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Bühnenprofi: Gloria Gray, hier im Schlachthof, ist seit 30 Jahren als Schauspielerin, Sängerin und Comedian erfolgreich.

Interview mit Gloria Gray

„Trauen Sie sich mal, anders zu sein!“

München - Entertainerin Gloria Gray spricht im Merkur-Interview über ihr früheres Leben im Körper eines Mannes – und den schwierigen Weg zu ihrem wahren Ich.

Wespentaille, blonde Mähne, Beine bis zum Hals: Gloria Gray sieht aus wie Barbie. Dabei wurde die Schauspielerin und Entertainerin 1965 im niederbayerischen Zwiesel als Bub geboren (ihren Geburtsnamen verrät sie nicht). Seit einer Geschlechtsangleichung, die Operationen und Hormonbehandlungen umfasst, ist Gray das, was sie immer sein wollte – eine Frau. Und was für eine! Joseph Vilsmaier verpflichtete sie für seinen Film „Marlene“ als 30er-Jahre-Sexsymbol Mae West. Im spanischen Fernsehen ist sie regelmäßig als Moderatorin und Jurorin zu sehen. Heuer geht sie mit ihrer Jubiläums-Show „Glanz und Gloria“ auf Tournee – und kommt damit am 26. März in den Schlachthof. Wir sprachen mit ihr über Botox, ihr früheres Leben im falschen Körper – und darüber, was es bedeutet, anders zu sein.

Frau Gray, Sie haben gerade Ihren 50. Geburtstag gefeiert . . .

Ich? (Gloria Gray dreht sich um und schaut, ob jemand hinter ihr steht, der gemeint sein könnte.)

Zugegeben, Sie sehen viel jünger aus. Aber trotzdem: Wie gehen Sie mit dem Älterwerden um?

(überlegt). Ich fühle mich nicht wie 50. Ich kann es selbst nicht glauben, dass ich schon so alt sein soll. Aber so geht es wohl den meisten. Würde man einen 70- oder 80-Jährigen auf sein Alter ansprechen, würde er wohl auch sagen: Das gibt’s doch nicht! Man fühlt sich ziemlich lange jung. Von der Seele her.

Aber der Körper altert.

Teile von mir sind 50, jawoll!

Und andere jünger?

Natürlich! Die Zähne zum Beispiel. Das gleiche gilt für künstliche Fingernägel. Oder fürs Haarefärben. Ich könnte jetzt auch grauhaarig vor Ihnen sitzen.

Haben Sie schon mal Botox spritzen lassen?

Ja, und zwar unter den Achseln. Weil ich auf der Bühne sehr schnell schwitze. Aber im Gesicht noch nicht. Allerdings würde ich es – wenn nötig – machen lassen. Da habe ich keine Hemmungen.

Sie stehen seit 30 Jahren auf der Bühne. Wie kam es, dass Sie – im Bayerischen Wald in eine bodenständige Wirts- und Metzgersfamilie hineingeboren – die unkonventionelle Laufbahn einer Künstlerin einschlugen?

Weil ich es wollte. Schon als Kind wusste ich, dass ich Künstlerin werden würde, obwohl die Voraussetzungen nicht gut waren. Einmal habe ich zu meiner Mutter gesagt, dass ich gern Gesangsunterricht nehmen würde. Es hieß: „Wos? Sei froh, dass’d gsund bist!“ Für die Kunst hatte man auf dem Land nichts übrig. Da musste man arbeiten. Also bin ich mit 18 nach München gezogen. Um mich zu leben. Beruflich und privat.

Sie wurden als männliches Baby geboren. Wann bemerkten Sie, dass Sie im falschen Körper sind?

Schon immer, so weit ich zurückfühlen kann. Es gibt ein Foto, auf dem ich im Alter von vier Jahren auf einem Schaukelpferd sitze. Ich trage eine blonde Langhaarperücke, die ich mir zu Weihnachten gewünscht und auch bekommen habe. Mit vier Jahren! Daran sieht man, wie lange ich schon den Wunsch hatte, weiblich zu sein.

Konnten Sie sich Ihren Eltern anvertrauen?

Um Gottes Willen, nein! Undenkbar! Zu der Zeit, in der Region. Ich hätte auch gar nicht gewusst, wie ich das beim Namen nennen sollte. Ich hatte kein Wort dafür. Ich hätte ihnen sagen können, wie ich mich fühle. Aber eher hätte ich mir die Zunge abgeschnitten. Denn es gab ja Kinder, die gespürt haben, dass ich anders bin. Die haben mich mit Steinen beschmissen und beschimpft. Ein Mitschüler wollte mich sogar abstechen. Er ist im Kochunterricht mit dem Messer auf mich los und hat gesagt: „Ich stech’ dich ab, du schwule Sau!“. Ich hatte Angst, meine Mutter könnte sich was antun, aus lauter Schand und Schmach, weil ihr Kind nicht der Norm entspricht. Wobei ich gute Eltern hatte. Aber trauen Sie sich mal, Ende der 60er anders zu sein! Trauen Sie sich heute mal, anders zu sein! Man muss das ja erstmal aushalten. Ganz ehrlich, ich bin froh, dass ich noch lebe. Ich kenne Leute, die sich umgebracht oder in den Alkohol geflüchtet haben.

Später haben Sie sich ihren Eltern gegenüber dann doch geoutet.

Ich habe mich zuerst meiner sechs Jahre älteren Schwester anvertraut, die damals schon in den USA lebte. Sie dachte immer, ich sei homosexuell. Ich habe ihr dann erklärt, dass es das nicht ist. Sie war schon immer tolerant. Sie hat mir ihre Klamotten geliehen und ist mit mir in einschlägige Lokale nach Montreal in Kanada gefahren. Dann habe ich es meinem Onkel gesagt und ihn gebeten, meine Mutter darauf vorzubereiten. Ich wollte sie mit dem Thema nicht überfallen.

Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Total anders als befürchtet. Sie haben gesagt: Egal, was mit dir ist, du bist unser Kind. Sie waren sogar froh, dass es nur das ist. Denn sie dachten, ich hätte den Kontakt zu ihnen abgebrochen, weil ich kriminell geworden oder in die Drogenszene gerutscht sei.

Woran merkten Sie, dass sie nicht schwul sind, sondern eine heterosexuelle Frau im falschen Körper?

Wenn man schwul ist, muss man an seinem Körper nichts ändern. In meinem Fall ging es nicht um Sexualität, es ging um Identität.

Haben Sie Ihre ersten sexuellen Erfahrungen als Mann oder als Frau gemacht?

Die ersten 18 Jahre habe ich gar keine sexuellen Erfahrungen gemacht. Später habe ich es in der schwulen Szene ausprobiert. Aber ich habe gleich gemerkt: Das geht nicht. Das bin ich nicht. Mein Körper ist damals nicht mein Körper gewesen. Ein schwuler Mann steht ja auf einen Mann. Aber ich wollte einen Mann, der auf Frauen steht. Das war wichtig für mein Selbstwertgefühl.

Wann haben Sie beschlossen, eine Geschlechtsangleichung vornehmen zu lassen?

Man kann nicht einfach sagen, ich möchte das jetzt machen. Man braucht Vorbereitungen. Ich habe Psychologen besucht, den Hausarzt, den Endokrinologen. In Deutschland gibt es einen Alltagstest. Man muss die Person, die man ist, wirklich leben. Einkaufen gehen, arbeiten und so weiter. Um sicherzugehen, dass es nicht nur eine Phase ist. Zwei Jahre lang steht man unter psychologischer Beobachtung, braucht verschiedene Gutachten. Ich habe in dieser Zeit als Friseurin gearbeitet. Bei New Hair an der Sendlinger Straße. Ich hatte ja in Zwiesel eine Friseurausbildung gemacht. Meine Kollegen waren Gottseidank tolerant. Friseure sind ja ein bunteres, verrücktes Völkchen.

Zur Geschlechtsangleichung gehören nicht nur Operationen, sondern auch eine Hormonbehandlung? Welche Nebenwirkungen hat die?

Depressionen, Gewichtszunahme, Krampfadern. Und Zellulitis! Ich nehme die Hormone heute noch. Regelmäßig gehe ich zum Endokrinologen, der meinen Hormonspiegel überprüft.

Was empfanden Sie, als die Geschlechtsangleichung abgeschlossen war?

Bei der ersten Untersuchung nach der letzten Operation wurde der Verband gewechselt. Der Arzt verließ kurz den Raum, weil er etwas holen musste. Ich habe mich dann zum ersten Mal nackt gesehen. Ich habe gelacht, tief aus dem Bauch heraus. So habe ich noch nie zuvor gelacht. Es war schon fast ein Brüllen. Es war ein Ballast abwerfen. Erleichterung. Freude.

2010 kehrten Sie nach Zwiesel zurück. Warum?

Wegen der Eltern, die beide schwerkrank wurden. Mama ist mittlerweile gestorben, sie hatte Darmkrebs. Ich wollte für beide da sein, und das ständige Hin und Her war nicht mehr tragbar. Ich dachte, wenn ich da jetzt schon hingehe, dann baue ich mir etwas auf. Ich habe das Café Gloria samt Kleinkunstbühne eröffnet. Das hat bombig eingeschlagen.

Wie reagierten Ihre ehemaligen Mitschüler, die Sie einst mobbten?

Unterschiedlich. Mittlerweile kommen viele in meine Shows. Einige sind sogar stolz, dass ich Zwieselerin bin.

Hat sich jemals einer von ihnen entschuldigt?

(überlegt). Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich erwarte das auch nicht. Sie waren damals noch Kinder, Jugendliche. Sie wussten es nicht besser.

Wie reagieren Männer, wenn sie erfahren, dass die attraktive Blondine früher ein Mann war?

Unterschiedlich. Inzwischen weiß es ja fast jeder. Es gibt Männer, die trotzdem Interesse haben, für die das kein Problem ist. Aber es gibt auch solche, die Interesse haben, aber nicht möchten, dass das Umfeld das mitkriegt. Verstehen’S? Nur Treffen unter vier Augen, bitte sehr! Ich mag das nicht. Wenn jemand Interesse hat, dann bitteschön 24 Stunden und überall. Und nicht, sich dafür genieren.

In Ihrer aktuellen Show „Glanz und Gloria“ thematisieren Sie zum ersten Mal auch Autobiographisches. Warum?

Es ist tatsächlich meine persönlichste Show. In ihr geht es um das Anderssein. Viele Leute, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich, schreiben mir. Oft leiden sie sehr darunter – und das 2016! Ich kann ihnen natürlich kein Rezept geben. Aber ich denke, dass die Menschen durch mich aufgeschlossener und toleranter werden können für das Andere. Ich möchte aufklären.

2006 wollten Sie ihren Lebensgefährten in der Asamkirche heiraten. Aber die Kirche sagte die bereits anberaumte Hochzeit wieder ab. Warum?

Ich war damals persönlich in der Sakristei der Asamkirche und habe das mit einer Ordensschwester besprochen. Sie hat die Daten aufgenommen, bald darauf bekam ich eine Terminbestätigung. Ein paar Wochen später erzählte ich auf einem Event einer Journalistin, dass ich in der Asamkirche heiraten werde. Die Zeitung titelte daraufhin: Gloria Gray heiratet in der Asamkirche. Das wurde dann umgehend vom Erzbischöflichen Ordinariat dementiert. Ich würde lügen! Dabei hatte ich alles schriftlich. Die Begründung war, dass ich keine Kinder kriegen und daher keine Familie gründen könne. Dabei hatte meine Freundin Angelique, die wie ich eine Geschlechtsangleichung hatte, schon in den 80er-Jahren in Moosburg kirchlich geheiratet. Der Pfarrer, der sie als Bub getauft hat, hat sie später als Frau verheiratet. Und 2006, unter Papst Benedikt, machte die Kirche plötzlich diesen Rückschritt.

Warum wollten Sie kirchlich heiraten?

Ich war damals verliebt. Außerdem bin ich gläubig und war damals noch in der Kirche. Ich dachte, was für andere gilt, sollte auch für mich gelten.

Haben Sie standesamtlich geheiratet?

Nein. Wir sind nicht mehr zusammen. Ich bin schon seit sechs Jahren Single – und das gerne. Für die Frau, die ich bin, für die Künstlerin, die ich bin, stehen Freiheit und Unabhängigkeit an erster Stelle. Ich müsste mich sonst nach jemandem richten, und das will ich nicht mehr. Ich bin mein eigener Mann. Alles, was der könnte, kann ich selber auch.

Interview: Bettina Stuhlweißenburg

Gloria Grays Show

„Glanz und Gloria“ am 26. März im Schlachthof ist eine Revue mit Sticheleien, Songs und Anekdoten, die mit schwarzem Humor von ihren Erfahrungen im Showgeschäft sowie vom Anderssein erzählen. Grays Autobiographie „Mit allem, was ich bin“ ist im Nymphenburger Verlag erschienen.

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