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Lydia Dietrich,Vorsitzende der Gleichstellungskommission.

Auch im Stadtrat

Gleichstellung in München: Immer noch viele Defizite

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München - Die Münchnerinnen fühlen sich in vielen Bereichen des Lebens gegenüber Männern nicht gleichberechtigt. Dies ergab eine Umfrage der Gleichstellungsstelle des Rathauses. 30 Prozent der befragten Frauen gaben an, dass die Stadt geschlechtsspezifische Benachteiligung nicht konsequent bekämpft.

Lydia Dietrich fasste sich ein Herz und lief auf den Zwei-Meter-Hünen zu. Ob er sich in Kiew für Menschenrechte, explizit für Lesben und Schwule, verwenden könne, fragte die Grünen-Stadträtin. Bürgermeister Vitali Klitschko blickte herab auf die zierliche Politikerin und sagte: „Für Menschenrechte ja, aber für Schwule und Lesben werde ich nichts tun.“ Dann zog der ehemalige Boxer grußlos von dannen.

Die Szene ereignete sich vor zwei Jahren bei einem Besuch des früheren Box-Champions in München. Schroff und abfällig habe Klitschko reagiert, erzählt Lydia Dietrich, die Vorsitzende der Stadtratskommission zur Gleichstellung von Frauen. Für sie ist die Begegnung ein Beispiel dafür, dass Frauen in der Politik nach wie vor geringgeschätzt werden. „Einem Stadtrats-Kollegen hätte Klitschko sicher mehr Respekt entgegengebracht – unabhängig vom Thema“, glaubt Dietrich.

Lydia Dietrich,Vorsitzende der Gleichstellungskommission.

In München ist Gleichberechtigung zweifelsohne weiter fortgeschritten als in der Ukraine. „Aber auch hier sind Stadträtinnen Diskriminierung ausgesetzt“, sagt Dietrich. „Das merkt man zum Beispiel, wenn man in internen Runden Frauenthemen anspricht. Da ächzen und stöhnen männliche Stadträte ganz unverholen.“ Dietrichs Wahrnehmung, wonach München beim Thema Gleichstellung zwar weit gekommen ist, aber immer noch Defizite existieren, deckt sich mit dem Ergebnis einer Umfrage der Gleichstellungsstelle für Frauen. Anlässlich ihres 30-jährigen Bestehens wollte sie von 2300 Bürgerinnen und Bürgern im vorigen Jahr wissen, ob Männer und Frauen in München gleichberechtigt sind. Die Antwortet lautet in vielen Bereichen: nein.

Angst vor K.o.-Tropfen

Vor allem im Beruf sehen sich Frauen Ungerechtigkeiten ausgesetzt. 85 Prozent der befragten Frauen sagten, dass Männer für dieselbe Arbeit besser bezahlt würden. Dieser These stimmen auch mehr als 50 Prozent der Männer zu. Die Frage, ob man sich nach dem Wiedereinstieg in die Arbeitswelt nach einer kinderbedingten Auszeit als vollwertige Arbeitskraft akzeptiert fühlte, beantworteten 85 Prozent der männlichen und 44 Prozent der weiblichen Befragten mit Ja. Ein Viertel aller Frauen gab an, nicht mehr akzeptiert worden zu sein, bei Männern waren es lediglich acht Prozent.

Die Gleichstellungsstelle wollte auch wissen, ob sich Männer und Frauen in München ähnlich sicher fühlen. Diese Frage bejahten die allermeisten Frauen. Tagsüber auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln und an Haltestellen glauben etwa 90 Prozent, dass sie sich ebenso sicher und frei bewegen können wie Männer. Selbst nachts an Haltestellen fühlen sich noch 74 Prozent der Frauen in ihrer Sicherheit und Bewegungsfreiheit wenig eingeschränkt. Als unsicher empfinden Frauen unter 30 Jahren vor allem Gewerbegebiete – und Lokale. Woran das liegt? Dietrich vermutet, dass viele junge Frauen Angst vor K.o.-Tropfen haben. Mit zunehmendem Alter der Befragten nimmt diese Sorge ab. Das Sicherheitsempfinden von Männern ist in allen Bereichen, ob im Lokal oder im Park, weitaus größer ausgeprägt.

"Es gibt noch wahnsinnig viel zu tun"

Besonders in der Politik wähnen sich Frauen den Münchner Männern gegenüber im Hintertreffen. Nur jede fünfte Frau fühlt sich in München ausreichend vertreten und an der Politikgestaltung beteiligt. Stadträtin Lydia Dietrich findet zwar, dass die Stadt sich in der Vergangenheit bei der Einbindung von Frauen in die Politik redlich bemüht habe. „Aber nach wie vor gibt es weniger Stadträtinnen als Stadträte. Und wenn Posten zu vergeben sind, werden eher Männer ausgewählt.“ Die Politik sei schließlich ein Spiegelbild der Gesellschaft und umgekehrt. Aus Sicht der Grünen lässt sich das Ergebnis der Befragung auf einen Satz verdichten. „Es gibt noch wahnsinnig viel zu tun.“

Diese Einschätzung teilt die Gleichstellungsstelle. Besonders, weil fast 30 Prozent der befragten Frauen der Meinung sind, dass die Stadt München geschlechtsspezifische Benachteiligung nicht konsequent bekämpft. „Das sollte uns Auftrag und Ansporn sein, diesen Aspekt weiter beharrlich zu verfolgen“, so das Fazit der Befragung.

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