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Keiner hat München so geprägt wie Hans-Jochen Vogel, den sie eine Weile den „Vogel Hansi“ nannten – auch, weil er ein Freund einfacher, pragmatischer Lösungen war.

Zum Geburtstag

Hans-Jochen Vogel: Der Vater des modernen München wird 90

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München - Hans-Jochen Vogel hat als Oberbürgermeister München zu einer weltoffenen Metropole gemacht. Heute wird er 90. Ein Besuch bei einem altersmilden Jubilar, der den Jungen immer noch sehr viel zu sagen hat. Über die Vergangenheit. Und über die Gegenwart.

Hans-Jochen Vogel hat keine E-Mail-Adresse, er hat auch keine Sekretärin. Will man Hans-Jochen Vogel im Seniorenheim Augustinum in München-Großhadern besuchen, schreibt man ein Fax. Es kann ein paar Tage dauern, aber dann ruft Vogel zurück. Der Mann ist altmodisch – und doch immer noch voll auf der Höhe der Zeit.

Hans-Jochen Vogel wird heute 90 Jahre alt. Seine Geschichte ist deutsche Geschichte. Er war Münchner Oberbürgermeister, als die einstige Hauptstadt der Bewegung den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele bekam und endlich wieder ein weltoffenes Gesicht zeigte. Er war Bundesjustizminister zu Zeiten des RAF-Terrors, Regierender Bürgermeister von West-Berlin, Kanzlerkandidat gegen Helmut Kohl. Und SPD-Chef, als Deutschland wieder zu einem Land zusammenwuchs. Heute, im hohen Alter, hat sich Vogel rar gemacht. Aber er schaut immer noch bei Festtagen seiner SPD vorbei, kämpft für den Tunnel unter dem Englischen Garten, bald erscheint ein neues Buch mit Reden.

Im Augustinum hat Vogel einen kleinen Konferenzraum reserviert, er bestellt Schwarztee. Eben war er noch beim Friseur, im Anschluss hat er einen Termin mit jemandem vom Verlag. Vogel mag 90 sein, mit Stock gehen, aber er sieht sehr gut aus, ist eine ganze Stunde voll konzentriert, sagt kein unüberlegtes Wort, kein einziges. Er hat sich diese Akribie beibehalten, mit der er über Jahrzehnte politische Feinde und Freunde beeindruckt hat. Vogel erzählt keine witzigen Anekdoten, wenn man ihn etwa fragt, wie das war, als er 1962 seinen ersten Tag als OB hatte, mit gerade mal 34 Jahren. Dem Mann geht es um das große Ganze. Noch immer. Und: Vogel schaut zufrieden auf sein langes politisches Leben in München, Bonn, Berlin.

Auch ein bisschen altersmilde? „Das würde ich in einem gewissen Umfang bejahen“, sagt Vogel. Da ist zum Beispiel sein erbitterter Streit mit den jungen Linken in den hitzigen 60er-Jahren. Inhaltlich, sagt er, bereue er nichts. Aber: „In der Tonart war ich manchmal etwas scharf.“ Die Jungsozialisten, darunter sein Nach-Nachfolger Christian Ude, wollen damals mit ihm über die Arbeitnehmerrechte in Jugoslawien oder die kubanische Revolution diskutieren. „Vogel sprach lieber über Trambahnen“, erinnert sich Ude. Vogels Motto: Was geht mich Kuba an, wenn die Stadt eine neue Trambahn braucht? Sein Verständnis für die Jugendrevolte – gering.

Als in München tagelang die „Schwabinger Krawalle“ toben, Polizei und Studenten aufeinander losgehen, ist Vogel, der selbst Jura studiert hat, vor Ort. Um sich ein Bild vom Protest zu machen. Da kommt es zu dieser Szene, zumindest wird sie hinterher so verbreitet: Ein junger Mann wird festgenommen, er bittet Vogel um Hilfe. Seine angebliche Antwort: „Auf Früchtchen wie dich haben wir in unserer Stadt München gerade noch gewartet, die eigens hierherkommen, um Krawall zu machen. Abführen!“ Vogel wird angezeigt, wegen Beleidigung. Das Verfahren wird später eingestellt, vielleicht war alles ganz anders. Aber allein dass ihm die Wortwahl zugetraut wird, das sagt viel über den Ruf des SPD-Politikers bei den jungen Linken.

Vielen ist heute die Ablehnung von früher peinlich. Auch Ude, später selbst der „Bürgerkönig“. Die 77,9 Prozent der Stimmen, die Vogel 1965 holte, erreichte aber selbst Ude nie. Er sagt heute: „Vogel war der personifizierte Fortschritt.“ Das moderne München, das ist es, was von Vogels Amtszeit bleibt. Blickt man auf die zwölf Jahre von 1960 bis 1972, sieht manche Debatte von heute schrecklich klein aus. 1963 legt Vogel einen langfristigen Entwicklungsplan vor. Darin Pläne, die heute abenteuerlich wirken, wie ein Schnellstraßenkreuz mitten in der Stadt. Daraus wurde nichts, zum Glück. Aber Vogel lässt die U-Bahn bauen. Und er holt die Olympischen Spiele nach München, und zwar in rekordverdächtig kurzer Zeit, in wenigen Monaten. An seinem letzten Tag im Amt ein Meilenstein: Er eröffnet die Fußgängerzone zwischen Marienplatz und Stachus. 30 000 Münchner verabschieden sich von ihm. Seine Münchner. Vogel liebt diese Stadt.

Spricht man ihn darauf an, dass er in Göttingen und Gießen aufwuchs, fällt einem der sonst höflich-feine Herr Vogel ins Wort. „Sechs von acht Urgroßeltern“, betont er, liegen auf Münchner Friedhöfen. Vogel, ein Ur-Münchner, dessen Vater, ein Professor für Tierzucht, berufswegen umziehen musste. Bayern blieben die Vogels, auch im Exil.

Vogel blickt heute voller Stolz auf seine OB-Zeit zurück. Als sehr selbstbewusst galt er schon damals. Im Umgang mit einfachen Leuten, bilanziert unsere Zeitung 1972, sei Vogel „mehr das Anhimmeln als eine kritische Grundhaltung gewohnt gewesen“. Es waren andere Zeiten, weniger hektisch vielleicht, unaufgeregter. Gegen Olympia seien zu seiner Zeit „nicht mal die 68er gewesen“, betont er. „Die Neigung, gegen etwas zu sein, scheint mir zugenommen zu haben.“ Er haut auf den Tisch im Augustinum, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

Vogel steht für viele Menschen für eine Politiker-Generation mit Überzeugung und Rückgrat. Zu Oskar Lafontaine, den SPD-Abtrünningen, sagt er heute, den Namen will er nicht mehr in den Mund nehmen. Es ist auch die Solidarität zur SPD, die ihn 1972 dazu bringt, sein geliebtes München zu verlassen – um nach Bonn zu gehen. Dort arbeitet er Seite an Seite mit seinem Freund Helmut Schmidt. Der hat kurz vor seinem Tod im November noch ein Vorwort für Vogels Buch geschrieben, in dem er betont, welch große Stütze Vogel als Justizminister für ihn, den Kanzler, war – zu Zeiten des RAF-Terrors. Als palästinensische Terroristen im Olympiadorf israelische Sportler in ihre Gewalt bringen, bietet Vogel sich als Ersatzgeisel an. OB ist er da schon nicht mehr.

Fehlen heute Typen wie Schmidt und er? „Ich weigere mich zu sagen, dass die, die heute politische Verantwortung tragen, den alten Generationen nicht das Wasser reichen können“, sagt er. „Sie machen Fehler, weil Menschen eben Fehler machen. Das war bei uns nicht anders.“

Und so äußert sich Vogel vorsichtig zur Flüchtlingspolitik. „Die Entscheidung von Frau Merkel, im September die Grenzen zu öffnen, hat mich beeindruckt, und die Reaktion der Münchner hat mich sogar ein bisschen stolz gemacht.“ Trotzdem sei ihm klar, dass die Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung begrenzt ist – begrenzter wahrscheinlich als die theoretischen Ressourcen eines so reichen Landes. Vogel sagt: „Dass 60 Jahre Frieden herrscht in Europa, hält Ihre Generation für selbstverständlich.“ Er selbst war in der Hitlerjugend, hat an der Kriegsfront gekämpft. „Ich hätte es mir nicht vorstellen können.“

Die Herausforderung Migration gibt es auch schon zu Vogels Zeit. Es ist die Phase, in der Gastarbeiter angeworben werden und die Stadt anfängt, zu der internationalen Metropole zu werden, die sie heute ist. In Vogels zwölf Rathaus-Jahren wächst München um 300 000 Menschen, davon sind 80 000 Ausländer. Seit Vogel nicht mehr im Amt ist, sind nur noch um die 200 000 Einwohner dazugekommen, es sind jetzt 1,5 Millionen. „Zur Zeit entsteht ja der Eindruck, man habe das erste Mal mit einer erheblichen Zuwanderung zu tun“, sagt er. „Dieser Eindruck ist nicht richtig.“ Vogel, der Pragmatiker, lässt damals auch die Stadt wachsen. Er baut Straßen, Bahnlinien – und 175 0000 Wohnungen. Mammut-Aufgaben, vor denen heute Oberbürgermeister Dieter Reiter, SPD, wieder steht. Der schwärmt von Vogels „Detailschärfe, Hartnäckigkeit und Entscheidungsstärke“.

Morgen wird im Rathaus zu seinen Ehren viel Bundesprominenz erwartet, so ist das, wenn ein Ur-Gestein 90 wird.

Hans-Jochen Vogel freut sich über die warmen Worte, er ist fit genug mitzufeiern. „Ich beschwere mich nicht“, sagt er, der Parkinson hat. „Meine Frau und ich wollen jetzt mehr Ruhe – und wir haben immer das Bewusstsein, dass die Zeit, die vor uns liegt, begrenzt ist.“ Schon vor zehn Jahren sind die beiden zusammen ins Augustinum gezogen, es ist ihr Zuhause geworden.

Für die Zukunft seiner Stadt hat Vogel ein gutes Gefühl. Verliert München sein Gesicht? Ach, die Debatten gab es schon zu seiner Zeit, winkt er ab. Das könne er bis heute nicht erkennen – auch, weil in der Innenstadt noch immer keine Hochhäuser gebaut werden. München ist sich, zumindest im Großen und Ganzen, treu geblieben. So wie sein großer Alt-Oberbürgermeister, Hans-Jochen Vogel.

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