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Am 1. Mai seit 40 Jahren im Amt: Hans Podiuk sitzt seit 1978 für die CSU im Stadtrat

Interview mit gescheitertem OB-Kandidaten

Hans Podiuk - seit 40 Jahren in der CSU-Stadtratsfraktion: „Die Partei gibt es nicht“

Hans Podiuk ist inzwischen über 40 Jahre in der CSU-Stadtratsfraktion. Im Interview spricht der 71-Jährige über Höhen und Tiefen und sagt: „Die Partei gibt es nicht“.

München - Hans Podiuk macht einen entspannten Eindruck. Zum Interviewtermin im Ratskeller bestellt der 71-Jährige einen trockenen Frankenwein. Podiuk ist noch ein Politiker vom alten Schlage. Seit 1978 sitzt er für die CSU im Stadtrat. 40 Jahre werden es am 1. Mai. 2020 aber ist definitiv Schluss. Im Interview zum Jubiläum erzählt Podiuk von seiner Kindheit im Gärtnerplatzviertel, von der gescheiterten OB-Kandidatur 2002 und von seinem Verhältnis zur CSU, mit der er, wie er sagt, zu 70 Prozent einverstanden ist.

-Herr Podiuk, bis 1988 hatten Ihre Eltern einen Tante-Emma-Laden am Gärtnerplatz. Denken Sie daran mit Wehmut zurück?

Ich denke zurück, aber nicht mit Wehmut. Meine Eltern wollten, dass ich den größeren Laden gegenüber übernehme. Das waren 100 Quadratmeter, damals so etwas wie eine Weltsensation. Wir waren drei Brüder, und keiner hat es übernommen, weil wir alle die Arbeit schon in dem kleinen Laden gesehen haben. Da klingelten die Leute auch mal samstags oder sonntags an der Hintertüre. Und du musstest denen öffnen, sonst kamen sie am Montag nicht mehr.

-Was ist heute in dem Laden?

Eine Zeit lang war ein Andenkenladen drin. Aber ich bin schon lange nicht mehr dort gewesen. Die Baaderstraße hat sich verändert. Früher waren wir in einem Mietshaus zehn Parteien mit acht Kindern, heute sind vielleicht in der ganzen Straße acht Kinder.

-Sie wollten lieber in die Verwaltung.

Ich war immer im Bereich Kaufmann. Ich habe auch schon die Prüfung zum Sparkassenlehrling bestanden. Meine Mutter hat damals gesagt, ich solle zum Staat gehen. Das sei auf lange Sicht sehr richtig. Aus Sicht meiner Schulkameraden war es das nicht. Damals habe ich 70 Mark bekommen, alle anderen hatten ungefähr 120. Aber ich bin meiner Mutter gefolgt und habe es nie bereut.

-Was missfällt Ihnen in München?

Das Tempo der Veränderungen. Das ist eine Herausforderung. Wenn ich dran denke, wie lange die Diskussion gedauert hat, die Straßenbahn durch die Neuhauser Straße und am Marienplatz wegzubekommen. Da haben wir 15 oder 18 Jahre diskutiert. Heute sind Entscheidungen schneller, wobei ich auch zugebe, dass man manche Entscheidungen damals getroffen hat, die man heute nicht mehr so treffen würde.

-Zum Beispiel?

Die Messestadt hätten wir wahrscheinlich höher bauen und die Messe ganz in den Osten schicken müssen, um möglicherweise noch Verhandlungsraum für Freiflächen zu haben. Die Zufahrten sind auch zu klein. Aber es konnte damals niemand ahnen, dass die Messe so ein Erfolgsmodell werden würde.

Tragende Rolle: Podiuk 1996 mit Peter Gauweiler, Uli Wagner und Berndt M. Hirsch (FDP). In den Säcken tragen sie symbolisch 60 000 Unterschriften für die Ringtunnels.

-Seit 2004 sind fast 300 000 Menschen nach München gezogen. Hat die rot-grüne Stadtregierung verkehrs- und wohnungspolitisch vorausschauend genug geplant?

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, da sind zur Entlastung Viertel wie Perlach, Oberwiesenfeld und Freiham geplant worden. Das war Anfang der 70er. Dann war lange Stillstand, und auf einmal explodieren die Zuzugszahlen. Das war so nicht vorherzusehen. Als Stadtrat liegst du nicht immer richtig oder falsch, sondern du musst zu dem Zeitpunkt eine Entscheidung treffen, wenn die aktuellen Informationen vorliegen. Aber in den letzten Jahren hat Rot-Grün die Entwicklung schon verschlafen.

-Sie waren und sind der ruhende Pol in der Fraktion, hatten auch nie ein Problem damit, ins zweite Glied zu rücken. Gefällt Ihnen diese Rolle?

Ich bin in der Politik, weil es mir Spaß macht, sonst würde ich den Ärger und den Verlust der Freizeit auch nicht in Kauf nehmen. Und ich muss nicht immer in der Zeitung stehen. Ich will meine Ideen durchbringen. Da ist es manchmal besser, nicht oder nicht zu früh in der Zeitung zu stehen. Und das mit der zweiten Linie war nie kalkuliert. Das hat sich aus der Situation so ergeben.

-Es heißt, Ihr schönster Moment sei die Wahl von Josef Schmid zum Bürgermeister gewesen. Stimmt das?

Ich bin 1978 in eine absolute Mehrheitsfraktion reingekommen unter OB Erich Kiesl. Da ist in der Fraktion bis 8 oder 9 Uhr abends diskutiert worden, weil dort die Entscheidungen gefallen sind. So hat der Stadtrat dann abgestimmt. Das war 1984 alles weg. Und das ging 25 Jahre so. Nach 25 Jahren Oppositionszeit waren wir plötzlich wieder dabei. Das war ein prägender Moment.

-Die CSU hat 1984 die absolute Mehrheit verloren, Georg Kronawitter (SPD) gewann gegen Erich Kiesl. Lag das nur an der Stärke Kronawitters?

Ich bin im Februar 84 mit Erich Kiesl vom Rathaus rüber zum Kaufhof. Allein für das kleine Stück haben wir eine halbe Stunde gebraucht, weil eine Wolke an Leuten um ihn herumstand. Und ganz hinten, etwa auf der Höhe des Sigi-Sommer-Denkmals, stand der Kronawitter mit Moosröschen, ganz allein wie die Zeugen Jehovas... Das hat sich gedreht. Der Kiesl hat viel für die Stadt getan. Aber er hat sich auch selbst viel wieder kaputtgemacht.

-2002 sind Sie zur OB-Wahl angetreten ...

... angetreten worden (lacht).

-War das Ihr größtes Opfer oder Ihre größte Niederlage?

Eine Niederlage war es. Aber das habe ich vorausgesehen. Wir hatten 1999 den Aribert Wolf aufgestellt, der hat über 37 Prozent geholt. Und da dachte ich, dass der auch 2002 antritt, weil der ja schon mal Probe gelaufen ist. Aber es war relativ bald klar, dass Aribert Wolf schon aus der Partei beschossen wurde und keine Chance mehr hatte. Dann haben wir auf den Hans-Peter Uhl gesetzt. Der wollte aber unbedingt auch Parteivorsitzender werden, da waren viele dagegen. Unterdessen hingen schon die ersten Ude-Plakate im September 2001, und wir hatten noch nicht mal einen Kandidaten. Also hieß es, entweder Johannes Singhammer oder ich. Der war als Bundestagsabgeordneter in den kommunalpolitischen Themen nicht so drin. Und da habe ich gesagt, ich mache es.

Weil Johannes Singhammer (u. re.) nicht zog, sprang Podiuk 2002 als OB-Kandidat ein. Eine Chance hatte er nicht.

-Wolf war der Kandidat nach der Hohlmeier-Affäre. Denken Sie noch daran?

Das vergisst du nicht. Von der Seite hatte ich auch zunächst gar keinen Ärger erwartet. Und zu Beginn war das ganze Ausmaß der Affäre nicht so klar. Das hat man erst nach der ersten Verurteilung gemerkt.

-Hat Sie die Affäre an der Partei zweifeln lassen?

Die Partei gibt es nicht. Es sind immer die handelnden Personen. Und hinter der Partei stehst du nicht zu 100 Prozent. Wenn du zu 70 Prozent einverstanden bist, dann ist das eine gute Quote.

-Aber Sie sind bewusst in die CSU eingetreten.

Ja, wegen dem Ziel der Wiedervereinigung. Und zwar 1969. Ich war auf Einladung eines Nachbarn bei einer Veranstaltung der SPD mit einem ihrer Bundestagsabgeordneten. Und den habe ich öffentlich gefragt, was er für die Wiedervereinigung tut. Da bin ich ausgepfiffen worden. Da wusste ich, hier bin ich nicht richtig.

-Wo fehlen Ihnen denn die 30 Prozent zu Ihrer Partei?

In manchen Bereichen ist sie mir nicht stringent genug. Ich weiß, es ist unpopulär. Aber wenn es heißt, es gibt 230 000 Ausreisepflichtige, und es werden 20 abgeschoben, dann sage ich, wo leben wir? Und bei der Sozialpolitik müsste mehr Geld für die wirklich Bedürftigen ausgegeben werden und nicht nach dem Gießkannen-Prinzip verteilt. Aber ich bin eben auch nicht die Partei.

-Wie sind Sie mit der Kooperation mit der SPD im Rathaus zufrieden?

Man spürt, dass wir eine Kooperation sind. Und mir war vorher klar, du musst da Sachen zustimmen, da wäre mir vor zwei, drei Jahren noch die Hand abgefallen. Aber der Kompromiss ist ja das Wesen der Kooperation.

-Sie äußern sich im Stadtrat nicht mehr so oft wie früher.

Man muss sich der Gefechtsordnung anpassen. Und der jeweilige Vorsitzende muss wenigstens die Hauptlinie der Fraktion vertreten können. Da brauchst du nicht vier oder fünf Stadträte, die querschießen. Gegenstimmen werden in der Fraktion ohnehin schon beäugt. Und Gegenreden sollte es gar nicht geben. Denn dann kommen wieder die Zeitungen und schreiben von Differenzen bei der CSU.

-Könnte der Fraktionsvorsitzende demnächst wieder Podiuk heißen?

Diese Überlegungen spielen keine Rolle.

-Das heißt, Stand jetzt ist es kein Thema?

Das ist sehr gut. Damit bin ich zitabel.

-Wen empfehlen Sie Ihrer Partei als OB-Kandidat?

Das ist eine sehr gute Frage, ich denke bereits kräftig nach (lächelt süffisant). Wir werden uns im Herbst mit der Frage befassen müssen. Wer es auch wird, er oder sie, hat wenig Zeit, sich bekannt zu machen. Eineinviertel Jahre bis zur Wahl. Das ist für jeden schlecht.

-So wie wir Sie kennen, sind Sie mit sich im Reinen, gehen aber sicherlich mit einer Träne im Knopfloch.

Man geht mit einer Träne im Knopfloch. Aber 2020 werde ich 74. Wahrscheinlich ist auch mir nicht das ewige Leben gegeben. Da möchte ich auch noch ein paare Jahre die absolute Freiheit haben. Wissen Sie, obwohl ich nicht mehr kandidiere, laufe ich, weil ich so gestrickt bin, noch zu jedem Vereins- oder Priesterjubiläum. Und dann heißt es, pass auf, Samstag haben wir keine Zeit zum Wandern, dafür haben wir Sonntag auch keine Zeit. Ich bin dann 42 Jahre im Stadtrat. Dann ist es gut. Wenn ich noch mal antreten würde, wäre ich bei der übernächsten Wahl 80. Da tragen sie dich dann raus.

-Wann schreiben Sie Ihre Memoiren?

(lacht)Das habe ich nicht vor. Das Buch müsste außerdem auch keine 30, sondern vielmehr 60 Jahre unter Verschluss gehalten werden, damit man die handelnden Personen nicht mehr erkennt.

Interview: Klaus Vick,
Sascha Karowski

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