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Heikle Situation (li.): Der Radweg mündet auf die Rosenheimer Straße. Hier starb im Dezember eine junge Frau. Es wird eng (re.): An der Lindwurmstraße müssen sich Radler die Fahrbahn mancherorts – wie an dieser Unterführung – mit Fußgängern teilen.

Grüne: Radloffensive geht viel zu langsam

München - München nennt sich gern die Radlhauptstadt. Trotzdem: Der Ausbau des Radwegenetzes geht zu langsam voran – monieren die Grünen.

Ausgerechnet Gefahrenstellen würden nicht entschärft. Aus Angst vor den Autofahrern und der Kommunalwahl 2014?

Es geschah erst vor einigen Wochen – am 5. Dezember. Gegen 9 Uhr morgens radelt eine junge Frau stadtauswärts auf der Rosenheimer Straße. Auf Höhe der Balanstraße wird die 23-Jährige von hinten von einem Lastwagen erfasst und tödlich verletzt. Dort, wo der Radweg endet und die junge Frau auf die Fahrbahn einschwenken muss.

Vielleicht hätte der Tod der Frau verhindert werden können. Knapp ein Jahr vor dem Unfall hatten die Rathaus-Grünen nach einem anderen tödlichen Unfall gefordert, die Sicherheit für Radler und Fußgänger an der Rosenheimer Straße zu verbessern und die Verkehrsberuhigung „zügig“ umzusetzen. Vergebens.

Sabine Nallinger, Grünen-Stadträtin und OB-Bewerberin ihrer Partei, hadert mittlerweile mit der Stadtverwaltung. „Uns geht das viel zu langsam“, sagt sie. Schließlich ist es ihre Partei, die sich für den Radverkehr stark macht und die dessen Förderung 2008 im Koalitionsvertrag mit der SPD verankert hat. Knapp vier Jahre später macht sich bei den Ökos Ernüchterung breit. „Wir hatten gedacht, dass wir bis 2014 mehr umgesetzt kriegen“, räumt Nallinger ein, um dann nachzulegen: „Es fehlt der politische Wille.“ Auch die SPD forciere den Ausbau des Radwegenetzes nicht besonders.

Im Kern geht es Nallinger um zwei Straßen: die Rosenheimer und die Lindwurmstraße. Sie gelten als besonders gefährlich – und politisch brisant. Denn an ihnen entscheidet sich eine Grundsatzfrage der kommunalen Verkehrspolitik: Nimmt man Autofahrern Platz weg, um ihn den Radfahrern zu geben? Bürgermeister Hep Monatzeder (Grüne), der den Ausbau des Radwegenetzes zur Chefsache gemacht hat, jedenfalls meint, der Ausbau dauere auch deshalb so lange, weil der Mut fehle, dem Radverkehr mehr Platz zu geben. „Man hat Angst, dass die Autofahrer wild werden.“

Die Spannung zwischen Rad- und Autoverkehr dürfte sich in den nächsten Jahren ohnehin noch verschärfen. Von 2002 bis 2011 nämlich stieg der Anteil des Radverkehrs von 10 auf 17,4 Prozent. Verkehrsplaner prognostizieren, dass der Wert in zehn Jahren gar auf 25 Prozent klettert. Weil dies „unerfreuliche Konsequenzen für die Verkehrssicherheit“ mit sich bringe, mahnte das Kreisverwaltungsreferat unlängst, müssten „in allererster Linie deutlich verstärkte Anstrengungen zum Ausbau der Infrastruktur für den Radverkehr“ unternommen werden.

Manches ist schon geschehen. Auf der Maximilianstraße gibt es mittlerweile eine Radspur, für die Kapuzinerstraße läuft die Planung. Eigentlich, meint Katja Strohhäker, hätte man ja auch die zwei „Leuchtturmprojekte“ – Rosenheimer und Lindwurmstraße – schon gemacht haben wollen. Sie seien aber „unglaublich schwierig“ zu realisieren, meint die Sprecherin des Planungsreferats. Die Verkehrsmengen seien groß, der Straßenraum begrenzt. Sobald als möglich werde man dem Stadtrat Vorschläge unterbreiten. Wann, das lässt Strohhäker offen. Eines aber sei sicher: „Es wird eine politische Diskussion geben.“

Traudl Schröder, Sprecherin des ADFC München, ist gespannt. „Hier wird sich zeigen, wie ernst man es meint mit der Radlhauptstadt“, sagt sie. Und Grünen-Stadträtin Sabine Nallinger? Die will ihrerseits gehört haben, dass vor der Kommunalwahl 2014 an einen Umbau der Rosenheimer und der Lindwurmstraße für Radler nicht gedacht sei. „Mit normalen Planungszeiträumen hat das alles nichts mehr zu tun“, sagt Nallinger. Vielleicht aber damit, dass Autofahrer auch Wähler sind.

Matthias Kristlbauer

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