Geplante Sanierung: Klinik-Mitarbeiter bangen um ihre Jobs

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München - In den städtischen Kliniken herrscht Aufregung: Nach der Veröffentlichung des drastischen Sanierungskonzepts sind viele Mitarbeiter wütend und fassungslos. Die Opposition wirft OB Ude und Rot-Grün jahrelanges Versagen vor. Ärzte kritisieren das Sanierungskonzept.

Bei Erhard Reinfrank steht das Telefon nicht mehr still. Alle paar Minuten rufen Mitarbeiter der städtischen Kliniken bei dem Chef des Gesamtbetriebsrats an, Ärzte, Therapeuten, Pfleger. Und dann wollen sie von Reinfrank wissen: Was ist da los? Wie geht es jetzt weiter?

Das weiß Reinfrank auch nicht. Am Dienstag hat die Boston Consulting Group, die von OB Christian Ude (SPD) beauftragte Unternehmensberatung, ein Konzept für die Sanierung der angeschlagenen städtischen Kliniken vorgestellt (wir berichteten). Das sieht vor, die Kapazität der Kliniken um 20 bis 30 Prozent zu senken. Betriebsbedingte Kündigungen sind nicht mehr ausgeschlossen.

„Die Stimmung ist sehr aufgewühlt“, fasst Betriebsrat Reinfrank zusammen. Das Konzept wurde offenbar am Dienstagnachmittag in das Intranet der Kliniken gestellt, viele Mitarbeiter erfuhren erst aus der Zeitung davon. „Dass drastische Einschnitte passieren, war logisch“, sagt Reinfrank. „Aber was da vorgestellt wurde, ist schon sehr massiv.“

Für einige Ärzte zu massiv. Die Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund kritisiert das Konzept als „zweifelhaft durchdacht“. Die Idee, in Schwabing eine Poliklinik zu bilden, zeuge von einer „geringen Kenntnis des Münchner Gesundheitsmarkts“. Bei dem gesamten Konzept sei fraglich, ob es tatsächlich zielführend ist.

Zwei Kliniken wären bei der Umsetzung des Konzepts besonders stark betroffen: Der Standort Thalkirchner Straße würde ganz aufgegeben werden. Und das Klinkum Schwabing würde von momentan rund 880 auf 200 bis 300 Betten schrumpfen.

Entsprechend fürchten vor allem die Mitarbeiter des Klinikums Schwabing um ihre Jobs. „Viele sind fassungslos, zornig und wütend“, sagt Betriebsratschef Christoph Emminger. Vor allem die Art, wie das Konzept kommuniziert worden sei, habe für Aufregung gesorgt. „Die Mitarbeiter haben das Gefühl, keine Wertschätzung zu erfahren.“

Gerade in Schwabing haben laut Emminger viele Angestellte eine persönliche Bindung zum Klinkum - dem die Unternehmensberater nur noch die Poliklinik und das Mutter-Kind-Zentrum lassen wollen. „Wenn das so umgesetzt wird, gibt es hier im Prinzip keine Erwachsenenmedizin mehr“, klagt Emminger. Am Freitag will er eine Betriebsversammlung veranstalten - und rechnet mit „heftigen emotionalen Ausbrüchen“. Auch in der Klinik Thalkirchner Straße, die laut Konzept aufgelöst und im Klinikum Neuperlach integriert werden soll, ist die Stimmung angespannt - öffentlich äußern will sich dort aber niemand.

Relativ gelassen bleibt Alexander Miklosy (Rosa Liste), Chef des Bezirksausschusses (BA) Isarvorstadt. „Die Versorgung der Innenstadt wäre nicht gefährdet“, sagt er. Die Klinik Thalkirchner Straße ist auf Dermatologie spezialisiert.

Auch Werner Lederer-Piloty (SPD), Chef des Bezirksausschusses (BA) Schwabing-Freimann, sagt: „Was muss, das muss.“ Die Kliniken sollten aber unbedingt städtisch bleiben, und ein möglicher Stellenabbau müsse sozialverträglich ablaufen.

Schlechte Stimmung herrscht in Harlaching. Das Beraterkonzept sieht vor, das Klinikum Harlaching von 750 auf 400 bis 500 Betten zu reduzieren. Erst vor kurzem hatte der dortige Bezirksausschuss einstimmig gefordert, das Klinikum Harlaching uneingeschränkt zu erhalten. BA-Chef Clemens Baumgärtner (CSU) äußert sich verärgert über das vorgelegte Konzept. Die Pläne seien fragwürdig, de facto sei ein Kahlschlag geplant. Dies sei nicht nachvollziehbar, denn das Klinikum Harlaching verfüge über viele wichtige medizinische Schwerpunkte und gut laufende Spezialbereiche.

Heftige Kritik an OB Ude und der rot-grünen Rathausmehrheit übt die Opposition. „Zahlen die Beschäftigen die Zeche für das jahrelange rot-grüne Klinikversagen?“, fragt beispielsweise CSU-Fraktionschef Josef Schmid - und kritisiert die „dreijährige verantwortungslose Passivität“ von Rathausmehrheit und Oberbürgermeister.

„SPD und Grüne haben jahrelang geschlafen und bekommen jetzt die Quittung dafür“, sagt auch FDP-Fraktionschef Michael Mattar. Es sei schon vor drei Jahren offensichtlich gewesen, dass Reformen unausweichlich sind. „Stattdessen hat die rot-grüne Mehrheit im Rathaus gemeinsam mit Ude versucht, die Probleme mit Geld zuzuschütten.“

Durchaus kritisch äußert sich aber auch SPD-Fraktionschef Hans-Ulrich Pfaffmann. „Es war immer klar, dass es Einschnitte geben muss, leider passiert das jetzt viel zu spät“, sagt er. Er glaube aber nicht, dass betriebsbedingte Kündigungen nötig seien. „Die Mitarbeiter müssen sich keine Sorgen machen.“ Außerdem seien die vorgestellten Ideen noch keine Entscheidungsgrundlage - sondern nur ein Konzept in der Diskussion.

Die grüne OB-Kandidatin Sabine Nallinger ist froh, dass endlich Zahlen auf dem Tisch liegen. „Wir kennen jetzt die Größenordnung, was eingespart werden muss“, sagt sie. Solche Maßnahmen könnten auch mal weh tun - aber alles sollte so sozialverträglich wie möglich ablaufen.

Ingesamt arbeiten rund 8030 Mitarbeiter in den städtischen Kliniken. Wie viele in welchem Krankenhaus angestellt sind, lässt sich kaum trennen - einige Verwaltungsmitarbeiter und Betriebe sind zentral organisiert. Wo wie viele Stellen eingespart werden, ist noch unklar - das Bangen geht weiter.

Moritz Homann und Brigitta Wenninger

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