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Kurz vor der Paul-Heyse-Unterführung passierte der Unfall. Nicole Benz meidet seitdem diesen Weg. Für das Bild kam sie an die Stelle zurück.

Schwere psychische und finanzielle Folgen

Die große Ohnmacht: Ein Unfallflucht-Opfer erzählt

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München - Jeder vierte Unfallverursacher begeht Unfallflucht. Für die oft schwer verletzten Opfer ist das eine Katastrophe. Sie müssen mit den Folgen alleine klarkommen – psychisch und finanziell. So wie Nicole Benz, die von einem Radler angefahren wurde. Bis heute lässt sie das Erlebte nicht los.

Immer wieder ist Nicole Benz im Rollstuhl auf den Gehweg vor der Klinik gefahren. Dort blieb sie stehen, fixierte vorbeikommende Radfahrer mit Kinderanhängern. „Ich habe gehofft, dass ich meinen Unfall dadurch ein bisschen mehr rekonstruieren kann“, sagt die 45-Jährige. In ihrer Erinnerung sieht sie immer nur einen Mann auf einem Fahrrad. Er trägt eine schwarze Jacke mit roten Elementen, zieht einen Kinderanhänger hinter sich her. „Die Ohnmacht ist unfassbar groß. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass er weitergeradelt ist und ich mit allem alleine dastand.“

"Ich dachte ich werde ohnmächtig vor Schmerz"

Es ist der 14. April, ein Dienstag, an dem sich das Leben von Nicole Benz komplett ändert. „Es war ein milder Tag, gutes Fahrradwetter“, erinnert sich die sportliche Münchnerin. Gegen 17.55 Uhr wartet sie mit ihrem Fahrrad an der Paul-Heyse-Straße, Ecke Bayerstraße, darauf, dass die Ampel auf Grün springt. Als sie schon auf der anderen Seite ist, merkt sie, wie sie von hinten jemand überholt. „An dieser Stelle verengt sich der Fahrradweg“, erinnert sich Benz. Plötzlich spürt sie Panik, denkt: „Oh Gott, da kommt noch mehr“. Ein Rad eines Kinder-Anhängers verfängt sich in ihrem Vorderrad. Nicole Benz stürzt. Sie hat höllische Schmerzen, schließt die Augen – blinzelt aber noch kurz und sieht, wie der Verursacher wegfährt. „Da war sofort dieses unfassbare Gefühl, wie er mir das antun kann“, erzählt sie. „Dann dachte ich, ich werde ohnmächtig vor Schmerz.“

Nicole Benz wird in eine Klinik eingeliefert. Sie denkt, sie übersteht die Fahrt im Krankenwagen nicht. So groß sind die Schmerzen. In der Klinik stellt sich heraus, dass ihr Schienbein auf einer Länge von etwa 25 Zentimetern von oben nach unten gespalten ist. Zudem sind ihr Kreuzband und zwei von drei Außenbändern gerissen.

Die 45-Jährige muss operiert werden, eine Platte mit acht Schrauben wird ins linke Bein eingesetzt. Zehn Tage liegt Nicole Benz im Krankenhaus. Dann zieht sie vorübergehend zu ihrem Freund. „Ich konnte alleine ja nicht mal eine Tasse Tee ins Wohnzimmer tragen“, sagt sie. Alle vier Wochen muss sie ins Krankenhaus, vier mal pro Woche zur Krankengymnastik. Fast vier Monate ist Nicole Benz krankgeschrieben. Immer noch auf Krücken macht sie eine Wiedereingliederung in der Arbeit. Benz leitet eine kleine Firma, die Bildungsfonds an Studenten vergibt. Als Geschäftsführerin muss sie präsent sein.

"Ich würde das Kapitel gerne abschließen"

Zehn Tage liegt Nicole Benz im Krankenhaus. Ihr Schienbein war gespalten.

Auch ein Dreivierteljahr nach dem Unfall hat Nicole Benz noch Probleme – nicht nur körperliche, auch psychische. „Ich habe viel geweint, hatte wegen Kleinigkeiten einen Nervenzusammenbruch“, sagt sie. Und bekommt feuchte Augen. Neulich fuhr sie mit dem Bus an der Unfallstelle vorbei. „Das hat mich ganz schön mitgenommen“, sagt Benz. Mit dem Fahrrad kann sie immer noch nicht durch die Paul-Heyse-Unterführung fahren. „Die Frage, warum der Mann einfach weitergefahren ist, treibt mich um. Ich würde das Kapitel gerne abschließen, aber ich kann es noch nicht.“ Auch ihr Fuß schmerzt immer wieder. Nächstes Jahr muss sie noch mal operiert werden. Die Platten und Schrauben müssen entfernt werden.

Die Chance, dass der flüchtige Radfahrer noch gefunden wird, ist verschwindend gering. „Ich kann das nicht verstehen. Wenn man an einem Unfall beteiligt ist, hält man doch an“, sagt Benz. „Es hat doch so gut wie jeder eine Haftpflichtversicherung. Die bezahlt doch alles.“

Weil die 45-Jährige auf dem Heimweg von der Arbeit noch mit einem Freund zum Schwimmen im Dantebad verabredet war und nicht direkt nach Hause wollte, ist der Unfall kein Arbeitsunfall. Damit kommt die Berufsgenossenschaft nicht für den Unfall auf. Nicole Benz’ gesetzliche Krankenkasse zahlte die Operation und sechs Wochen lang den Arbeitsausfall, danach nur noch 60 Prozent. „20 Prozent der Physiotherapie musste ich selbst zahlen“, erzählt Benz.

Ums Finanzielle muss sie sich selbst kümmern

Da die 45-Jährige ihren Unfallgegner nicht kennt, muss sie sich selbst ums Finanzielle kümmern. „Die Haftpflicht des Anderen hätte eigentlich die Lohnfortzahlung übernommen, zudem wäre mir Schmerzensgeld zugestanden.“ Wie viel Geld sie die Unfallflucht gekostet hat, hat sich Benz nie ausgerechnet. „Zu frustrierend“, sagt sie. Da sie es selbst hätte zahlen müssen, hat sie auf einen Reha-Aufenthalt ganz verzichtet.

Das Schicksal, das Nicole Benz getroffen hat, ist nicht selten. Allein im Jahr 2014 registrierte die Polizei 12 870 Unfallfluchten in Stadt und Landkreis. 565 dieser Unfälle waren mit „Personenschaden“, 641 Menschen verletzten sich. „Wir unterscheiden zwischen personenbezogener Aufklärungsquote und Fällen, in denen wir das Fahrzeug ermitteln konnten“, erklärt Kurt Sponna, Vize-Chef der Fluchtfahndung. Wird der Wagen gefunden, habe ein Unfallbeteiligter einen Ansprechpartner für die Schadensregulierung. Der Fahrzeug-Halter müsse aber nicht zwangsläufig der Unfallverursacher sein, so Sponna. 2014 hat die Fluchtfahndung in 47 Prozent der Fälle den Fluchtwagen gefunden. Die personenbezogene Aufklärungsquote liegt laut Sponna bei 38 Prozent.

Um bei Unfallflucht nicht auf den Kosten sitzen zu bleiben, rät Susanne Arndt vom Verbraucherservice Bayern, darauf zu achten, dass bei der eigenen Haftpflichtversicherung eine sogenannte „Forderungsausfalldeckung“ enthalten ist. „Eine eigene Haftpflicht ist sowieso das A und O“, erklärt die Expertin. Das Problem stelle sich nämlich auch, wenn der Unfallgegner mittellos ist. Sinnvoll sei, seine Haftplichtversicherung alle zehn Jahre zu erneuern. „Die Risiken ändern sich auch im Laufe der Jahre.“

Ist der Flüchtige ein Autofahrer, kann das Opfer unter bestimmten Voraussetzungen auf den Entschädigungsfonds der Verkehrsopferhilfe zugreifen, der die schlimmsten Folgen abmildert und auch bei unversicherten Fahrzeugen Entschädigung leisten.

In Nicole Benz’ Haftpflichtversicherung war keine Forderungsausfalldeckung enthalten. Nach dem Unfall geht sie anders durchs Leben, bewusster. Zum Beispiel fährt sie nie mehr ohne Fahrradhelm. Mit ihrer Geschichte will Nicole Benz aufrütteln. „Für mich wäre es hilfreich gewesen, wenn derjenige, der den Unfall verursacht hat, sich das Ausmaß seines Verhaltens bewusst gemacht hätte“, sagt sie. „Mir bringt es nichts mehr. Aber vielleicht kann ich erreichen, dass manch einer die Verantwortung übernimmt und nicht einfach abhaut.“

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