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Oben das Grün und unten die Autos: Geht es nach den Anhängern des Tunnels durch den Englischen Garten, verschwinden die Blechkolonnen aus dem Park. 

"Wiedervereinigung" des Parks

Englischer Garten: Tunnel-Traum lebt weiter

München - Der Park frei von Autokolonnen, der Ring unter der Erde: Der Tunnel durch den Englischen Garten könnte bald konkreter werden. Im Stadtrat zeichnet sich eine Mehrheit für eine solche Planung ab.

Die SPD als Kämpferin für die staugeplagten Autofahrer, die CSU als grüne Visonärin, die Grünen als die „kühlen Köpfe“ jenseits aller Ideologie: Kaum irgendwo zeigt sich so schön wie in der Debatte um den Autoverkehr durch den Englischen Garten, dass in Münchens Politik neue Zeiten einziehen. Da passt es ins Bild, dass eine Koalition aus CSU, Grünen, FDP und „Bürgerlicher Mitte“ die SPD (und die Verwaltung) überstimmen will, was den Ausbau des Isarrings betrifft. Gestern gab es im Planungsausschuss ein Patt (11:11). In der Vollversammlung dürfte die ungewöhnliche Allianz eine hauchdünne Mehrheit erreichen.

Das wäre ein großer Erfolg für die Initiatoren des Tunnels durch den Englischen Garten. Seit Jahren werben die Münchner Architekten Hermann Grub und Petra Lejeune für einen Tunnel, einer „Wiedervereinigung“ des Parks, wie sie sagen. Das Projekt hat viele prominente Unterstützer - und viel Sympathie in der Bevölkerung. Nach einer Umfrage sind 83 Prozent der Münchner dafür. Doch zuletzt sah das rührige Architekten-Ehepaar seinen Traum in Gefahr. Die Stadtverwaltung ist unter Handlungsdruck geraten, weil die Genehmigung für die Übergangslösung mit Ampel und Einfädelspur an der Ifflandstraße noch einmal verlängert wurde, nun aber Ende 2014 ausläuft. Der Vorschlag der Stadt: eine 3,50 Meter breite „normale“ dritte Spur. Flehentlich wandte sich Grub gestern an die Stadträte. „Ich möchte Sie bitten, gegen diese Vollspur zu stimmen!“, sagte er. „Sonst ist der Tunnel mausetot!“ Das Argument von Grub und seinen Unterstützern: Mit einer breiten dritten Spur wäre das Verkehrsproblem gelöst. Damit entfiele ein wichtiges politisches Argument für den Tunnel neben dem Freizeitwert im Park und der Ökologie. Und: Fördergelder wären nicht mehr abrufbar. SPD und Stadtverwaltung bestreiten diesen Zusammenhang. Das Planungsreferat will über den Tunnel gemeinsam mit den beiden anderen Tunnels (Tegernseer Landstraße und Landshuter Allee) entscheiden. Stadtrat Christian Amlong warf der CSU vor, den heutigen Autofahrern auf dem Ring zu schaden: „Sie wollen den Stau am Isarring erhalten, nur um den Druck auf dem Tunnel zu lassen!“, rief er.

In einer munteren Debatte waren irgendwie alle für den Tunnel - und doch nicht einer Meinung. CSU-Fraktionschef Josef Schmid sah die Spurbreite als Grundsatzentscheidung an. „Das ist die Gretchenfrage“, sagte er, „wollen wir den Tunnel oder nicht?“ Die Grüne Sabine Nallinger warf ihm „unseriöse Politik“ vor. Sich selbst hingegen nannte sie einen „kühlen Kopf“. Man könne keinen „Blanko-Scheck für dieses Projekt geben, wir wissen nicht, was es kostet“. Nallinger betonte ihre Sympathie für den Tunnel, sagte aber auch: „Wer Straße sät, wird Verkehr ernten.“

Am Ende stimmten die Grünen im Sinne der Tunnel-Anhänger für die schmale 3-Meter-Lösung. Für die breitere Variante war von 7 Millionen Euro die Rede gewesen, die schmale soll nun unter zwei Millionen kosten. Die kommt jetzt wohl - mit einer Beschränkung von 60 auf 50 km/h und möglicherweise mit einem Lkw-Überholverbot. Es deutet alles darauf hin, dass die Vollversammlung für diese Variante votiert - und dafür, erste konkretere Planungen für den Tunnel aufzunehmen.

Ob der jemals kommt, ist freilich eine ganz andere Frage. Massive Unterstützung aus der Wirtschaft mahnen alle Seiten an - und vom Freistaat. Von 70 Millionen Euro Baukosten gehen Grub und Lejeune aus, OB Christian Ude (SPD) von „mindestens 140 Millionen“. 50 Bäume, soll die Schlösser- und Seenverwaltung errechnet haben, wären mit der breiten Spur gefallen. Dass die nun gerettet sind, wollte Ude gestern nicht so recht als Argument gelten lassen. Denn er geht davon aus, dass dem Tunnelbau mehr Bäume zum Opfer fallen.

Ude gab schon den weisen Alt-OB, als er erklärte, dass er mit Widerstand gegen den Tunnel rechne, wenn es denn eines Tages konkret wird. Er gehe von Baumbesetzungen und Protest von Naturschutzverbänden und Schwabingern aus. „Spätestens wenn die ersten Bilder in den Medien sind, welche Bäume wegkommen“, sagte er, „haben wir eine völlig neue Protestsituation“. Ude wird sie als Ruheständler beobachten können. Eine endgültige Entscheidung zum Tunnel erwartet er erst um das Jahr 2020 herum.

Felix Müller

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