„Für mich war er ein König“: BISS-Verkäufer Frank Schmidt.

Vor fünf Jahren ermordet: Wo München noch an Moshammer denkt

München - Heute vor fünf Jahren ist Rudolph Moshammer ermordet worden. Inzwischen ist Moshammer weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Eine Spurensuche.

Das Mausoleum auf dem Ostfriedhof, wo der Modeschöpfer neben seiner Mutter Else begraben liegt, ist winterlich geschmückt. Bis vor wenigen Tagen stand hier noch ein Christbaum. Jemand hat ein kleines weißes Herz hingelegt: „Frohe Weihnachten“ steht darauf. Nur Fußspuren im Schnee zeugen davon, dass die Grabstätte hin und wieder Besucher anlockt.

Das war vor fünf Jahren bei der Beerdigung anders. 10 000 Menschen hatten sich auf der Maximilianstraße zu einem Ehrenspalier formiert, als Moshammers Leichnam in einer gläsernen Limousine zum Ostfriedhof gebracht wurde. Die Prominenz hatte sich bereits zuvor bei einem Trauergottesdienst in der Allerheiligenhofkirche von dem Modeschöpfer verabschiedet. In den folgenden Tagen pilgerten hunderte Münchnerinnen und Münchnern zum Ostfriedhof, und vor dem „Carnaval de Venice“, Mosis Laden an der Maximilianstraße, türmten sich Blumen.

Heute residiert in den Geschäftsräumen, in denen Moshammer zwischen gewagt bunten Krawatten und edlen Anzügen seine hochpreisigen Mode-Träume auslebte, die Münchner Niederlassung des Schweizer Uhrenherstellers Blancpain. Der Laden wurde komplett umgebaut. Nur die kleine Marmortafel mit dem „Carnaval“-Schriftzug neben dem Eingang erinnert noch an Moshammers Zeit – und der alte Tresor, wie Boutique-Managerin Melanie Seifert schmunzelnd berichtet.

In Moshammers Grünwalder Bungalow wohnt heute der Neffe des Haupterben Walter K.: Johann K. lebt so zurückgezogen wie einst der Verstorbene. Auch Walter K., Moshammers langjähriger Geschäftspartner, drängt sich nicht an die Öffentlichkeit. Der Rolls-Royce Silver Dawn, den der Wiener Sammler Karl Unger ersteigert hat, ist immerhin noch ab und zu bei Oldtimerrallyes zu sehen.

Doch „Mosi“ selbst fährt eben nicht mehr wie ein König zu Promi-Festen vor. Keine Theater- oder Opernaufführung fängt mehr verspätet an, weil der Paradiesvogel mit den Ludwig-II-Allüren zuerst unter donnerndem Applaus zu seinem Platz in der ersten Reihe schreiten muss. Nach fünf Jahren hat Münchens Promi-Gesellschaft die Lücke geräuschlos geschlossen. Einen Nachfolger hat der Mann, der sich gern als „Modezar“ titulieren ließ, in dieser Szene nicht gefunden. Für seinen ehemaligen Leibarzt Dr. Arnulf Borchers kein Wunder: Moshammer sei eben einmalig gewesen (siehe Interview rechts).

Auch die letzte der Yorkshire-Terrierdamen, die alle Daisy hießen und Moshammer zu allen öffentlichen Auftritten im Handtäschchen begleiteten, ist längst gestorben. Ihre Asche bewahrt Chauffeur Andreas Kaplan auf.

Ist der Mann, für dessen Trauerzug durch die Maximilianstraße 10 000 Münchner Spalier standen, also vergessen?

Nicht ganz, sagt Blancpain-Statthalterin Melanie Seifert. Ein Halt vor ihrer Boutique gehört noch immer zum Programm vieler Stadtführungen, „und es gibt Leute, die uns auf Moshammer ansprechen.“

Mehr noch als der schillernde, glamouröse Szene-Promi, der selbst in Hamburg bekannter war als so mancher Münchner Politiker oder Künstler, bleibt ein gänzlich anderer Rudolph Moshammer in Erinnerung: Jener, der sich großzügig für Obdachlose einsetzte. Das Schicksal des eigenen Vaters hatte den Geschäftsmann dazu gebracht, und sein eigens gegründeter Verein „Licht für Obdachlose“ führt das Engagement mit einem Teil seines Erbes bis heute fort. Rund 180 000 Euro habe der Verein bis heute ausgeschüttet, berichtet der Vorsitzende Florian Besold. Und mögen andere den Paradiesvogel mit der Ludwig-II-Frisur belächelt oder wegen seiner homosexuellen Neigungen verurteilt haben – die Empfänger halten Moshammer bis heute in Ehren. „Er hat das mit dem Herzen gemacht. Das hat man gespürt“ berichtet etwa Anton Auer vom evangelischen Hilfswerk. Dessen „Teestube Komm“, ein Treffpunkt für Obdachlose, und die Arbeit der Streetworker hat Moshammer immer wieder mit erheblichen Summen gefördert, ebenso das Kloster St. Bonifaz.

Auch die Obdachlosenzeitung BISS wird auf Moshammers ausdrückliches Vermächtnis hin bis heute unterstützt. „Das vergessen wir nie“, sagt Geschäftsführerin Hildegard Denninger. Eine der BISS-Stadtführungen führt am Grab des Gönners vorbei. BISS-Verkäufer Frank Schmidt erinnert sich noch an seine erste Begegnung mit dem Mäzen im Männerwohnheim St. Ottilien vor 13 Jahren: „Moshammer kam am Heiligen Abend vorbei und hat jedem Bewohner auf die Schnelle 400 Mark in die Hand gedrückt. Das war unheimlich viel Geld. Wir waren ja arme Hunde.“ Auch eine Premierenparty im IMAX habe er als Gast Moshammers schon erlebt – inmitten einer illustren Promi-Gesellschaft. „Für mich“, sagt Schmidt, „war er wirklich ein König.“

Das Ende des schillernden Modeschöpfers war alles andere als königlich. Moshammer, der seine homosexuellen Neigungen mit Strichern aus dem Bahnhofsmilieu auslebte, wurde von Herisch A., den er für Sex-Dienste mit in seine Villa genommen hatte, mit einem Elektrokabel erdrosselt. A. verbüßt eine lebenslange Haftstrafe in Straubing. „Er bekomme regelmäßig Besuch von Verwandten und habe sich mit dem Gefängnisalltag arrangiert, berichtet sein Anwalt Adam Ahmed. Frühestens in zehn Jahren sei über eine Abschiebung in den Irak nachzudenken.

Das zentrale Beweisstück des Mordprozesses, Moshammers eingedrückter Kehlkopf, hat den Weg in die Familiengruft noch nicht gefunden. Dem Vernehmen nach lagert er in der Gerichtsmedizin.

Für die, die ihn kannten, ist das bedeutungslos. Barbara Sigg, Wirtin von Moshammers Gasthaus „Hundskugel“, hat sein Bild erst kürzlich näher an die Theke gehängt – „da kann er mir bei der Arbeit zuschauen“. Sigg ist überzeugt, dass viele ihrer Gäste an den Modeschöpfer denken, wenn sie das Lokal betreten. „So ein Unikat wird es nicht mehr geben“, sagt sie nachdenklich. „Es fehlt was in München. Auf alle Fälle“.

Von Peter T. Schmidt

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