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GBW-Wohnungen verkauft: Das Bangen der Mieter

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Das Haus an der Theresienhöhe 2 ist eines der in München betroffenen Gebäude. © Sasse

München - Die Kommunen haben das Rennen um die GBW verloren: Die 32.000 Immobilien gehen für knapp 2,3 Milliarden Euro an einen privaten Investor. Die Mieter fürchten, bald tiefer in die Tasche greifen zu müssen. Zu Recht?

Die Kommunen haben das Rennen um die GBW verloren: Die 32 000 Immobilien, bislang fast vollständig im Besitz der Landesbank, gehen für knapp 2,3 Milliarden Euro an einen privaten Investor. Die Mieter fürchten nun, bald tiefer in die Tasche greifen zu müssen. Zu Recht?

Die Luft ist dünn für Gerald Nage. Für seine 53 Quadratmeter an der Theresienhöhe überweist der Rentner jeden Monat 500 Euro warm an die Wohnungsgesellschaft GBW. Strom- und Telefonkosten kommen noch oben drauf. Und das bei 900 Euro Rente. Seit 1987 wohnt er hier. Ein Ruhestand auf Kante finanziert. „Eine drastische Miet-Erhöhung kann ich mir nicht leisten“, sagt Nage.

Die hatte er bislang auch nicht zu befürchten. Die bayerische Landesbank hält 92 Prozent an der GBW. Die öffentliche Hand muss keine dicken Profite auf dem Rücken der Mieter einstreichen. Doch weil die Bank sich verspekulierte und vom Freistaat gerettet werden musste, wurde die BayernLB von der EU gezwungen, sich von der GBW zu trennen. Seit gestern steht fest, wem künftig Gerald Nages Wohnung gehört: Dem Augsburger Immobilien-Unternehmen Patrizia. Jetzt hat der 67-Jährige Angst vor einer saftigen Mieterhöhung.

Das Geschäft in Bayern erinnert an einen ähnlichen Verkauf im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg, wo die dortige Landesbank LBBW 21 000 Wohnungen verkaufen musste – und ebenfalls die Patrizia den Zuschlag erhielt. Auch im Ländle war die Rede von einer „Sozialcharta“. Die Erfahrungen sind geteilt. Der Stuttgarter Mieterverein klagt über steigende Preise, die Patrizia spricht von „Unterstellungen ohne Grundlage“.

Günter Krappweis ist Mieter in einer alten Eisenbahner-Siedlung am Stuttgarter Nordbahnhof, 2009 von der Patrizia gekauft. „Der Mieterschutz bestand aus einem lebenslangen Wohnrecht und der Zusage, nicht ohne Zustimmung zu modernisieren.“ Die Verdrängung der Altmieter, sagt er, funktioniere trotzdem. Über Mieterhöhungen. „Die nehmen, was der Markt hergibt. Sie fördern eine Fluktuation.“ Noch wohnten in seiner Nachbarschaft Busfahrer, Schaffner, Rangierer. Aber die könnten sich die Wohnungen immer weniger leisten. Krappweis Kaltmiete sei seit 2009 von 385 Euro auf 520 Euro gestiegen. „Neu vermietet würde sie schon 800 Euro kosten“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Sobald die Mieter ausziehen, verkauft die Patrizia die Wohnungen oft. In Neuperlach hat sie seit 2011 die „Wohnanlage am Hachinger Bach“ vermarktet. „Eigentlich haben sie gar nichts gemacht“, sagt Mieter Rolf Hemmerich. „Nur vorne und hinten ein bisschen gestrichen und isoliert.“ Und dann an einen Privatmann verkauft. Eine Nachbarin erzählt, die Miete für ihre Zwei-Zimmer-Wohnung sei in sechs Jahren von 520 Euro auf 780 Euro erhöht worden. „Ich gehe weg aus München. Ich kann es mir nicht mehr leisten!“ Als „knallhart aber fair“, bezeichnen Gunhild und Jochen Laabs aus dem Vogelpark in Trudering die Patrizia. Letztlich hätten sie dem Unternehmen die Mietwohnung abgekauft, sagten sie der tz.

Im Ringen um die GBW-Wohnungen – 10 000 davon stehen in München – haben die Augsburger das Bieterverfahren mit deutlichem Abstand für sich entschieden. Ein kommunales Konsortium versuchte vergeblich mitzuhalten und die Wohnungen in öffentlicher Hand zu bewahren. Doch der Finanzkraft der Patrizia mit ihren 26 Investoren aus Deutschland – und einem aus der Schweiz – hatten sie nichts entgegenzusetzen. Für knapp 2,3 Milliarden Euro ging das Geschäft schließlich über die Bühne.

Jetzt streiten die Politiker in Bayern darüber, ob der Verkauf Fluch oder Segen ist. Die CSU frohlockt und verweist mit stolzgeschwellter Brust auf die ausgehandelte Sozialcharta zum Schutz der Mieter (siehe Kasten). Rot-Grün malt zeitgleich den Teufel an die Wand, warnen vor drastischen Mieterhöhungen, wettern über einen Verrat an den Menschen. Viel davon ist Wahlkampfgetöse – auf beiden Seiten.

Beim Münchner Mieterverein sieht man den Deal kritisch. Die Patrizia, heißt es, kaufe Wohnungen, modernisiere sie ein bisschen, „und dann verkaufen sie alles als Eigentumswohnungen“. Mit den GBW-Wohnungen wollen die Augsburger eine Rendite von vier bis fünf Prozent erzielen. Sie selbst sind mit 58 Millionen Euro beteiligt.

Schnell weiterverscherbeln wolle man die GBW-Immobilien aber nicht. Die Geldgeber – Sparkassen, Versicherer, Pensionskassen und Versorgungswerke – hätten kein Interesse am schnellen Reibach. Soweit bekannt, sitzen keine ausländischen „Heuschrecken“ mit im Boot. Die Patrizia sagt, sie wolle eine „langfristige, attraktive und stabile Investitionsmöglichkeit bieten“. Das Unternehmen macht aber auch keinen Hehl daraus, seinen Investoren verpflichtet zu sein. „Wir haben ein Interesse an zeitgemäßen Mieten“, heißt es. Schließlich ist man nicht die Wohlfahrt.

Die Landesbank weist ohnehin jede Kritik weit von sich. Es sei die EU gewesen, die die Regeln des Bieterverfahrens vorgegeben habe. Bei der Sozialcharta sei man „wie auf einer Rasierklinge“ soweit gegangen, wie es die Kommission gerade noch zulasse. Die Mieten werden wohl trotzdem steigen.

Von Thomas Schmidt und Felix Müller

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