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Marcel Rohrlack hat eine wichtige Botschaft, die uns alle angeht.

Marcel Rohrlacks Beitrag geht uns alle an

München, du hast noch immer ein Problem mit Homophobie!

München - München feiert sich für seine Weltoffenheit und Liberalität. Doch die Stadt hat Homophobie nicht überwunden, schrieb der schwule Marcel Rohrlack in seinem Gastbeitrag 2016. Ein aktueller Fall gibt ihm Recht. 

Gregor P. ist wütend und traurig zugleich. Was dem 30-Jährigen in der Nacht auf Samstag in der Münchner Innenstadt passiert ist, macht sprachlos: Er wurde angegriffen, weil er schul ist. Der Gastbeitrag des schwulen Marcel Rohrlack aus dem vergangenen Jahr ist also immer noch aktuell. Darin hat Rohrlack eine Botschaft, die alle Münchner angeht:

Liebes München,

Du bist eine wunderbare, weltoffene, liberale, vielfältige Stadt. Das braune Loch, das du mal warst – "Hauptstadt der Bewegung" –, hast du hinter dir gelassen.

Und heute bist du voller Stolz das "größte Dorf der Welt". Womit wir auch schon am Kern sind: Du bist so gern stolz, die weltoffenste Stadt zu sein. Die Probleme, die gibt’s doch bloß in Berlin, Hamburg, Köln … Klar, wir leben nicht mehr in den Achtzigern, der Schwulen-Jäger Peter Gauweiler scheint endgültig im politischen Ruhestand und seine Partei, die Münchner CSU, nimmt heute an Christopher-Street-Day-Paraden teil.

Bei so viel Weltoffenheit, vor sich her getragen wie eine Monstranz, ist für Probleme oft kein Platz. Denn über Menschenfeindlichkeit in Bezug auf die geschlechtliche oder sexuelle Identität wird viel zu oft in der Vergangenheitsform gesprochen.

Aber sie ist noch nicht überwunden.

Denn diese Formen von Menschenfeindlichkeit treten auch in München auf. Sie erscheinen in Form von Ausgrenzung, Beleidigungen und Gewalt. Die meisten LSBTT – Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle und Transgender – haben es in ihrem Leben erlebt: Sie hatten Angst, sich gegenüber ihren Verwandten, ihren Freundinnen und Freunden, ihren Kolleginnen und Kollegen zu outen. Sich zu outen ist ein schwieriger und mutiger Schritt, der sich zweifelsohne lohnt, da es sich danach glücklicher lebt.

Aber es ist hart, wenn sich die eigenen Eltern, Geschwister, Freundinnen und Freunde, Bekannte von einem abwenden, einen anfeinden und beschimpfen. Zu viele aus meinem Freundeskreis haben Wohnungslosigkeit erlebt, weil ihre Eltern sie rausgeschmissen haben. Andere verlieren ihren Job, weil der Arbeitgeber eine lesbische, schwule oder Trans-Identität entweder formal – etwa im kirchlichen Arbeitsrecht – ablehnt, die Betroffenen rausgemobbt werden oder ein Vorwand zur Kündigung gefunden wird.

Homophobie findet aber auch im öffentlichen Raum statt. In München mehren sich in letzter Zeit die Berichte über Anfeindungen und körperliche Angriffe gegen LSBTT. Allein aus meinem persönlichen Umfeld sind mir in den letzten Wochen viel zu viele Fälle bekannt, in denen Leute beschimpft oder geschlagen wurden, teilweise sogar unter Anwendung von Waffen. Und das findet nicht – wie vielleicht manche vermuten würden – in vermeintlichen "Problemvierteln" statt. Und es geht auch nicht pauschal von einer Gruppe bestimmter Religion oder Herkunft aus. LSBTT für Ressentiments zu missbrauchen und das ganze Thema etwa auf Musliminnen und Muslime zu projizieren, ist inhaltlich falsch, trifft die Falschen und hilft niemandem – außer rechten Demagogen.

Anfeindungen treffen Pärchen, die im Glockenbach spazieren gehen oder junge Leute, die nach einer Party auf dem Nachhauseweg am Stachus sind. Daher ist auch der Christopher Street Day (CSD) so eine unglaublich wichtige Institution: Er macht uns und unsere Liebe sichtbar. Und – als schwuler Mann – freue ich mich über jede heterosexuelle Person, die am CSD mit uns feiert und dafür demonstriert, dass es eines Tages wirklich egal ist, wen man liebt oder welchem Geschlecht man sich zugehörig fühlt.

Trotzdem dürfen wir nicht vergessen: Der CSD ist nur einmal im Jahr, ist ein (meist) sehr schöner Samstag im Sommer und ist ein unglaublich wichtiges Symbol – die Auseinandersetzung mit Diskriminierung, Gewalt, Ausgrenzung muss aber das ganze Jahr erfolgen!

Die zum allergrößten Teil ehrenamtlich gestemmten Organisationen und Gruppen von der Aids-Hilfe, übers Lesbenzentrum Letra oder die Jugendgruppe Diversity bis zum schwulen Schuhplattlerverein brauchen ständige und dauerhafte Unterstützung. Die abfälligen Bemerkungen im Bekanntenkreis dürfen nicht unwidersprochen bleiben. Gerade ungeoutete LSBT (jeden Alters) brauchen Unterstützung: Das können Obdach, finanzielle Unterstützung oder das Herstellen von Kontakt zu Beratungsstellen sein – vor allem aber braucht es ein offenes Ohr, ein offenes Herz und eine helfende Hand.

Ich bin schwul – aber es ist noch nicht alles gut. Und gerade München muss manchmal weniger stolz sein und mehr anpacken. Dann sind wir wirklich die tollste Stadt der Welt.

Marcel Rohrlack 

Marcel Rohrlack ist Sprecher der Grünen Jugend München. Am Abend des Christopher Street Day 2015 in München wurde er im Ostbahnhof angepöbelt, dann verfolgt und geschlagen.

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