S-Bahn-Stammstrecke

Gutachter: Zweite Röhre ist brandgefährlich

München - Das Sicherheitskonzept der Deutschen Bahn für die zweite Stammstrecke steht erneut in der Kritik. Ein Gutachter wirft dem Konzern lebensgefährliche Planungsfehler beim Brandschutz vor. Der Grund: Ein „logischer Denkfehler“.

Es gibt Planer, die hangeln sich nur von Richtlinie zu Richtlinie, sagt der Verkehrsexperte Martin Vieregg. „Manche gehen strikt nach Vorschrift vor, ohne den Kopf einzuschalten.“ So wie beim Bau des Bahnhofs Kassel-Wilhelmshöhe: Erst bei der Eröffnung 1991 fiel auf, dass man den Einbau von Toiletten vergessen hatte. Dumm gelaufen.

Etwas Wichtiges vergessen haben die Planer auch bei den Entwürfen für die zweite S-Bahn-Stammstrecke, sagt der Chef des Münchner Beratungs-Büros „Vieregg-Rössler“. Etwas Brandgefährliches.

Im Auftrag der Bürgerinitiative „S-Bahn-Tunnel Haidhausen“ hat Vieregg das Brandschutzkonzept für die geplante Röhre unter die Lupe genommen und dabei „schwerwiegende Fehler“ ausgemacht. Sollte es zu einem Feuer in dem 36 Meter tief liegenden Stopp am Ostbahnhof oder in den noch tieferen Haltepunkten an Marienplatz und Hauptbahnhof kommen, hätten die Fahrgäste nicht genug Zeit, sich in Sicherheit zu bringen – sagt zumindest der renommierte Gutachter.

Die Bahn hat ein mögliches Feuer per Simulation am Computer durchgespielt. In dem Szenario fängt ein Hartschalen-Koffer auf einem Sitz in einer S-Bahn an zu brennen – aus welchen Gründen auch immer. Schon die Auswahl dieses Szenarios kritisiert Vieregg, da es „völlig atypisch für Brände im System Eisenbahn“ sei. Ein Feuer an Motoren, Stromabnehmern oder Bremsanlagen sei viel wahrscheinlicher. Und weit gefährlicher. „Der Verdacht drängt sich auf, dass hier eine eher harmlose Brandursache ausgewählt wurde“, spekuliert Vieregg. Aber sei es drum – die Kritik wird noch viel schärfer.

Für ihre Simulation hat die Bahn laut Vieregg einen genormten Brandverlauf zugrunde gelegt. Danach ist das Feuer nach zehn Minuten noch recht klein, auch nach 20 Minuten ist die Wärmeentwicklung noch relativ gering. Nach Erkennen des Brandes beginnen starke Ventilatoren über dem Zug, den Qualm abzusaugen. Pro Sekunde ziehen sie so viel Luft ein, wie in ein Klassenzimmer passt. Den Fahrgästen bleibe so genug Zeit, durch unverrauchte Luft ins Freie zu flüchten.

Alles falsch – sagt Vieregg. Denn wird über dem Feuer Luft abgesaugt, wirke das stark brandbeschleunigend. Die ständige Zufuhr von Frischluft heize das Feuer erst so richtig an – das hätte die Feuerwehr durch Versuche bewiesen. Der Zeitpunkt, an dem das Feuer am größten ist, komme daher nicht erst nach 30 Minuten – wie die Bahn sagt – sondern schon nach 13 Minuten. Außerdem sei die Hitzeentwicklung um den Faktor vier bis fünf erhöht. „Das ist ein logischer Denkfehler“, warnt Vieregg. „Man wird umplanen müssen, das wird teuer“, glaubt der Experte. „Wenn man Pech hat, geht es überhaupt nicht.“

Davon kann überhaupt nicht die Rede sein, heißt es jedoch aus dem Verkehrsministerium. Die Vorwürfe seien schlicht falsch. „Mit dieser polemischen Art und Weise der Pressearbeit nimmt diese Bürgerinitiative billigend in Kauf, dass Fahrgäste ohne Not verunsichert werden“, ärgert sich Martin Zeil (FDP). „Als Verkehrsminister kann ich den Bürgern versichern, dass bei solch einem Großprojekt alle Beteiligten darauf Wert legen, dass die höchsten Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden.“

Auch die Bahn weist die Vorwürfe vehement zurück. Der Bemessungsbrand sei von der Universität Wuppertal in Zusammenarbeit mit der DB erarbeitet und vom Eisenbahnbundesamt genehmigt worden. „Verschiedene Brandszenarien wurden untersucht“, versichert der Konzern. Selbstverständlich sei in den Simulationen auch geprüft worden, ob und wie sich Luftzufuhr brandbeschleunigend auswirke. Oder eben auch nicht.

Vieregg kann sich darüber nur wundern. In den Unterlagen der Bahn sei davon nichts zu finden, sagt er. Er bleibt bei seinen Vorwürfen.

Die Bahn muss nicht zum ersten Mal Kritik einstecken. Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) mahnte bereits mehrfach an, dass ein sicherer Betrieb des Hauptbahnhofs im Evakuierungsfall nicht gewährleistet sei. Auch Martin Runge, Grünen-Chef im Landtag, warnt gebetsmühlenartig vor „gravierenden Mängeln“ beim Brandschutz und zu langen Fluchtwegen. Bislang hat die Bahn sämtliche Bedenken stets zurückgewiesen.

Von Thomas Schmidt

Rubriklistenbild: © dpa

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