+
Längst bringen Lieferdienste nicht nur mehr Pizza zu ihren Kunden an die Haustür. Es gibt sogar Gourmet-Menüs.

Wenn der Pizzabote ständig klingelt

Foodora und Deliveroo: Lieferdienste in München boomen

München – Sind Sie auch im Modus der Gemütlichkeit? Zu träge zum Kochen, trotz guter Vorsätze? Damit sind Sie nicht allein: Der Liefer-Boom macht auch vor Lebensmitteln nicht Halt. Mittlerweile kann man sich selbst ein Gourmet-Gericht an die Haustür liefern lassen. Über eine neue Art von Lieferdienst.

Philipp Heisler, 20, muss meistens dann raus, wenn keiner vor die Tür will. Wenn es regnet, schneit und eisiger Wind durch die Straßen zieht, rufen sie nach ihm. Dann zieht Heisler die pinke Jacke an, springt auf sein Radl und beeilt sich. Spätestens nach 30 Minuten sollte er bei ihnen vor der Tür stehen, aus der sie so ungern heraustreten wollen. Dann drückt er ihnen ihr Essen in die Hand, schaut auf sein Smartphone, ob neue hungrige Menschen nach ihm verlangen – und radelt wieder in die Kälte.

Heisler arbeitet für den Lieferdienst Foodora. Das viele Pink, das zurzeit in Münchens Innenstadt zu sehen ist, ist kein neuer Modetrend. Es ist das Markenzeichen des Unternehmens. Pinke Jacke, pinke Transport-Boxen, manchmal ein pinkes Fahrrad, das einige Fahrer sogar in die U-Bahn mitnehmen: 270 Fahrer von Foodora bewegen sich derzeit durch die Stadt. Sie verkörpern den Trend zur Online-Bestellung, zum Sich-beliefern-Lassen. Denn eigentlich könnte man heutzutage ewig zuhause bleiben. Winterschlaf in der kalten Jahreszeit. Man kann sein Leben leben, ohne einen Schritt vor die Tür zu machen – und sich mit Lieferessen eine Fettschicht anfuttern, auf die jeder Igel neidisch wäre.

Die Deutschen bestellen wie die Weltmeister

Egal ob Pizza, Joghurt oder Einbauküche: Heutzutage gibt es fast nichts, was man nicht in ein Paket packen und sich von einem Boten bis ins Wohnzimmer liefern lassen kann. Nach den Zahlen des Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland (BEVH) wuchs der Online-Handel in den vergangenen acht Jahren um 330 Prozent. Und die Bestelllust der Deutschen scheint noch lange nicht befriedigt zu sein: Die Wachstumsraten sind zweistellig. Jahr für Jahr.

Auch die Lebensmittelbranche folgt dem Bestell-Trend. Wo früher fast ausschließlich labbrige Liefer-Pizzen im Angebot waren, gibt es heute einen riesigen Markt mit gigantischer Auswahl. Man kann sich nicht nur seinen kompletten Einkauf vom Supermarkt liefern lassen – man kann sogar wie in einem Restaurant essen, ohne eines zu betreten.

Neue Anbieter wie Foodora oder Deliveroo fahren für Restaurants Gerichte aus, die auf der ganz normalen Speisekarte stehen. Die Branche boomt.

Vor ungefähr zwei Jahren begann in Deutschland das Geschäft mit dem Restaurant-Lieferdienst. Das Konzept: Dienste wie Foodora oder Deliveroo übernehmen für Restaurants die Logistik der Lieferung, stellen eine eigene Fahrerflotte und kümmern sich um die Bestellungen. Foodora wurde Ende 2014 in München unter dem Namen Volo gegründet. Damals fuhren die Chefs das Essen noch selbst aus. Das Unternehmen wuchs schnell. Konkurrent Deliveroo aus England folgte kurze Zeit später auf den deutschen Markt. Beide Unternehmen sind mittlerweile in weitere Länder expandiert, hauptsächlich in Großstädte wie München.
  
Philipp Heisler ist seit Ende August für Foodora unterwegs. Wenn ein Kunde sein Essen über die Webseite bestellt, berechnet ein Algorithmus die optimale Strecke vom Restaurant zum Kunden. Ist Heisler in der Nähe, bekommt er eine Nachricht auf sein Smartphone und kann den Auftrag annehmen. Über Google Maps sieht er dann den Zielort. Heisler kennt die Innenstadt mittlerweile so gut, dass er das Navi nicht braucht. Routiniert schlängelt er sich durch den Fußgängerverkehr, an wartenden Autos vorbei und überholt jeden noch so kräftig strampelnden Radfahrer vor ihm. „Ich fahre einfach unheimlich gerne Rad“, so begründet er seine Berufswahl.

Heisler hat im Sommer Abitur gemacht und spart für eine Reise nach Hawaii. Viele der Fahrer sind Studenten oder Abiturienten, für die der Job ein Nebenverdienst oder eine Übergangslösung ist. Bei Foodora sind alle Fahrer fest angestellt und arbeiten im Schichtdienst. Stundenlohn: zehn Euro plus Trinkgeld.

Damit das Essen warm bleibt, haben die Lieferdienste in Nordeuropa getestet

Nach wenigen Minuten ist Heisler am Restaurant angekommen. „X5D10“, ruft er der Bedienung an der Theke zu, die über die Codesprache nicht verwundert ist, sondern ihm eine Tüte mit Essen und einen Pizzakarton in die Hand drückt, die er gleich in seiner Transportbox verstaut. Die Boxen müssen das Essen nicht nur schützen, sondern auch warm halten, besonders in der kalten Jahreszeit. Das Unternehmen hat dafür extra Boxen in Nordeuropa getestet. Wer skandinavische Kälte abhalten kann, sollte auch mit dem Münchner Winter fertig werden.

In der Regel liefern die Restaurants nur in ein Gebiet von etwa ein bis zwei Kilometern um ihren Standort. Sie wollen sicherstellen, dass das Essen warm ankommt. Die Strecken, die Heisler in einer Schicht zurücklegt, sind deswegen auch nie sehr weit. Einmal hatte er sogar mal einen Kunden, der bei einem Restaurant bestellt hatte, das gerade mal 100 Meter von seiner Haustür entfernt lag. Führt der Liefertrend dazu, dass Menschen sich lieber daheim einigeln, anstatt gemeinsam Essen zu gehen? Christopher Lück, Sprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands, gibt Entwarnung: „Die Zahlen in unserer Branche sind so stark, dass wir uns keine Sorgen machen müssen.“ 2015 verzeichneten die Gaststätten sogar zum siebten Mal in Folge ein Wachstum, sagt er. Lück rät allen Betreibern, genau zu überprüfen, ob das Liefergeschäft in ihr Konzept passt – denn die Deutschen seien sehr preissensibel und die Margen daher eng. Das kann tatsächlich für einige Restaurants zum Problem werden, denn bei einer Lieferung per Bote zahlen sie erst einmal drauf.

Die Restaurants müssen für den Service bezahlen, sind aber zufrieden

Laura Diel und Rosario Carpenzano, Geschäftsführer des Mezza Via in der Sternstraße in München, sagen, pro Bestellung gehen etwa 30 Prozent des Umsatzes an Foodora. Um diesen Verlust wieder reinzuholen, müssten sie ihre Gerichte online eigentlich teurer anbieten als im Restaurant. Weil das beim Kunden aber negativ ankommen könnte, verzichten sie auf die Erhöhung. Zufrieden sind sie mit dem Service trotzdem: „Wir sehen das vor allem als eine gute Werbemaßnahme.“ Sie liefern geschmorte Rinderbäckchen mit Artischocken und Polenta (22,50 Euro) genauso wie Spaghetti Bolognese (10,90 Euro). Hinzu kommt bei Foodora eine Liefergebühr von 2,90 Euro.

Auch Melissa Lamy, Geschäftsführerin des Georgenhof in der Friedrichstraße, sieht die Lieferdienste vor allem als Möglichkeit, mehr Kunden zu gewinnen: „Wir bleiben erst mal dabei.“ Zu bestellen gibt’s zum Beispiel Brotzeitbrettl (15,50 Euro), Zwiebelrostbraten von der bayerischen Färsenlende (25,50 Euro) oder karamellisierten Kaiserschmarrn (10,50 Euro). Die Restaurants setzen darauf, dass die Besteller Lust bekommen, mal wieder auszugehen.

Für die Lieferdienste jedenfalls ist die ungemütliche Jahreszeit Hochsaison: Im Winter sei besonders viel los, sagt Teamleiter Johannes Oppermann von Foodora. Da werden extra mehr Fahrer eingestellt. Im Nebenzimmer findet gerade ein Einstellungsgespräch statt. „Onboarding“ nennen sie das hier und es klingt mehr nach Flughafen als nach Fahrradkurier. Dabei werden bei Foodora täglich mehr hungrige Menschen abgefertigt als Flugzeuge am Münchner Flughafen. Die täglichen Bestellungen bewegen sich im vierstelligen Bereich, sagt Oppermann. Klar, dass bei solchen Zahlen um die Kundschaft gekämpft wird.

Auch McDonald‘s testet eine Zusammenarbeit

Die Hauptkonkurrenten Foodora und Deliveroo werben mit schnellen Lieferzeiten und einer großen Auswahl, wobei manche Restaurants auch bei beiden Diensten zu finden sind. Inzwischen testet auch McDonald’s eine Zusammenarbeit. Und um die Reichweite zu erhöhen, denkt Deliveroo sogar über eine Art mobile Küche nach.

Dieser Markt der neuen Essens-Lieferdienste befindet sich in Deutschland noch am Anfang seines Wachstums, sagt Jochen Pinsker vom Marktforschungsunternehmen NPD Group. Er rechnet damit, dass sich der Markt in Zukunft stark verdichten wird und nur einige wenige Anbieter übrig bleiben. Derzeit machen Foodora, Deliveroo und Co. nur einen geringen Prozentsatz des Lieferdienst-Markts aus. Dass das nicht so bleiben muss, zeigt das Beispiel Toronto, Kanada: Dort liege der Marktanteil solcher Dienste mittlerweile bei zehn Prozent. In Deutschland bewege man sich noch unter einem Prozent. Gut möglich also, dass in Zukunft noch sehr viel mehr bunt gekleidete Fahrradboten durch Deutschlands Städte flitzen werden.

Von Eva Casper

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Picknick statt Provokation
München - Keine Provokationen mehr. Das versprechen die neuen Chefs des Restaurants an der Augustenstraße 42, das in München 16 Jahre lang als „Schmock“ bekannt war.
Picknick statt Provokation
Setzte dieser Taxler einen Behinderten aus?
München - Schlimme Vorwürfe gegen Taxler Ethem B.: Der 68-Jährige soll an einem Abend im April 2016 den geistig behinderten Georg S. (39) an der Rosenheimer Straße …
Setzte dieser Taxler einen Behinderten aus?
Dackeldrama! Sissi aus dem Teich gerettet
München - Ein Alptraum für jeden Hundebesitzer: Bei einem Spaziergang im Englischen Garten saust Rauhaardackel Sissi aufs Eis, um Enten zu jagen – und kracht ins …
Dackeldrama! Sissi aus dem Teich gerettet
Park-Zonen lassen auf sich warten
München - In München gibt es bislang 62 Parklizenzgebiete. Seit Jahren prüft die Stadt, wo sie neue Zonen mit Parkraum-Management ausweisen kann – doch noch immer ist …
Park-Zonen lassen auf sich warten

Kommentare