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Susanne Klatten

Frau BMW und der Seelenfänger

München - Er betörte reiche Frauen, um an ihre Millionen zu gelangen. Nun muss sich der Schweizer Gigolo Helg Sgarbi, 44, vor Gericht verantworten. Sein jüngstes Opfer ist keine Unbekannte: Susanne Klatten, 46, alias „Frau BMW" - die reichste Frau Deutschlands.

Als Susanne Klatten den Brief liest, weiß sie, dass nichts mehr so sein wird wie früher. Er ist am Computer getippt, von Helg Sgarbi, dem Mann, den sie gerade verlassen hat – nach einer delikaten Affäre. Klatten ist Milliardärin, die reichste Frau Deutschlands. Zudem ist sie verheiratet und Mutter dreier Kinder. Aber wochenlang hatte sie den jungen Schweizer Sgarbi getroffen, heimlich in Hotels. Er wolle ihre Liebe, hatte er beteuert. Jetzt will er ihr Geld. Wie viel, das steht im Brief: 49 Millionen Euro.

Mit diesen Zeilen wird zur Gewissheit, was BMW-Erbin Klatten schon geahnt hat. In den letzten Tagen der Affäre hatte ihr Liebhaber verdächtig oft nach Geld gefragt. Jetzt ist klar: Er wollte von Anfang an nichts anderes. Das zeigen ihr jetzt seine Worte. Harte Worte. „Während Dein Risiko sehr hoch ist“, schreibt er, „erweisen sich meine Risiken als irrelevant – ich habe im Gegensatz zu Dir nichts zu verlieren.“ Aber Klatten geht in die Offensive: Sie zögert nur kurz, dann zeigt sie Helg Sgarbi an. Ab Montag wird dem Gigolo der Prozess gemacht.

150 Journalisten haben sich angekündigt, aber es ist nicht die prominente Susanne Klatten alleine, die sie ins Strafjustizzentrum an der Nymphenburger Straße lockt. Längst fasziniert sie auch Helg Sgarbi. Ein Ganove, der reichen Frauen Millionen abgeschwatzt hat. Ein Krimineller, der die Frauen mit heimlich gedrehten Sex-Videos erpresste.

Alles zusammen vier Fälle des besonders schweren Betrugs wirft die Staatsanwaltschaft Helg Sgarbi vor, neben zwei Erpressungsversuchen im besonders schweren Fall. Dahinter stehen: Vier Frauen, die auf ihn hereingefallen sind. Die ihm ihre Millionen in Plastiktüten und Umzugskartons übergeben haben. In Hotelzimmern, in der Tiefgarage, vor aller Augen am Isartor. Er hatte ihnen Geschichten erzählt, die sie sonst niemandem abnehmen würden. Wie jene Mär von seinem Unfall in Miami. Er habe ein Mädchen angefahren, log er, die Tochter eines Mafiabosses, und die sei nun querschnittsgelähmt. Jetzt brauche er Geld, um sich von einem Prozess in den USA freizukaufen. Auch Klatten kauft ihm das ab. Sie gibt ihm sieben Millionen Euro. Denn da ist sie noch verzaubert von Helg Sgarbi: Von „Zwillingsseelen“ schwärmt sie in einem Brief.

Wie hat Sgarbi es angestellt, die Frauen derart zu betören? Wie wickelt er sie ein, dieses Schwiegersöhnchen, der gar nicht aussieht wie ein Gigolo? Sgarbi, Anfang 40, ist schlank, athletisch, sehr gepflegt. Er misst 1,83 Meter, sein Gesicht ist immer angenehm gebräunt. Die Damen schätzen seine guten Manieren. Und dass er sich so elegant kleidet. Er spricht sechs Sprachen, wirkt belesen, das macht Eindruck.

Vor allem aber erliegen die Damen seinem Charme. Er gibt ihnen das Gefühl: Da hört mir einer zu. Klatten schreibt von ihrer „Spiritualität“, die sie mit ihm ausleben kann. Sgarbi umgarnt sie, und wie die anderen Frauen glaubt auch sie, er halte sie für etwas ganz Besonderes – unabhängig von ihrem Reichtum. „Du bist tief in meinem Innern angekommen“, schreibt sie einmal. So fängt er ihre Seele.

Von diesem Sgarbi, dem Betörer, dem Frauenversteher, wird auf der Anklagebank des Münchner Landgerichts nicht viel zu sehen sein. Selbst seine Bräune dürfte nach fast einem Jahr in Untersuchungshaft verblasst sein. Und doch hat er auch vor Gericht die Gewalt über seine Opfer. Von ihm hängt es ab, ob sie als Zeugen aussagen müssen. Nur sein Geständnis würde den Frauen den unangenehmen Auftritt ersparen. Doch der Angeklagte schweigt bislang.

Sgarbi könnte sich durch ein Geständnis viel Zeit im Gefängnis ersparen. Immerhin drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft. Es wird wohl nicht die Höchststrafe werden. Aber bei einem Geständnis bekäme er Rabatt. Die Verteidiger, die Sgarbi zu Beginn vertraten, hätten sich deshalb gerne geeinigt: Da ein außergerichtlicher Vergleich mit Susanne Klatten nicht herbeigeführt werden konnte, gab die Münchner Anwaltskanzlei Lutz Libbertz den Auftrag jedoch zurück. Sgarbis derzeitige Verteidiger, Egon Geis aus Frankfurt am Main und Till Gontersweiler aus Zürich, wollen nichts zu dem Fall sagen.

Und so weiß der zuständige Staatsanwalt Thomas Steinkrauß-Koch so manches – aber nicht, was ihn am Montag erwartet. „Wir sind alle gespannt darauf, was nach der Verlesung der Anklage passieren wird“, sagt er. „Einen Deal hat es definitiv nicht gegeben.“

Helg Sgarbi wird nicht zum ersten Mal einen Gerichtssaal als Angeklagter betreten. Vor gut sechs Jahren hatte schon einmal eine Frau, die er geprellt hatte, sich getraut ihn anzuzeigen. Ein Schweizer Gericht verurteilte ihn im September 2003 zu sechs Monaten Haft – auf Bewährung. Ohne Strafe hatte er 2001 der inzwischen verstorbenen Comtesse Verena du Pasquier-Geubels Millionen abgenommen. Er war damals Mitte 30, sie 83 und einsam. Das Geld der Comtesse soll Sgarbi an den italienischen Sektenführer Ernano Barretta weitergegeben haben. Ihm soll er hörig gewesen sein: Der Verführer war dann selbst Verführter – der Lakai eines Autohändlers aus den Abruzzen. Millionen sollen die Jünger ihrem Guru verschafft haben.

Sgarbi war ihm besonders treu. Kein Wort hat der bislang über seinen Meister verloren. Deshalb wird Barretta nicht neben ihm auf der Anklagebank in München sitzen. Obwohl die Ermittler ihn nicht nur als Anstifter sehen, sondern auch vermuten, dass er wenigstens im Fall Klatten von einem Nachbarzimmer im Münchner „Holiday Inn“ aus das heimliche Sex-Video gedreht hat. Barretta saß in Italien in Untersuchungshaft, wo die Saga von der „Signora Bi-Emme-Wu“, der „Frau BMW“ auch für einigen Wirbel sorgt. Jetzt steht Barretta unter Hausarrest, und am 24. März entscheidet sich, ob Anklage erhoben wird. Doch die Beweise reichen womöglich nicht.

Bei Sgarbi dürften sie für eine Verurteilung reichen. Allein die nach Klattens Anzeige abgehörten Telefonate: Mehrfach fordert er Geld und sagt, er habe die „Liebe filmisch in voller Länge festgehalten“. Er verhöhnt Klatten: Sie habe ihn „einfach weggeworfen“, schimpft er. Und droht: „Du hast mein Leben ruiniert, und ich werde Deines ruinieren.“

von Bettina Link

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