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Die „Sitzende Frau“ von Henri Matisse.

Neue Entdeckung

Gurlitt: Noch ein Überraschungs-Schatz

Salzburg/München - Überraschende Entdeckung in Österreich: Im Salzburger Haus von Cornelius Gurlitt befanden sich mehr Kunstwerke als bislang angenommen.

Salzburg, Stadtteil Aigen: Hier leben die Bewohner in Villen mit gepflegten Gärten, nicht wenige haben einen Pool. Das Haus an der Carl-Storch-Straße 9 ist eine Ausnahme. Der Putz ist bräunlich, die Fenstergitter verrostet, die Sträucher rundherum hat schon lange niemand mehr zugeschnitten – zum Ärger mancher penibler Nachbarn, die sich darüber sogar bei der Stadtverwaltung beschwerten.

Das Haus gehört Cornelius Gurlitt, dem Kunstsammler aus Schwabing. Hier hat er gewohnt, auch hier hat er seine Schätze aufbewahrt. Und zwar in einem deutlich größeren Umfang als bislang angenommen. Das teilte Gurlitts Sprecher Stephan Holzinger gestern Abend auf Nachfrage mit. Er vertritt den 81-jährigen Gurlitt, der sich noch immer von einer schweren Operation erholt.

Der Sammler steht seit Weihnachten unter gesetzlicher Betreuung – sein Betreuer, der Münchner Anwalt Christoph Edel, hatte Holzinger und zwei weitere Juristen engagiert. Mit Gurlitts Zustimmung besichtigten sie am 10. Februar das Haus in Salzburg. Zunächst sicherten sie gut 60 Exponate, darunter Ölgemälde von Picasso, Monet, Manet und Renoir. Ihr kunsthistorischer Wert, so heißt es, übertrifft den der Schwabinger Bilder weit. Weil Gurlitts Adresse durch die Medien geisterte, waren die Kunstwerke in dem unbewohnten und ungesicherten Haus nicht mehr geschützt vor Einbrechern und Dieben – sie wurden abtransportiert, an einen geheimen Ort.

Zwei Wochen später dann die Überraschung: Die Anwälte durchsuchten das zweistöckige Haus erneut, ließen „sperrige und unbrauchbare Gegenstände“ entfernen, so Holzinger. Bei dieser Entrümpelungsaktion seien „zahlreiche weitere Kunstgegenstände in einem zuvor nicht zugänglichen Teil des alten Hauses gefunden“ worden – nähere Angaben machte er gestern Abend nicht. Auch diese seien inzwischen in das Lager gebracht worden.

Insgesamt umfasst die Salzburger Gurlitt-Sammlung also 238 Kunstgegenstände. Darunter sind 39 Ölgemälde, sieben Werke stammen vom bereits 1897 verstorbenen Landschaftsmaler Louis Gurlitt, dem Großvater von Cornelius Gurlitt. Unter den weiteren Künstlern der Ölgemälde und Aquarelle befinden sich Namen wie Monet, Corot, Renoir, Manet, Courbet, Pissaro, Gauguin, Toulouse-Lautrec, Liebermann, Cézanne und Nolde. Große Namen. Und bemerkenswerte Kunstwerke.

Die „Waterloo Bridge“ in London, die Claude Monet 1903 mehrfach malte, gilt als Zeugnis des historischen Umbruchs in der Moderne, der Industrialisierung, der Massenproduktion. Über die Brücke hetzen Menschen, im Hintergrund wabern Rauchschwaden aus Fabrikschornsteinen. Das „Porträt von Monsieur Jean Journet“ von Gustave Courbet, ein Ölgemälde auf Leinwand, dürfte ebenfalls eine kleine Sensation sein: Zumindest schrieb der Kunsthistoriker und ehemalige Direktor der Hamburger Kunsthalle Werner Hofmann 2010 in einem Buch, dass Courbets Porträt von Jean Journet bislang nur in einer Litographie überliefert sei.

Der mit Abstand größte Teil der Salzburger Sammlung besteht laut Holzinger aus Zeichnungen, unter anderem von Picasso und Munch. Doch auch Silbergefäße, Holzschnitte, Keramikschalen sowie Bronze-, Marmor- und Eisenkunstwerke, etwa von Rodin, wurden entdeckt.

Die Kunstwerke werden derzeit von Restauratoren bearbeitet und dokumentiert. Experten für Provenienzforschung sollen die Herkunft der Bilder klären. Die Ergebnisse sollen zeitnah veröffentlicht werden, damit sich „etwaige Anspruchsteller“ bei Gurlitts Anwälten melden können. Der 81-Jährige hatte seinen Vertretern explizit den Auftrag gegeben: „Sollten Werke unter begründetem Raubkunstverdacht stehen, dann gebt diese bitte an die jüdischen Eigentümer zurück.“

Das gilt auch für die Werke aus der Schwabinger Wohnung. Die hat noch immer die Augsburger Staatsanwaltschaft beschlagnahmt – zu Unrecht, wie Gurlitts Verteidiger finden. Sie hatten dagegen beim Amtsgericht Augsburg Beschwerde eingelegt, noch prüfen die Richter. Die Frist, innerhalb derer die Ermittler ihre Stellungnahme abgeben können, läuft nächste Woche ab. Sollte das Gericht Gurlitt Recht geben, müssten die beschlagnahmten Bilder sofort an ihn zurückgehen.

Schon sehr bald wollen seine Anwälte ein erstes Werk, das unter Raubkunst-Verdacht steht, restituieren: Gurlitt gibt das Porträt „Sitzende Frau“ von Henri Matisse zurück an die Familie des jüdischen Kunstsammlers Paul Rosenberg. Geschätzter Wert: ein niedriger zweistelliger Millionenbetrag. Das von den Nazis geraubte Werk gehörte zeitweise zur Kunstsammlung Hermann Görings und war auf Umwegen in den Besitz der Familie Gurlitt gelangt.

Mit weiteren Herausgaben von Exponaten in den nächsten Wochen sei zu rechnen. „Wir wollen jedoch erneut betonen“, so heißt es gestern Abend in einer Mitteilung der Anwälte, „dass nur wenige Prozent der Sammlung Cornelius Gurlitt unserer Rechtsauffassung nach unter Raubkunstverdacht stehen.“

Carina Lechner

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