Das „Fräulein Grüneis“ bittet zu Tisch

München - Vom Schandfleck zum Schmuckstück: Ein Münchner Ehepaar hat ein marodes ehemaliges Toilettenhäuschen im Englischen Garten zum Kiosk umgebaut. Das „Fräulein Grüneis“ soll zum neuen Treffpunkt am Eisbach werden.

Der erste potenzielle Stammkunde ist gerade mal drei Jahre alt. „Der Elias hat den ganzen Tag von ,Fräulein Grüneis‘ gesprochen“, erzählt seine Mutter Angelika Bock. Sie hat es sich auf einer Holzbank bequem gemacht, während Elias fröhlich durch den Raum hüpft. Tag zwei im neuen Kiosk an der Lerchenfeldstraße, zum zweiten Mal ist die kleine Familie schon da.

Drei Monate lang haben Sandra und Henning Dürr das historische Toilettenhäusl aus dem Jahr 1904 renoviert. Es war wiederholt demoliert und daraufhin 1990 geschlossen worden. Außerdem diente es als Treffpunkt von Homosexuellen und war vielen als „Schwulenhäusl“ bekannt.

Statt des „toten Punkts“, über den sich Parkchef Thomas Köster jahrelang geärgert hat, steht nun ein neues Schmuckstück am Eisbach. Der steckt sogar im Namen: „Eis“ steht für den Eisbach, das „grün“ verweist auf den Garten und das „Fräulein“ „klang schöner“, erklärt Sandra Dürr. Es gibt Kaffee, Kuchen, Brotzeit und unter der Woche wechselnde Mittagsgerichte wie die „Pasta des Tages“. Auf der Theke stehen Brownies neben Körben voll Brezn und Croissants. Im Hintergrund läuft Musik - von Klassik bis zur Rockballade.

Anwohner, Berufstätige und Schüler im Lehel will Sandra Dürr als Gäste des „Fräulein Grüneis“ gewinnen. Die freuen sich darüber: „Im nördlichen Lehel ist eben nicht viel geboten“, sagt Angelika Bock. „Und mit den Kindern ist man ja oft im Englischen Garten.“

Zwei Joggerinnen schauen neugierig herein. „Es ist super, weil drüben der Spielplatz ist“, finden sie. Probieren wollen sie Dürrs selbstgemachte Kuchen noch nicht: „Wir müssen erstmal laufen.“ Immer wieder bleiben Passanten stehen, spähen durch die Kiosk-Tür zur großen Speisenkarte an der Wand. Sandra Dürr begegnet der Schwellenangst mit Herzlichkeit. „Kommts rein“, ruft sie fröhlich - und hat wieder ein paar Kunden mehr.

Bei ihren Speisen setzen die Dürrs auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Etwa 70 Prozent der Produkte sind „bio“. Den Rest wollen die beiden bei regionalen Bauern einkaufen. Plastikverpackungen sind - außer bei Strohhalmen - tabu im „Fräulein Grüneis“: Das meiste wird in Hartpapier verpackt, Joghurt gibt es in Gläsern, die Becher der „Smoothies“ sind aus Maisstärke.

Irgendwie „bio“ sieht es drinnen aus: Theke und Boden sind aus Holz, auf der Fensterbank steht ein bunter Blumenstrauß, die Farbtöne sind erdig. Essen und trinken kann man draußen, aber auch im kleinen Innenraum. Neben der Eckbank will Sandra Dürr demnächst einen Stehtisch aufstellen. „Das ist so süß gemacht, wirklich mit viel Geschmack“, sagt eine Frau. Dann dreht sie sich um und geht geradewegs auf die Wirtin zu. „Gratulation“, sagt sie. „Ich finde das super, dass Sie das hergerichtet haben.“

Viel von der Einrichtung haben die Dürrs selbst gestaltet. Henning Dürr ist Schreiner, seine Frau bescheinigt ihm einen „zielsicheren“ Geschmack. „Er hat hier jeden Tag zwölf, 14 Stunden gearbeitet“, berichtet sie.

Eine abgetrennte Küche gibt es nicht - die Kunden können zuschauen beim Kochen und Backen. Dabei experimentiert die Wirtin auch gern: „Dann kommt halt in den Käsekuchen auf einmal Rhabarber rein“, sagt sie.

Trotzdem kann man auch ganz konventionell Brotzeit machen im „Fräulein Grüneis“: Der kleine Elias ist begeistert von den Pausenbroten, die vor allem junge Gäste ansprechen dürften. Es gibt sie mit Schinken, Käse und Thunfisch-Kapern-Creme.

Die Preise sollen niedriger bleiben, als es Begriffe wie „bio“ und „eigene Zubereitung“ vermuten lassen. „Wir finden, München ist schon teuer genug“, sagt Sandra Dürr. Zwischen 2,20 und 2,40 Euro kostet ein Pausenbrot, die „Pasta des Tages“ 5,90 Euro - ein Experiment: Sandra Dürr hat knapp kalkuliert und hofft, dass es sich durch viele Stammkunden rechnen wird.

Schon am zweiten Tag sieht es so aus, als könnte die Rechnung aufgehen. Nach einiger Zeit sind die erschöpften Joggerinnen wieder da. Elias ist mittlerweile dazu übergegangen, kreuz und quer über den Boden zu krabbeln. Oft wird seine Mutter nicht um einen Besuch bei „Fräulein Grüneis“ herumkommen.

Jessica Deringer

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Münchens schönste Stufen zum Ausruhen und Umherschauen
München - München-Touristen googeln Adressen der schönsten Parks und Plätze. Dabei lässt sich unsere Stadt herrlich stufenweise erkunden. Das sind die am besten …
Münchens schönste Stufen zum Ausruhen und Umherschauen
Münchner Plätze: Jetzt kommen die Sommerblumen
Der Einzug der Sommerblumen in die Stadt ist, auch wenn es das Wetter lange nicht vermuten ließ, nicht mehr aufzuhalten. Die Gartenbauer des Baureferats sind bestens …
Münchner Plätze: Jetzt kommen die Sommerblumen
Wetten, dass Sie diese Münchner Fahrpläne noch nicht kennen?
München - Das Verkehrsnetz der MVG kennt fast jeder. Andere spannende Fahrpläne, die Sie zu besonderen Orten in München bringen, haben Sie aber bestimmt noch nie gesehen …
Wetten, dass Sie diese Münchner Fahrpläne noch nicht kennen?
Betrug mit Edel-Jacken: 22-Jährige verurteilt
Sie hatte teure Jacken im Internet zum Verkauf angeboten, aber eigentlich nie welche besessen. Als ihre Opfer nachhakten wurden sie beschimpft. Das Gericht attestierte …
Betrug mit Edel-Jacken: 22-Jährige verurteilt

Kommentare