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Mit menschenverachtender Propaganda werteten die Nazis psychisch kranke Menschen ab.

Massenmord getarnt als "Gnadentod"

Sonderausstellung im NS-Dokuzentrum zum Thema "Euthanasie"

München - Die Nazi-Euthanasie und die Geheim-Aktion „T 4“ sind Thema einer Sonderausstellung im NS-Dokuzentrum, die die systematischen Verbrechen der Nationalsozialisten zeigt.

„Euthanasie“ – schöner Tod – hieß das systematische Staatsverbrechen der Nationalsozialisten, bei dem etwa 300 000 kranke und behinderte Menschen grausam umgebracht wurden: in Gaskammern, in sogenannten Hungerhäusern, in sogenannten Kinderfachabteilungen von Heilanstalten. Unter dem Titel „Erfasst, verfolgt, vernichtet“ thematisiert das NS-Dokumentationszentrum diese Verbrechen und ihre Opfer von morgen bis 26. Juni in einer Sonderausstellung.

Propagandistisch vorbereitet wurden die Gräuel bereits vor dem Krieg. Der Schreiber dieser Zeilen – Jahrgang 1928 – erinnert sich, dass ihm in der Schule eine mit Bildern und Filmen illustrierte Abwertung dieser Menschen aufgedrängt wurde. Die Aktion selbst begann mit einem Führererlass vom Oktober 1939. Sie war streng geheim und hatte die Tarnbezeichnung „T 4“, die sich auf die Bürozentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4 bezog. Offiziell sprach man von „Gnadentod“ und missbrauchte das griechische Wort „Euthanasie“.

In Wahrheit handelte es sich um Massenmord. Schon am 1. November 1939 erbot sich der Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, Hermann Pfannmüller, in einem Brief an die Regierung von Oberbayern, „dass wir Ärzte hinsichtlich ärztlicher Betreuung lebensunwerten Lebens auch die letzte Konsequenz im Sinne der Ausmerze ziehen“. Der auch als fanatischer NS-Gauredner auftretende Mediziner fühlte sich einfach „verpflichtet, wirkliche Sparmaßnahmen aufzuzeigen“.

Ein wahllos gesetztes rotes Kreuz bedeutete den Tod

Am 18. Januar 1940 verließ auf einem eigens und eilig verlegten Versorgungsgleis ein Zug der Reichsbahn den Münchner Vorort Haar. Er transportierte 25 psychisch kranke oder geistig behinderte Männer nach Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, wo die Nazis eine geheime Tötungsanstalt eingerichtet hatten.

Die Aktion verlief ebenso bürokratisch wie später der Massenmord an den Juden, als dessen Probelauf sie von Historikern bewertet wird. Auf Meldebogen mussten die Anstaltsleiter zunächst alle Pfleglinge mit „Erbkrankheiten“ registrieren, darüber hinaus auch Alkoholabhängige und „Schwachsinnige“. Der Euthanasie-Propagandist Pfannmüller traf die fatale Entscheidung. Nach Gutdünken und Gesinnung malte er ein rotes Kreuz auf den Meldebogen. Das bedeutete den Abtransport in die für den „Gnadentod“ vorgesehenen Zentren – und in der Regel den Tod. Behinderte mit „eingeschränkter Arbeitsleistung“ und nicht arische Patienten hatten von vornherein keine Überlebenschance.

Auf diese Weise wurden nachweislich über 2400 Pfleglinge von oder über Haar deportiert. Der Tod durch Ersticken erfolgte in der Regel durch Kohlenmonoxyd. Die Leichen wurden verbrannt, den Angehörigen wurde Ableben durch Lungenentzündung und dergleichen vorgegaukelt. Insgesamt zählen mindestens 3000 Bürger der Stadt München zu den Opfern der Euthanasie.

Haar als Drehscheibe für Deportationen

Haar diente zudem als Drehscheibe. Professor Walther Schultze und Regierungsrat Max Gaum vom Bayerischen Innenministerium organisierten die Verlegung eines Großteils der Bewohner der kirchlichen Heilerziehungs- und Pflegeheime. Über 500 Pfleglinge wurden allein aus Schönbrunn im Dachauer Moos abtransportiert, nur 293 überlebten.

In der „Associationsanstalt“ einer klösterlichen Tuberkuloseklinik waren behinderte Kinder untergebracht. Meist fuhren die Abholer mit geisterhaft „grauen Bussen“ vor, wenn die Franziskanerinnen beim Frühgebet waren. Manchmal rissen sich Kinder los und klammerten sich in Todesangst an ihre Betreuerinnen, wie eine von ihnen später noch schaudernd berichtete. Der Anstaltsseelsorger Josef R. soll die Vorgänge an Kardinal Faulhaber gemeldet haben – von einer Reaktion wurde nichts bekannt. Die Korrespondenz mit dem Erzbischöflichen Ordinariat war nach dem Krieg in Schönbrunn verschwunden.

Bekannt wurde indes eine mutige Predigt des Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen, gegen den staatlich befohlenen „Gnadentod“. Es gab Unruhe im Volk. Daraufhin stoppte Hitler am 24. August 1941 die Aktion T4“. Offiziell. Doch das Morden ging weiter – dezentral, heimlich, heimtückisch.

Im Herbst wurden „Kinderfachabteilungen“ in Eglfing-Haar eingerichtet; hier wurden 330 Kinder und Jugendliche ermordet, meist durch hohe Dosen Luminal in Breiform. Auf einer Konferenz im Münchner Innenministerium am 17. November 1942 erfand und empfahl der Direktor der Anstalt Kaufbeuren eine fürchterliche Methode: „Wir geben ihnen kein Fett, dann gehen sie von selbst.“ In abscheulicher Logik wurden nun in Eglfing-Haar zwei Pavillons in „Hungerhäuser“ umfunktioniert. In diesen Häusern kamen weitere 440 Menschen ums Leben.

Allein Anstaltsleiter Pfannmüller soll in Haar 1119 „Geisteskranke“ als lebensunwert beurteilt und Tausende von weiteren Tötungen empfohlen haben; vielen Kindern in den „Fachabteilungen“ gab er selber die Morphinspritze. Er wurde 1961 vom Schwurgericht München zu fünf Jahren Haft verurteilt, doch war die Strafe großteils durch Internierung und Untersuchungshaft abgegolten. Der Mann starb zehn Jahre später.

Einer der Ärzte machte später steil Karriere in der CSU

Nachweislich neun Kranke hat der in Schönbrunn tätige TBC-Arzt Hans-Joachim Sewering mit Diagnosen wie „Unruhe“ oder „störendes Verhalten“ nach Haar geschickt, vier der Frauen wurden umgebracht. Nach dem Krieg machte Sewering – Mitglied der SS und NSDAP, später der CSU – eine steile Karriere: Leiter eines Fachkrankenhauses in Dachau, Honorarprofessor für Sozialmedizin, Mitglied des Bayerischen Senats, Präsident der Bundesärztekammer. Erst als er 1973 gar noch Präsident des Weltärzteverbandes werden wollte, kam seine Verstrickung in die NS-Gräuel ans Licht. Dennoch rühmte der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, im Juli 2010 den Verstorbenen, er habe sich um den „Erhalt eines freiheitlichen Gesundheitswesens“ und um die „Wahrung ethischer Normen“ verdient gemacht.

Josef Steininger, der Direktor der Kloster-Anstalt Schönbrunn, an deren Kirche heute eine kleine Tafel an das Geschehene erinnert, hat sich nach dem Krieg sogar als Widerstandskämpfer gebärdet. Er habe, behauptete Steininger, die Einrichtung des Ordens dem Zugriff der Nationalsozialisten entzogen. Erst 2010 konnte nachgewiesen werden, dass der hoch geehrte Geistliche, der 1965 als Hausprälat des Vatikan verstorben war, mit der Tötungsaktion der Nazis unmittelbar verbunden war, ja, dass er zuvor schon bei der Zwangssterilisation von geistig Behinderten eifrig mitgemacht hatte.

Jahrzehntelanges Schweigen - keine Entschädigung von Zwangssterilisierten

Jahrzehntelang habe weder die Stimme der Überlebenden noch die der Angehörigen Gehör gefunden, in der Öffentlichkeit wie in der Psychiatrie sei über das Geschehen geschwiegen worden, sagt Professor Gerrit Hohendorf vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Technischen Universität München. Er beklagt, dass auch den zwangssterilisierten Menschen eine angemessene Entschädigung bislang verwehrt werde. Viele verzichteten von vornherein – aus Scham.

Neu und noch nachträglich erschreckend ist die Erkenntnis der Medizinhistoriker, dass sich im Verlauf des Krieges das Programm der „Euthanasie“ immer mehr ausgeweitet hat: Nach den kranken „nutzlosen Essern“ sollten Fürsorgezöglinge, Insassen von Arbeitshäusern, körperlich und psychisch erkrankte Zwangsarbeiter und sogar Menschen, die der Bombenkrieg seelisch zermürbt hatte, in Sammellager kommen – die letzte Station vor dem „Gnadentod“.

Vieles ist da noch zu klären. Seit Jahren arbeiten Forscher an der Aufhellung dieses dunklen Kapitels. Im Auftrag des neuen NS-Dokumentationszentrums am Königsplatz will man jetzt mehr als 2000 Betroffene, die namentlich bekannt sind, in einem Gedenkbuch aufführen und ihnen somit endlich, neben anderen Opfergruppen, Platz verschaffen in der Münchner Erinnerungskultur.

Das Buch zum Artikel
„Außenseiter in München. Vom Umgang der Stadtgesellschaft mit ihren Randgruppen“ ist im Pustet-Verlag erschienen.

Karl Stankiewitz

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