Diese Balkone wurden über längere Zeit gesperrt.
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Diese Balkone wurden über längere Zeit gesperrt.

Aufstand der Hausbewohner

Wohnanlagen trotz „Optimierung“ verkommen? Mieter gehen auf die Barrikaden - und schildern traurige Details

  • Susanne Sasse
    vonSusanne Sasse
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Der neue Hausmeisterservice der städtischen Vermietergesellschaft Gewofag zieht den Zorn vieler Bewohner auf sich. Mieter klagen: erheblich teurer und deutlich schlechter.

  • Die Vermietergesellschaft Gewofag ist in ganz München für über 36.000 Wohnungen zuständig.
  • Vor einigen Jahren wurde beim Hausmeisterservice eine gravierende Änderung vorgenommen.
  • Diese als „Optimierung“ gedachte Maßnahme hat sich mittlerweile als Ärgernis für zahlreiche Mieter entpuppt.

München - Es hätte alles besser werden sollen – wirtschaftlicher, mieterfreundlicher, und die Qualität sollte auch stimmen. Als die städtische Vermietergesellschaft Gewofag, die in München mehr als 36.000 Wohnungen vermietet, vor zwei Jahren ihr Hausmeistersystem umstellte, hätten die Verantwortlichen sicher nicht damit gerechnet, dass sie damit einen Aufstand der Mieter herbeiführen. Eine Mieterbefragung ließ ebenfalls kein Konfliktpotenzial erkennen: 90 Prozent der Mieter seien demnach mit den Hausmeistern zufrieden, so die Gewofag. Doch am Montagabend im großen Sitzungssaal des Rathauses ergab sich ein völlig anderes Bild. Dort tagte der Mieterbeirat der Stadt zum ersten Mal nach der Corona-Pause* wieder öffentlich. Mehr als ein Dutzend Mietersprecher aus Gewofag-Siedlungen in der ganzen Stadt machten dort ihrem Ärger über das neue Hausmeistersystem der Gewofag Luft. Der Tenor: Die Hausmeisterleistungen seien erheblich teurer und gleichzeitig deutlich schlechter geworden.

Von der Gewofag waren drei Vertreter anwesend: Christian Kiefer, Bereichsleiter Immobilienverwaltung, Dennis Schauer, Ressortleiter Finanzen, und Michael Schirmer, Ressortleiter Services. Auf sie prasselten die Klagen herein: Niemand sei erreichbar, niemand kümmere sich, die Gewofag-Wohnanlagen in der ganzen Stadt München* drohten zu verkommen.

Gewofag-Wohnanlagen in München verkommen: Schuld ist „angebliche Kompetenzbündelung“

Schirmer erklärte, wie es zu dem neuen Hausmeistersystem gekommen ist: Bis zum Jahr 2013 gab es bei der Gewofag, die kürzlich auch mit einem Skandal-Auftrag* von sich reden machte, 317 Bereiche für Hausmeister. 2014 sei man daran gegangen, das System „zu optimieren“, so Schirmer, indem man „die Leistungen vereinheitlichte und den Bedarf bewertete“. Im Ergebnis wurden die 317 kleinteiligen Hausmeisterbereiche in 26 weit größere Serviceeinheiten aufgeteilt, in denen jeweils drei bis acht Hausmeister für mehrere Gebäude zuständig sind. „Wir haben die Leistungsumfänge ermittelt und hochgerechnet und die Prozesse optimiert“, erklärte Schirmer.

Darüber konnten die Mieter und Mietersprecher nur die Köpfe schütteln. „Meine Nebenkostenvorauszahlung hat sich immens gesteigert, und dabei verkommt unsere Anlage, die Balkone und die Fassade bröckeln, es gibt Tauben und Ratten“, sagte Agnes Stecher, die in Neuperlach am Karl-Marx-Ring wohnt. Ihre Nachbarin Ingrid Wirthmüller, die seit mehr als 50 Jahren in der gleichen Gewofag-Siedlung lebt, sagte: „Man hat das Gefühl, die Gewofag hat uns vergessen – aber die Nebenkosten kräftig erhöht.“ Gerda Nillius, die ebenfalls in der Anlage lebt, bat die Gewofag-Chefs, sich die Probleme demnächst vor Ort anzusehen. Caroline Palminha (54), Gewofag-Mieterin aus Ramersdorf, sagte: „Mich ärgert diese angebliche Kompetenzbündelung, die keine ist. Zum Beispiel sind die Böden in den Müllhäusern klebrig oder rutschig, aber die Hausmeister sagen, sie können nicht wischen, da sie keinen Wischmopp bekommen. Aber einmal pro Jahr Dampfstrahlen reicht einfach nicht.“

Frei liegende Gasleitungen bei Heimag-Mieter Wilhelm Kling: Bei der Gewofag gibt es manches zu kritisieren.

Renate Cullmann aus Harlaching, seit 50 Jahren Mieterin der Gewofag-Tochter Heimag, sagte: „Die Leistungen haben sich um 50 Prozent verschlechtert und sind um bis zu 70 Prozent teurer geworden, und es sind keine Einzelprobleme.“ Ihr Nachbar Walter Schoofs (75) erklärte: Früher wohnte der Hausmeister in der Siedlung, hat sich mit ihr total identifiziert, jetzt ruft man an und landet in einer Warteschleife.“

Fährt die Gewofag eine perfide Strategie? Mieterverein München erwägt Klage

Gewofag-Mieter Günter Kölbl (63), der früher 20 Jahre lang in der Vergabestelle der Stadt tätig war, wünschte „einen sachlichen Dialog“: „Wenn früher die Hausmeister günstiger und besser waren, dann liegt das neue System daneben“ , sagte er. Vor allem hapere es an der Kontrolle, erklärte Wilhelm Kling, Heimag-Mieter in Bogenhausen. Hermann Gilbhard von der Mietergemeinschaft Harlaching der Heimag sagte: „Hausmeister, die täglich in der Siedlung sind, sind wichtig, denn sie können auch mal kleine Konflikte entschärfen.“

Mietrechts-Fachanwalt Michael Löffler machte sich eifrig Notizen über das System der Abrechnung, das er für rechtswidrig hält, da die Abrechnungseinheiten zu groß und deshalb zu ungenau sind: „Da die Miete für fünf Jahre nicht erhöht werden darf, holt sich die Gewofag meiner Rechtsansicht nach das Geld für Instandhaltungen und Reparaturen nun über die Erhöhung der Nebenkosten, obwohl sie das so gar nicht darf.“ Auch Volker Rastätter, Geschäftsführer des Mietervereins München, zweifelt an dem neuen System. „Wir überlegen, ob wir dagegen klagen sollen“, kündigte er an.

Mietpreis-Wahnsinn und Wohnungsnot in München können einem den Mut nehmen - hier sind 11 Gründe, wieder welchen zu schöpfen*tz.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

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