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Abzocke? Rentnerin soll 100.000 Euro zahlen

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Was ist ein angemessener Preis für Handwerker? Eine Rentnerin musste 100.000 Euro zahlen und ist jetzt vor Gericht gezogen. © dpa

München - Es begann mit einer verstopften Toilette. Am Ende hat eine Münchner Rentnerin einer Handwerksfirma für Arbeiten in ihrer 3-Zimmer-Wohnung mehr als 100.000 Euro bezahlt. Heute streitet sie vor dem Landgericht um angemessene Preise.

Viele Stunden hat Rechtsanwältin Bianca Steger gebraucht, um sich einen Überblick zu verschaffen. Hat den Stapel von Angeboten und Rechnungen sortiert. Versucht, anhand der Berichte von Hilde G. (Name geändert) zu rekonstruieren, was genau in der Zeit von Januar bis Ende November 2011 passiert ist, in der Karl R. (Name geändert) mit seinen Mitarbeitern immer wieder in ihrer Wohnung gewerkelt hat. Und wofür die Rentnerin insgesamt mehr als 100.000 Euro gezahlt hat. „Es gibt für alles Angebote und Rechnungen“, sagt Bianca Steger, „doch die werfen viele Fragen auf.“ Sind die Preise angemessen? Sind die Abschlagszahlungen normal? Durfte er all die Sachen so abrechnen? Sie hofft, beim Termin vor dem Landgericht am Freitag zumindest einige Antworten zu bekommen.

Rentnerin Hilde G. ist nicht misstrauisch. Die 69-Jährige ist eine stille, oft ängstliche Frau, lebt sehr zurückgezogen, hat keine Kinder oder Freunde. Handwerker Karl R. trete souverän und bestimmt auf, so Bianca Steger. Hilde G. hinterfragt nichts, vertraut seinem Rat. Ab Januar 2011 ist die Firma auf Empfehlung des Hausmeisters wegen einer verstopften Toilette und verstopfter Ablaufleitungen mehrmals in Hilde G.s Wohnung. Danach prüft die Firma die Heizung, erneuert dann Heizkörper und Heiztherme. Sein Angebot: rund 25.000 Euro, was als Festpreis zu verstehen sei. Am Ende stellt er 29.000 in Rechnung. Hilde G. bezahlt.

Bald darauf macht ihr der Handwerker ein Angebot für ein neues

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Viel Zeit brauchte Anwältin Bianca Steger, um alle Angebote und Rechnungen zu sichten. © Lehmann

Bad und ein neues WC. Etwa acht Quadratmeter ist das Bad groß, etwa zwei die Toilette. Rund 29.000 Euro soll es kosten. Hilde G. unterschreibt das Angebot. Und überweist ein paar Tage später eine erste Abschlagszahlung über 20.000 Euro. Einen Monat später wird eine zweite Abschlagszahlung fällig – wieder 20.000 Euro. Am Ende bezahlt sie statt 29.000 Euro 42.000. Rund 40.000 veranschlagt Karl R. noch für Zusatzarbeiten – Maurerarbeiten, Wände verputzen, neue Fliesen für die Küche – diesmal wieder mit dem Zusatz „den angebotenen Endpreis bestätigen wir Ihnen als Festpreis“. Am Ende werden daraus 45.000. Für seine Planungs- und Beratungsarbeit und die Bauleitung verlangt der Handwerker nochmals 12.000 Euro: Er legt Hilde G. das Angebot vor, sie unterschreibt es. „Am gleichen Tag ist sie gemeinsam mit ihm zur Bank gefahren und hat es ihm bar ausbezahlt“, sagt Bianca Steger.

Die letzte Rechnung zahlt Hilde G. nicht mehr: 1755 Euro will der Badexperte für das Ausbessern, Abschleifen und Versiegeln ihres Küchenbodens abrechnen. „Zwischen den einzelnen Holzbohlen klafften aber offene Spalten“, sagt Bianca Steger. Außerdem besorgte Karl R. für seine Kundin einen neuen Kühlschrank. Kostenpunkt: 599 Euro – „für eine Billigmarke“, wie Steger sagt – plus 225 Euro für die Lieferung, Montage und Entsorgung des alten Kühlschranks. 58 Stunden ließ er die Wohnung nach Abschluss der Arbeiten noch reinigen – für 2117 Euro. 450 Euro extra veranschlagte er für die Reinigungsmittel.

Hilde G. erzählt ihrem Cousin von dem Erlebten. Der stellt den Kontakt zu Bianca Steger her. „Vieles ist undurchsichtig, schwer nachvollziehbar“, sagt die Anwältin. Die letzte, ausstehende Rechnung hat Karl R. schon mehrmals angemahnt. Bianca Steger hat zunächst versucht, zu vermitteln, einen Kompromiss mit dem Handwerker zu finden. Ohne Erfolg. Dann nahm sie Kontakt zur Innung für Spengler, Sanitär- und Heizungstechnik auf. Dort verwies man sie, nachdem sie alle Unterlagen eingeschickt hatte, an externe Gutachter. „Die kosten Geld, wir müssten also in Vorleistung gehen“, sagt Steger. „Die Unterlagen waren so umfangreich, das übersteigt unsere Kapazitäten“, sagt Marlies Rudrich, die in der Schlichtungsstelle der Innung arbeitet. Normalerweise versucht sie zu vermitteln. „Wir schreiben bei Streitigkeiten den Betrieb an, bitten um eine Stellungnahme.“ Meldet sich der Betrieb aber nicht, kann sie nichts unternehmen. Doch auch sie ist angesichts mancher Geschäftsvorgänge in diesem Fall verwundert. „Festpreisgarantie bedeutet, dass es bei dem Preis bleibt, alles andere müsste schriftlich festgehalten werden.“ Auch Anzahlungen in der Höhe seien unüblich. „50 Prozent zu Beginn, 40 in der Mitte der Arbeiten und 10 am Ende“ seien normal.

Bianca Steger wandte sich wegen des Streits um die letzte Rechnung auch an die Handwerkskammer. Diese schrieb Karl R. an, bat um eine Stellungnahme. Das Resultat war ernüchternd: „Die Firma ist unserer Aufforderung zur Stellungnahme nicht nachgekommen. Wir stellen unsere Vermittlungsbemühungen damit ein“, so das letzte Schreiben der Kammer. „Wir haben keine Handhabe“, sagt auch Rudolf Baier, Sprecher der Handwerkskammer. Man versuche bei einem Streit zwischen Betrieb und Kunde zu schlichten. „Wenn der Betrieb das ablehnt, weil er sich im Recht glaubt, muss der Kunde eben vor Gericht ziehen.“

Im September reichte Bianca Steger im Namen ihrer Mandantin schließlich Klage ein. Dabei klammert sich die Anwältin an ein Detail: die Festpreisgarantie. „Zumindest soll er die Differenz zwischen dem Betrag im Angebot und dem Endpreis zurückzahlen, wenn im Angebot etwas von Festpreis stand.“

Handwerker Karl R. kann die Aufregung nicht verstehen. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen.“ Er habe die Wohnung, die in einem katastrophalen Zustand gewesen sei, komplett saniert. „Ich habe alle Arbeiten perfekt ausgeführt, genauso wie es die Dame haben wollte.“ Die Festpreisgarantie stehe lediglich auf seiner Homepage, nicht aber auf Angeboten für Hilde G.

Ihr neues Bad wird diese kaum noch nutzen – sie möchte bald in ein Altersheim umziehen.

Doris Richter

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