+
Weiß-grau-beige-farbenes Fell, kurzer Stummelschwanz und etwa 50 Zentimeter groß: Das ist Carlie. 

Gastbeitrag von Bine Alff über ihre entlaufene Hündin

Als Carlie verschwand, änderte sich in meinem Leben alles

München - Im Juli 2014 ist Bine Alffs Hündin Carlie in München weggelaufen. Die ganze Stadt hat Carlie gesucht. Vergeblich. In ihrem berührenden, ehrlichen Gastbeitrag schreibt Alff, wie sie sich auf der Suche nach Carlie selbst verloren hatte. Und wie sie sich erlaubt hat, wieder zu leben.

Mein Name ist Bine Alff. Ich bin Verhaltensberaterin und Trainerin für Menschen und ihre Hunde. Am 19. Juli 2014 ist meine Hündin Carlie in München weggelaufen. Seitdem ist nichts mehr so, wie es einmal war.

Ich kann nicht sagen, dass jetzt alles schlechter ist. Es ist eben alles anders.

Der 19. Juli 2014 war eine laue Sommernacht. Ich war nicht zu Hause, meine Mitbewohner passten auf Carlie auf. Um 2 Uhr nachts dann ein Anruf: „Bine, Carlie ist weg, ich kann sie nirgends finden.“ Nach einem Anruf bei der Polizei kam raus, dass sie wohl unbemerkt aus dem Garten entkommen war, auf der Straße fast angefahren wurde und die Polizei versucht hatte, sie einzufangen. Es gelang nicht. Im Gegenteil, die Polizisten verfolgten Carlie rund drei Kilometer, aber mein kleiner Wildfang rannte panisch um sein Leben. Nach dieser Nachricht war ich wie gelähmt. Normalerweise bleibe ich in solchen Situationen relativ gelassen. Viele Hunde hatten meine Freunde und ich schon in München gefunden und gesichert. Daher wussten wir eigentlich genau, was zu tun war. Carlie kommt bestimmt bald wieder heim. Dass es völlig anders kommen würde, konnte damals keiner ahnen. 

Mittlerweile ist Januar 2017 und ich schreibe diese Zeilen immer noch auf der Suche nach meiner geliebten Carlie. Immer noch mit großer Hoffnung, dass sie wieder nach Hause findet. Immer noch voller Liebe, Wärme und Zuversicht.

Nach einer schlaflosen Nacht saß ich am frühen Morgen des 20. Juli 2014 im ersten Zug zurück nach München. Unser Wohnzimmer war voll von Helfern. In einem rauschartigen Zustand versuchte ich einfach nur schnell zu handeln. Mein Hals schnürte sich zu, etwas nahm mir die Luft zum Atmen. Schon an diesem ersten Tag klebten wir großflächig unzählige Flyer, so dass uns schnell erste Sichtungen erreichten: Carlie rannte! Wie wir später rekonstruieren konnten, legte sie anfangs durchschnittlich etwa 40 Kilometer pro Tag in einem wahnwitzigen Tempo zurück.

Ich hatte wahnsinnige Angst, wahrscheinlich eine ähnliche Angst wie Carlie. 

Wie besessen rannte ich durch München. Wir rannten gemeinsam und doch immer aneinander vorbei. Das war der Moment, in dem ich mich verlor und erst viele Monate später sollte es mir gelingen, mich wiederzufinden.

Was ich in der Zwischenzeit lernte, ist, dass meine Gefühle sich auch aus der Distanz auf meine Hündin übertragen und vielleicht auch ihre Gefühle auf mich. Denn auch sie rannte panisch und in einem Affenzahn weiter durch ganz München, über Straßen, durch Parks, durch Wälder, über Autobahnen, zeitgleich mit mir. „Carlie, mein Herz, wo bist Du nur?“

Ja, wo war Carlie? Denn auch, wenn keiner aus dem Helferteam um mich herum darüber sprach, uns allen saß die Angst um meinen Hund wie ein kalter, nasser Lappen im Nacken. Das Gefühl ist auch heute noch schwer zu beschreiben. Einerseits war ich gelähmt, andererseits getrieben. Wie in einer Hülle, unfähig, wirklich klare Gedanken zu fassen. Leer, aber doch so voller Angst. Hilflos, aber doch durch so viele Helfer unterstützt. Alleine, aber doch immer irgendwie beschützt. Die eigens eingerichtete Facebookgruppe wuchs unglaublich schnell, immer mehr Helfer boten sich an mitzuflyern. Das „Team Carlie“ zählte damals mehr als 100 aktive Helfer.

Mein ganzes Sein war nur noch aufs Durchhalten ausgerichtet. Schlafen mochte ich nicht, essen musste ich, das hatte ich schnell verstanden. Denn nur so konnte ich fit bleiben, um endlich meinen Hund zu finden! „Oh Carlie, wo bist Du nur?“ So ging es viele Monate. Ich arbeitete nicht mehr, wohnte nur noch immer fahrbereit in meinem roten Bus. Sichtungsanrufe wurden entgegengenommen, Futterstellen eingerichtet, Lebendfallen aufgebaut, Interviews gegeben, mit Andrea vom K9 Suchhundeteam Spuren von Carlie verfolgt.

Es war im Februar 2015 als ich endgültig realisierte, dass ich so nicht weitermachen konnte. Und dass alle bisherigen Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg gebracht hatten – denn ich hatte meine Carlie immer noch nicht wieder. Ich musste lernen, loszulassen (und was Loslassen bedeutet) und wieder in mein Leben zurückfinden. Mich wieder finden - denn irgendwo auf der Suche nach Carlie hatte ich mich selbst verloren.

Durch die immer fortwährende Unterstützung meiner Freunde fand ich die Kraft, mich mir selbst zu stellen. Denn in den vielen Monaten, die allein durch die aktive Suche nach meinem Hund bestimmt waren, hatte ich vergessen, wie ein soziales Leben funktioniert. Wann lacht man? Wann ist man traurig? Durch viele Gespräche und die Unterstützung toller Menschen durfte ich das wieder lernen. Ich habe mir erlaubt, wieder zu leben.

Carlie war und ist mein Lehrmeister. Sie hat mich maßgeblich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Sie hat viele tolle Menschen zusammengeführt. Ich habe neue Freunde kennen gelernt, mit denen ich eine unglaublich ehrliche und echte Freundschaft führe. Einige alte Freunde habe ich verloren, andere weiß ich wie Felsen in der Brandung neben mir. Für München und Umgebung gibt es jetzt sogar ein professionelles Hunde-Such-Team.

Heute berate ich Menschen, deren Hund entlaufen ist, vor allem mit dem wichtigsten Grundsatz: Ruhe zu bewahren - die eigene Stimmung ist ansteckend! Ich musste dies so hart erfahren, jetzt kann ich diese Erfahrung weitergeben. Auch meine tägliche Arbeit mit Menschen und ihren Hunden hat sich verändert. Nicht grundlegend, aber essentiell. Hier habe ich meine gewonnenen Erkenntnisse angenommen und in meine Arbeit integriert.

Heute bin ich nicht mehr so unbeschwert, wie ich es vor dem 19. Juli 2014 war. Ich sehe das Leben anders und bekomme aus meinem Umfeld gespiegelt, dass ich feinfühliger und emphatischer geworden bin.

Ich kann nicht sagen, dass jetzt alles schlechter ist. Es ist eben alles anders.

Ich werde niemals die Hoffnung aufgeben, Carlie wieder in meinen Armen zu halten, auch wenn ich gerade nicht weiß, wo sie ist. Die letzte sichere Sichtung war im Frühjahr 2016. Doch ich bin auch heute noch fest davon überzeugt, dass Carlie lebt! Gedanklich und im Herzen bin ich immer mit ihr verbunden.

Bine Alff schrieb diesen Gastbeitrag. Sie ist Verhaltensberaterin und Trainerin für Menschen und ihre Hunde. Ihre Suche nach Hündin Carlie hat die Münchner sehr bewegt, die ganze Stadt hat nach ihr gesucht. Die Geschichte hat damals auch viele andere Menschen in Deutschland berührt. 

Wenn Sie Carlie gesehen haben, melden Sie sich hier: www.wirsuchencarlie.de.

Mutige, bewegende und bemerkenswerte Gastbeiträge - so werden Sie Autor

Ein Format auf unserer Nachrichtenseite mögen unsere Leser besonders: den Gastbeitrag. Menschen schreiben darin, was sie bewegt, welche Wünsche sie haben, was sie aufregt, was sie begeistert. Haben Sie auch etwas zu erzählen? Schreiben Sie eine kurze E-Mail mit Ihrem Thema, Ihren Kontaktdaten und der Betreffzeile Gastbeitrag an unsere Redakteurin Miriam Sahli-Fülbeck (E-Mail: miriam.sahli@merkur.de).

Hier gelangen Sie zu der Seite, auf der wir alle Gastbeiträge gesammelt haben. 

Unsere zwei Empfehlungen zum Thema Hunde: Hundetrainerin Nathalie Örlecke hat den rücksichtslosen Münchnern, die ihre Hunde im Park frei laufen lassen, etwas Wichtiges zu sagen. Hunde, die nicht hören, gehören an die Leine. Und sie fordert in einem zweiten Gastbeitrag: Macht den Dreck eurer Hunde weg!

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Narrisch gut bewacht: Über 400 Polizisten im Einsatz
Nach verstärkten Aufgeboten beim Christkindlmarkt und in der Silvesternacht hat die Münchner Polizei ihr Sicherheitskonzept auch für die Faschingstage überarbeitet.
Narrisch gut bewacht: Über 400 Polizisten im Einsatz
Hier steigt der Münchner Faschings-Endspurt
Endspurt beim Fasching Helau und Alaaf - die Münchner Narren drehen jetzt noch einmal richtig auf. Wo in den letzten Faschingstagen noch buntes Treiben herrscht.
Hier steigt der Münchner Faschings-Endspurt
Scientology-Personal: Spaenle sieht „Problem“
Nach Vorwürfen im Haus der Kunst verspricht das zuständige Ministerium eine Lösung. 
Scientology-Personal: Spaenle sieht „Problem“
Finanzamt bringt Stattauto in Bedrängnis
Die Carsharing-Plattform Stattauto ist von einer üppigen Steuernachforderung überrascht worden. Die Argumente des Finanzamtes versteht man dort nicht. Bleibe es bei der …
Finanzamt bringt Stattauto in Bedrängnis

Kommentare