Dicke Konten, dicke Schlitten: Heidrun S. vor einem Rolls Royce aus dem Fuhrpark der Familie. Fünf Millionen Euro Spenden soll der Familien-Clan veruntreut haben. foto: fkn

Fünf Millionen Euro Spenden veruntreut

München - Heidrun S. sammelte fleißig Spenden für ihren Verein „Kinder in Not“. Die Kinder sahen davon freilich nur wenig. Über fünf Millionen Euro soll die 72-Jährige für ein luxuriöses Leben abgezweigt haben. Ab Donnerstag wird ihr und vier Angehörigen vor dem Landgericht der Prozess gemacht.

Die Spendenbereitschaft der Deutschen ist beispielhaft, wie derzeit die Erdbebenkatastrophe in Haiti beweist. Aber unter den Organisationen, die sich mit dem Siegel der Gemeinnützigkeit schmücken, gibt es immer wieder auch schwarze Schafe. Heidrun S. soll der Kopf zweier solcher betrügerischen Vereine sein. Sie und vier Angehörige sollen in drei Jahren über fünf Millionen Euro Spendengelder für sich abgezweigt haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen gewerbsmäßige Untreue vor.

Die 72-jährige Kauffrau steht an der Spitze der Fünfer-Gruppe. Heidrun S. nahm das Wort von den Familienbanden wörtlich. Laut Anklage gönnte sie sich und ihren Angehörigen mit den eingehenden Geldern ein gewiss nicht karges Leben.

Von Anfang 2002 bis Ende 2004 sollen die Spenden für die eingetragenen Vereine „Kinder in Not“ (Sitz München) und „Deutsche Gesellschaft Tiere und Natur“ (Sitz Hamburg) zu 90 Prozent von der Familie S. vereinnahmt worden sein – nur zehn Prozent flossen in die Kinderbetreuung und in den Tier- und Umweltschutz. Mitangeklagt sind die Söhne Steffen (49) und Carsten (39) sowie die Vereinsvorsitzenden Hans-Karl S. (68) und Martin S. (50).

Beide Organisationen wurden 1985 von der Familien-Patriarchin gegründet. Spenden und Mitgliedsbeiträge sollen schon lange vor dem in der Anklage genannte Zeitpunkt weitgehend zweckentfremdet worden sein, jedoch sind alle Manipulationen vor 2002 verjährt. Der weitaus größte Teil der gezahlten Beträge, die unter anderem von Drückerkolonnen eingeholt wurden, ging an zwei Firmen mit Sitz in St. Gallen in der Schweiz und Triesen in Liechtenstein. Die Firmen waren offiziell zuständig für Mitgliederwerbung und Öffentlichkeitsarbeit, Geschäftsführerin beider Unternehmen: Heidrun S. Unter ihrer Leitung flossen den beiden Firmen ungeheure Summen zu. Im Vertrag waren 35 Prozent der Mitgliederbeiträge als reine Aufwandsentschädigung vereinbart, unabhängig vom Honorar für geleistete Arbeit. Angewiesen wurden die Beträge von Carsten S., der für die Vereine die Bücher führte und über ihre Konten verfügte.

„Kinder in Not“ hatte 2002 einen früheren Gnadenhof gemietet. Eigentümerin war ebenfalls die Angeklagte Heidrun S. Sie kassierte von dem gemeinnützigen Verein neben der Miete auch Geld für die Instandsetzung und -haltung des Anwesens. Die Tier- und Umweltorganisation pachtete ein Anwesen zum Betreiben eines Papageienhofes – Vermieter war der Angeklagte Steffen M. Er soll weit überhöhte Kosten berechnet haben.

Die Ermittlungen waren schon 2004 nach Anzeigen misstrauischer Spender in Gang gekommen. Heidrun S. wurde vor fast genau fünf Jahren verhaftet, kam aber schon gut einen Monat später gegen Meldeauflagen auf freien Fuß. Ende 2007 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Untreue in Hunderten von Fällen. Danach hat es noch einmal gut zwei Jahre bis zum Prozess gedauert. Die Verhandlung ist bisher auf sieben Tage angesetzt. Zum Vergleich: Der Prozess gegen die Verantwortlichen des Deutschen Tierhilfswerks mit einem allerdings weitaus höheren Schaden hatte zwei Jahre gedauert.

Sarah List

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