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Geheime Rituale: „Distriktmeister“ Volker Frühling in den Räumen der Münchner Freimaurer-Loge.

Verschwiegene Brüder

Freimaurer in München: Mitglied verrät Geheimnisse der Loge

Er fasziniert Verschwörungstheoretiker und Bestsellerautoren gleichermaßen: Seit 300 Jahren gibt es den Geheimbund der Freimaurer. Auch in München existieren Freimaurer-Logen. Wir haben mit einem Mitglied gesprochen.

Die Tür ist unauffällig. So unauffällig, dass man sie im Vorbeigehen kaum wahrnimmt. An der Schwanthalerstraße, direkt neben dem Eingang einer Spielothek, ist sie regelrecht versteckt. „Bruderhilfe e.V.“ steht auf der Klingel. Drückt man drauf, wird man erst durch den elektronischen Türspion beäugt, dann surrend eingelassen. Eine kurze Fahrt mit dem Fahrstuhl, die Spannung steigt, die Türen gleiten auseinander – und Ernüchterung macht sich breit.

Kahle weiße Wände, unpersönliche Konferenzräume – hier logieren die Freimaurer? Kaum zu glauben: In Bestsellern wie „Das verlorene Symbol“ von Dan Brown oder „Das Foucaultsche Pendel“ von Umberto Eco geht es dem Geheimbund, der 1717 gegründet wurde, doch angeblich um nichts Geringeres als die Weltherrschaft, das Ziehen der ganz großen Strippen. Danach fühlt es sich hier nicht gerade an. Auch Volker Frühling wirkt alles andere als mysteriös oder unheimlich. Der seriöse 70-Jährige mit weißem Hemd und randloser Brille ist „Distriktmeister Südbayern“ der „Großloge Der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland“. Ein hohes Amt in der Bruderschaft.

Rituale zur Einführung - So wird man Freimaurer

Wie wird man überhaupt Freimaurer? Zunächst muss man bei der örtlichen Loge einen Antrag stellen und dort ein Jahr lang die „Gästeabende“ besuchen. „Am Ende steht dann die sogenannte Kugelung“, verrät Frühling. Das klingt ein wenig nach Steinigung, hat damit aber erfreulich wenig zu tun. „Die Kugelung ist ein Votum“, erklärt der Distriktmeister. „Jeder Bruder bekommt zwei Kugeln – eine weiße und eine schwarze. Dann gehen alle zu einem Behältnis und werfen die weiße Kugel in den weißen Trichter und die schwarze Kugel in den schwarzen.“ Wer dabei die Arme überkreuze, signalisiere Ablehnung. „Wenn der Anwärter am Ende zu viel Ablehnung bekommt, ist er durchgefallen.“

Laut Frühling kommt das aber nicht oft vor. In der Regel werde dem Anwärter zuvor diskret signalisiert, dass er nicht zur Gemeinschaft passt, um eine solche Demütigung zu verhindern. Eine Geste des Respekts – für die Freimaurer laut Frühling Grundpfeiler ihrer Überzeugungen.

Darum operieren die Freimaurer im Geheimen

Hervorgegangen sind die Freimaurer aus den mittelalterlichen Steinmetzbruderschaften und Baumeistern. Maurerkelle, Winkelmaß und Zirkel prägen heute noch ihre Bildsprache, und auch an der Schwanthalerstraße entdeckt man diese Utensilien in so manchem Gemälde an der Wand. Die Werte der Aufklärung wollten die Geheimbündler pflegen und sich gegenseitig zu vollkommeneren Menschen formen – geheim nicht wegen konspirativ-politischer Untergrundaktivitäten, sondern um die Mitglieder gegen eine mögliche Verfolgung zu schützen.

„1789 gab es in der Französischen Revolution den Ausspruch ,Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘“, sagt Volker Frühling. „Wir fügen gerne noch ,Humanität‘ und ,Toleranz‘ hinzu.“ Deshalb engagierten die Freimaurer sich regelmäßig im wohltätigen Bereich. „Was natürlich nicht heißt, dass wir da Millionen bewegen“, betont der Distriktmeister. „In den Logen, die ich kenne, sind ganz normale Menschen mit ganz normalem Einkommen.“ 15 000 Euro hätten die Brüder im vergangenen Jahr an die Bayerische Polizeistiftung gespendet. Abgewickelt werden solche Spenden über den hauseigenen Verein „Bruderhilfe“ – so klärt sich ein weiteres Geheimnis auf, nämlich das des Klingelschildes.

Diskussionen über Politik oder Religion sind streng verboten

„Dann gibt es bei uns noch einen zweiten Aspekt, den ich gerne ,kreativen Dialog‘ nenne“, sagt Frühling. Damit meint er den Grundsatz, dass Freimaurer sich ungeachtet ihrer individuellen politischen oder religiösen Ansichten auf Augenhöhe begegnen, um miteinander fruchtbare Gespräche zu führen. „Ich muss in meinem Gegenüber keinen Feind sehen, den ich überzeugen muss. Stattdessen wollen wir gemeinsam zu einer Lösung kommen.“ Diskussionen über Parteipolitik oder Religion seien in den Logen streng untersagt, betont Frühling. Vorträge zu den unterschiedlichsten Themen seien bei den monatlichen Treffen hingegen nicht nur normal, sondern würden begrüßt. „Und dann hat die Freimaurerei noch einen dritten Aspekt. Und zwar, dass wir unsere philosophischen Überzeugungen durch Rituale einüben.“

Rituale? Jetzt könnte es doch noch gruselig werden. Aber wer an Okkultismus denkt, ist auf dem Holzweg. „Weltanschaulich sind die Freimaurer weder eine Kirche noch eine religiöse Gemeinschaft“, sagt Matthias Pöhlmann, der Weltanschauungsbeauftragte der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern. „Trotzdem gibt es durchaus implizite religiöse Anklänge.“

Ganz ohne Geheimnisse geht es nicht

Zum Beispiel liege auf dem „Tisch des Meisters“ oft eine aufgeschlagene Bibel, zudem sprächen Freimaurer vom „großen Baumeister aller Welten“. Das legt immerhin eine Form von Gottesglauben nahe. „Der schottische Pfarrer James Anderson hat 1723 die ,Alten Pflichten‘, eine Art Magna Carta der Freimaurer, geschrieben“, sagt der Weltanschauungsbeauftragte. „Darin heißt es, man soll als Freimaurer ,weder engstirniger Gottesleugner noch religiöser Wüstling‘ sein.“

Rund 15 000 Logenmitglieder gibt es laut Pöhlmann aktuell in Deutschland. Früher eine reine Männerangelegenheit, existieren mittlerweile auch Frauenlogen. „Die machen mit insgesamt 450 Freimaurerinnen aber eher einen geringen Teil aus.“

Im Kern, sagt Pöhlmann, handle es sich bei den Freimaurern um eine Art ethischen Männerbund. „Sie sind verschwiegene Männer, das ist Teil eines eleganten Spiels“, sagt der Kirchenbeauftragte. Zu diesem Spiel gehöre auch, dass die Freimaurer stets behaupteten, die Texte zu ihren Ritualen seien in Nationalbibliotheken frei einsehbar. „So einfach ist es in Wirklichkeit aber nicht.“ Ganz ohne Geheimniskrämerei geht es bei den Freimaurern dann eben doch nicht.

Marian Meidel

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