angels, die Flüchtlingen am Busbahnhof helfen mit der Einstellung: Jeder soll fahren, wohin er möchte. Zivilen Ungehorsam gibt es auch anderswo. In Rostock bringt man Flüchtlinge zur dänischen Grenze, in Kopenhagen wird Flüchtlingen nach Schweden geholfen.

Worauf stellen sich die Helfer in München ein?

Vor Mitte November passiert hier wohl nichts mehr, und dann ist die Frage, wie der Winter wird. Gute Information gab es nie, das geht der Regierung von Oberbayern genauso. Oft wurden wir überrumpelt von politischen Entscheidungen. Und wir sind immer überrascht, wie unflexibel die Strukturen sind. Warum können wir bald zum Mars fliegen – aber an der Grenze nicht schnell eine Traglufthalle aufstellen oder genug Einweg-Handschuhe liefern?

Den Humor haben Sie nicht verloren, oder?

Nein. Sonst müssten wir ständig weinen.

Und Wut im Bauch?

Die hat wohl jeder. Aber das bringt nichts. Wichtig ist es, aktiv zu werden.

Interview: Christine Ulrich

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