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Ein Foyer für die Stadt: Ein 20 Meter hohes Portal soll vom Empfangsgebäude auf den verkehrsberuhigten Bahnhofsplatz führen.

Stadt und Bahn einig

Hauptbahnhof-Neubau notfalls ohne Zweite Stammstrecke

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München - Der Münchner Hauptbahnhof wird neu gebaut, auch wenn die zweite Stammstrecke nicht kommen sollte. Das hat ein Bahn-Manager gestern bekräftigt. Die Pläne  sind weit gediehen. Am 15. April sollen sie im Stadtrat vorgestellt werden.

"Wir waren noch nie so nah dran“. In dieser Einschätzung waren sich Stadtbaurätin Elisabeth Merk und André Zeug, Vorstandsvorsitzender der DB Station & Service AG, einig, als sie gestern die Presse zum Gespräch baten. Anläufe zum Neubau des Empfangsgebäudes hat es über Jahrzehnte immer wieder gegeben. Doch das, was Merk nächste Woche in den Stadtrat einbringen will, hat beste Chancen, auch umgesetzt zu werden.

Ein „Hochpunkt“ als Akzent am Westende der Bahnachse: 75 Meter misst das Gebäude am Starnberger. Hier die Ansicht von Westen, rechts die Paul-Heyse-Unternführung.

Basis der Planung ist nach wie vor der Sieger-Entwurf des Münchner Architekturbüros Auer und Weber aus einem Wettbewerb von 2006. Aus Kostengründen hatte die Bahn seinerzeit eine abgespeckte Version erarbeitet, die aber im Stadtrat durchfiel. Nun sei im Konsens von Bahn, Stadt und Architekten „eine gute Lösung für die Stadt München“ gefunden worden, so Zeug. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) begrüßt den Entschluss der Bahn, am Entwurf festzuhalten. Er sieht in dem Projekt die Chance, „die Bahnhofsgebäude und das Umfeld ganzheitlich neu zu entwickeln und aufzuwerten.“

Zentrales Ziel war es, aus dem Bahnhof ein „Tor zur Stadt“ zu machen, betonte Architekt Martin Klemp aus dem Büro Auer und Weber. Die Empfangshalle greift die Höhe der umgebenden Gebäude mit bis zu sechs Obergeschossen auf. Sie soll ein „StadtFoyer“ bilden, dessen mächtiges, 20 Meter hohes Portal sich nach Westen zum völlig vom Autoverkehr befreiten Bahnhofsplatz öffnet. Damit werde auch die Schützenstraße endlich als Fußgängerzone wahrgenommen, so Klemp.

Die Offenheit setzt sich unterirdisch fort: Das gerade frisch renovierte U-Bahn-Verteilergeschoß soll mit einer breiten Passage an die Untergeschosse des Empfangsgebäudes angeschlossen werden. Die Wegeverbindungen im Bahnhof bleiben dadurch weitgehend gleich – mit einer Ausnahme: Im Zentrum der Empfangshalle eröffnet der „Nucleus“, eine große Galerie, den Weg zum 40 Meter tiefer liegenden Bahnhof der Zweiten Stammstrecke.

„Wir gehen davon aus, dass die Zweite Stammstrecke kommt“, sagt Klemp. Bahn-Manager Zeug hofft, dass innerhalb der kommenden zwei Monate der Planfeststellungsbeschluss für den Westabschnitt vorliegt. Dann, so Merk, wolle die Stadt „Gewehr bei Fuß stehen“.

Stammstrecke und Bahnhof seien eng verzahnt, räumt Zeug ein. Im zeitlichen Ablauf habe der Tunnel Vorrang. Der Bau der Empfangshalle werde drei Jahre vor der Inbetriebnahme der Stammstrecke beginnen. 2026, so Zeugs optimistischste Schätzung, könne alles fertig sein. Doch sollte sich die Stammstrecke erneut verzögern, bedeute das nicht das Aus für den Bahnhof. Wenn der Stadtrat zustimmt, will Zeug die Planung notfalls auch ohne zweite Röhre umsetzen. Das Okay der Bahn-Spitze habe er, versicherte der Manager.

Ein „Hochpunkt“ als Akzent am Westende der Bahnachse: 75 Meter misst das Gebäude am Starnberger. Hier die Ansicht von Westen, rechts die Paul-Heyse-Unternführung.

Neu gebaut wird nicht nur die Empfangshalle, sondern auch der Starnberger Flügelbahnhof. Als optischen Endpunkt der „Stadtkante“ an der Nordseite der Bahntrasse sieht der Entwurf hier ein 75 Meter hohes Hochhaus vor, das als Büroturm oder Hotel genutzt werden könnte. 200 Tiefgaragenplätze und 750 Radl-Stellplätze in dezentralen unterirdischen Anlagen komplettieren das Projekt, dessen Kosten Zeug zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Euro schätzt. Zahlen werde das die Bahn aus eigenen Mitteln. Die im Westen anschließende Gleishalle ist nicht Teil der Neubau-Planungen: Sie steht unter Denkmalschutz und soll nur technisch saniert werden.

Bis Ende April/Anfang Mai können die Stadtratsfraktionen nun über den Entwurf diskutieren. Spätestens am 6. Mai soll dann eine Entscheidung fallen. Gibt der Stadtrat grünes Licht, beginnen die Detailplanungen. Die können noch viele Probleme zu Tage fördern: Das gesamte Gebäude ist statisch gewissermaßen eine Brücke, die vielfach unterbauten Untergrund überspannt. Auch die Frage, wie Verkehrsströme gelenkt werden sollen und wie eine bis zu zehn Jahre währende Großbaustelle logistisch zu bewältigen ist, muss beantwortet werden. Und schließlich müsste der Stadtrat ein Limit aufheben, das er 2002 selbst gesetzt hat. Damals wurde eine Obergrenze für die Handel- und Gastronomieflächen im Hauptbahnhof gesetzt. Der vorliegende Entwurf sprengt diesen Deckel, vor allem im Starnberger Flügelbahnhof: Dort waren im Wettbewerbsmodell 2006 für Handel und Gastronomie 2500 Quadratmeter vorgesehen, jetzt sind es 7000. Doch die Verwaltung ist zuversichtlich, diese „Anpassung“ mit Blick auf die gestiegene Kaufkraft der Münchner plausibel begründen zu können.

Peter T. Schmidt

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