Bohrungen ab Anfang 2018

Nächstes Geothermie-Projekt: Schatzsuche in 3000 Metern Tiefe

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Die Vorbereitungen für Münchens nächstes Geothermie-Projekt laufen auf Hochtouren, und der Entscheid zum Kohleausstieg hat die Energie aus der Tiefe noch wichtiger gemacht. Am Kraftwerk Süd soll ab Anfang 2018 gebohrt werden – 3000 Meter tief und dank neuster Technik sogar um die Ecke.

München - 2400 bis 3000 Meter unter der Stadt liegt die Zukunft der Münchner Fernwärme: Der Malm, eine wasserführende Kalksteinschicht, die bis zu 600 Meter dick und um die 90 Grad heiß ist. Ein nahezu unerschöpfliches Wärmereservoir, das die Stadtwerke anzapfen wollen, um ein großes Ziel zu verwirklichen: Bis 2040 will München die erste deutsche Großstadt sein, deren Fernwärmenetz vollständig aus regenerativen Energien gespeist wird. Auch die Steinkohleverbrennung im Kraftwerk Süd soll langfristig durch die Geothermie ersetzt werden. So schnell, wie es das der Bürgerentscheid erzwingt, wird das aber nach Ansicht der Fachleute nicht zu machen sein.

Die Ergebnisse aus Freiham, wo seit 2016 Thermalwasser gefördert wird, sind ermutigend. Die dortige Bohrung liefert mehr und heißeres Wasser als prognostiziert. Und mit jeder Bohrung, so sagt Christian Pletl, der bei den Stadtwerken für die Geothermie zuständig ist, lerne man dazu: Erst das Gestein, das der Bohrer zutage fördert, zeigt, ob man die Daten der seismischen Messungen aus den Jahren 2015/16 richtig interpretiert hat.

Die Lernkurve dürfte steigen, denn am Kraftwerk Süd werden die Stadtwerke gleich mehrere Bohrungen niederbringen. Der Standort sei ideal, schwärmt Pletl: Die Baustelle und die spätere Geothermiestation liegen auf dem Kraftwerksgelände – mit direktem Anschluss an die drei Fernwärmenetze Perlach, Sendling und Innenstadt. Deswegen haben die Stadtwerke vor Kurzem aufgestockt: Statt der ursprünglich geplanten vier Bohrungen soll es nun sechs geben. Das soll die thermische Ausbeute der Anlage auf stolze 50 Megawatt steigern.

Das Gelände, auf dem früher vier riesige Tanks für die längst beendete Ölfeuerung standen, ist vorbereitet. Die ersten Startrohre, durch die der Bohrer auf Kurs gebracht wird, sind gesetzt. Ein Grünwalder Unternehmen werde dann im Frühjahr 2018 zu bohren beginnen, sagt Pletl.

Zuerst einmal geht es 1000 Meter senkrecht nach unten. Dann werden die Experten den Bohrer mit spezieller Technik in einem sanften Bogen auf neuen Kurs schräg abwärts bringen. Er folgt der Malmschicht und wird bei drei der vier ersten Bohrungen auch dabei noch eine Kurve machen. „Das liegt an Störungen im Untergrund, die wir mit den seismischen Messungen entdeckt haben“, erläutert Pletl. „Diese Bereiche wollen wir möglichst im rechten Winkel durchstoßen.“ Die Bohrexperten, so der 44-jährige Diplomingenieur, wüssten zu jeder Zeit, wo sich der mannsdicke Bohrmeißel tief unter der Stadt durchs Gestein frisst – „und zwar metergenau“.

Die Ziele sind Stellen, an denen die Experten besonders ergiebige Wasserförderung erwarten. Wie ein Brunnen soll die Bohrung möglichst große Mengen des heißen Tiefenwassers nach oben bringen. Dort gibt das Wasser seine Energie in Wärmetauschern ans Fernwärmenetz ab, bevor es, auf rund 30 Grad abgekühlt, durch eine zweite Bohrung wieder hinabgepumpt wird. Die Enden der Bohrlöcher müssen ausreichend Abstand haben, sonst droht ein sogenannter hydraulischer Kurzschluss: Das abgekühlte, durch eine Bohrung in die Tiefe gepumpte Wasser würde von der anderen Bohrung wieder nach oben befördert.

Die Bohrungen reichen denn auch von der Bohrstelle an der Schäftlarnstraße wie Spinnenbeine weit unter die Stadt: nach Südwesten bis Obersendling, nach Westen im Bogen bis jenseits der Plinganserstraße, nach Osten fast bis zum Ostfriedhof und nach Südosten bis zur Soyerhofstraße in Harlaching. Wohin die beiden jüngst beschlossenen weiteren Bohrungen führen, steht noch nicht abschließend fest. Die Löcher erreichen Tiefen zwischen 2400 und 3100 Metern und sind bis zu 4500 Meter lang. „Wenn wir vorher auf unerwartet ergiebige Stellen stoßen, kann es sein, dass wir auch früher stoppen. Das spart Geld“, sagt Pletl.

Etwa ein Jahr lang werden Bohrungen und Pumpversuche am Standort Schäftlarnstraße dauern, dann soll das nächste Geothermieprojekt folgen. „Das wird in Perlach sein“, sagt Pletl. Derzeit sei man in Grundstücksverhandlungen über mögliche Standorte. 13 oder 14 Bohrstellen möchten die Stadtwerke bis 2040 im Stadtgebiet erschließen. Bei manchen werde es nur ein Bohrungspaar geben, bei anderen auch zwei.

Angst müsse niemand haben, unter dessen Haus der Bohrer arbeite, versichert Pletl. „Das ganze spielt sich in mehr als 1000 Meter Tiefe ab, und wir haben durch die seismischen Messungen die Risiken minimiert. Wir wissen ziemlich genau, was uns dort unten erwartet.“

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